03.02.2026

Wie viel Sicherheit braucht die Kunst?

Spektakuläre Diebstähle zeigen immer wieder, wie verletzlich Kunstwerke sind. Allianz-Kunstexperte Markus Keller erklärt, wie eine gezielte Absicherung Verlust und Zerstörung verhindert und die Freude am Kulturgenuss bewahrt.

Zur Person

Markus Keller ist Leiter des Underwriting-Bereichs Kunst Süd bei der Allianz Versicherungs-AG. Er studierte Romanistik und Kunstgeschichte in Konstanz, Florenz und Freiburg im Breisgau. Nach seinem Berufseinstieg 1994 als Kundenbetreuer in einer norddeutschen Kunstgalerie wechselte er 2001 in die Kunstversicherung und arbeitet seitdem als Underwriter in München. Sein Motto ist: »Kunst ist Leidenschaft.« Mit dieser Leidenschaft begleitet er die Versicherung von vermögenden Kund:innen, Kunstsammlungen, Galerien und Museen.

Ein Schlag, ein splitterndes Geräusch und ein kurzes Zeitfenster. Nur zwischen vier bis sieben Minuten brauchten die Täter im Oktober 2025, um Teile der französischen Kronjuwelen aus dem Louvre zu entwenden. Der Fall reiht sich ein in eine Serie spektakulärer Diebstähle der vergangenen Jahre, von denen auch große deutsche Museen in Berlin und Dresden betroffen waren. Fälle wie diese werfen eine Frage auf, die weit über die Schlagzeilen hinausgeht: Wie sicher ist Kunst eigentlich?

Für Markus Keller sind solche Nachrichten Teil seines Berufsalltags. Als Kunstexperte bei der Allianz betrachtet er sie aus einer Perspektive, die nüchtern und emotional zugleich ist. »Was mich vor allem umtreibt«, sagt er, »ist die Frage, warum bekannte Risiken immer wieder unterschätzt werden.« Oft liege das Problem nicht an fehlender Alarmtechnik, sondern an mechanischen Schwachstellen der Gebäude. Beispielsweise Fenster, die baulich nicht ausreichend gesichert sind. Oder Vitrinen, die einem gezielten Schlag nicht standhalten. Alles leicht vermeidbare Defizite, die den Tätern genau jene wenigen Minuten verschaffen, die sie für ihren blitzartigen Beutezug benötigen.

Neben der technischen Ebene gebe es jedoch eine zweite, weit schwerer wiegende Dimension: Wenn historische Schmuckstücke, Goldmünzen oder Kunstobjekte gestohlen werden, gehe es nicht nur um den finanziellen Verlust. 

»Das Tragische ist, dass Kulturschätze unwiederbringlich verschwinden, die niemand ersetzen kann.«

Markus Keller, Allianz Kunstexperte

Denn die Diebe wollen die Beute in der Regel schnell zu Geld machen. Sie schmelzen Gold ein, brechen Edelsteine heraus und zerstören Kulturgüter damit für immer.

Warum gestohlene Kunst kaum einen Markt hat

Nach einem Kunstraub steht oft die Frage im Raum, was mit den gestohlenen Werken eigentlich geschieht und wie diese überhaupt zu Geld gemacht werden können. Die Vorstellung, dass kunsthistorisch bedeutende Werke einfach weiterverkauft werden, hält sich hartnäckig. In der Realität ist genau das häufig nicht möglich. Während Gold eingeschmolzen werden kann und Edelsteine durch einen neuen Schliff ihre Herkunft verlieren, sind Gemälde, Skulpturen oder andere bekannte Exponate umfangreich dokumentiert. Ihre Provenienz, also die Chronologie der Besitzer:innen und Standorte, kann weltweit durch Expert:innen und Polizei überprüft werden. Handel und Auktionshäuser gleichen eingelieferte Werke systematisch mit Datenbanken ab.

»Deshalb tauchen gestohlene Kunstwerke häufig wieder auf. Nicht weil jemand ein schlechtes Gewissen bekommt, sondern weil es kaum einen Markt für sie gibt.«

Kunst beginnt nicht bei Millionen

Wer sich mit dem Thema Kunstversicherung beschäftigt, denkt schnell an millionenschwere Gemälde oder Museumsvitrinen. Viele Kunstwerke befinden sich jedoch in Privatbesitz und werden in Wohnräumen ausgestellt – zum Vergnügen ihrer Besitzer:innen. Auch sie wollen ihre Sammlungen gegen mögliche Beschädigungen oder Diebstahl versichern. Versicherungstechnisch ist dabei nicht der ideelle Wert eines Werkes entscheidend, sondern sein Marktwert – also der Preis, zu dem ein Objekt gehandelt wird, etwa über Galerien, Auktionen oder private Verkäufe.

Viele Sammler:innen besitzen Werke, deren Wert sich über Jahre entwickelt hat. Grafiken, Zeichnungen, Fotografien oder Gemälde, die zunächst aus persönlicher Begeisterung gekauft wurden. Eine feste Grenze, ab wann Kunst versichert werden sollte, gibt es nicht. Ab einem Gesamtwert von etwa 100.000 Euro ist eine spezielle Absicherung sinnvoll. Häufig ist Kunst ohnehin Teil eines hochwertigen Hausrats.

Wenn Werte sich verändern

Kunst ist lebendig, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Preise steigen, Nachfrage verändert sich, einzelne Werke gewinnen an Marktwert. Deshalb rät Keller dazu, den eigenen Bestand regelmäßig zu überprüfen. »Mindestens einmal im Jahr sollte man sich fragen, ob sich Werte verschoben haben oder neue Werke hinzugekommen sind. Anpassungen sind jederzeit möglich und wichtig. Nur eine aktuelle Bewertung stellt sicher, dass Kunst im Schadenfall auch angemessen abgesichert ist.«

Originale, Fälschungen und Vertrauen

Fälschungen sind selten, aber sie existieren. »Wir unterstützen mit unseren hauseigenen Kunstexpert:innen unsere Versicherten bei der Auswahl und bei der Bewertung ihrer Kunstgegenstände. Sollte sich herausstellen, dass ein Werk eine Fälschung ist, wird die Differenz der zu hoch angesetzten Prämie erstattet.« Gleichzeitig zeigt dieses Thema, wie wichtig Fachwissen ist. Kaufbelege, Auktionsnachweise und Provenienzen helfen bei der Einordnung. Manche Künstlerinnen und Künstler sind besonders häufig von Plagiaten betroffen, einfach weil ihre Werke sehr beliebt und damit auch gut verkäuflich sind.

In Zweifelsfällen können Gutachten oder materialtechnische Untersuchungen Klarheit schaffen. Pigmente und Materialien verraten oft, aus welcher Zeit ein Werk tatsächlich stammt. Für alle, die im Besitz von Kunstwerken sind, bedeutet das vor allem eines: Sicherheit entsteht durch Wissen.

Kunst zur Geltung bringen 

Trotz aller Risiken bleibt für Keller ein Grundsatz zentral. »Kunst ist dafür da, gesehen zu werden. Wer ein Werk besitzt, soll sich daran erfreuen können. Das schließt einen bewussten Umgang damit nicht aus. Eine fachgerechte Rahmung, der richtige Abstand zum Glas, ein geeigneter Platz ohne direkte Sonneneinstrahlung bei empfindlichen Arbeiten: Oft sind es einfache Maßnahmen, die viel bewirken.«

Öl- und Acrylgemälde gelten als vergleichsweise robust. Papierarbeiten reagieren sensibler auf Licht und Luftfeuchtigkeit. Restaurierungen sind möglich und sinnvoll, wenn sie von Fachleuten durchgeführt werden. Hochwertige Rahmen und entspiegeltes Glas schützen nicht nur, sie steigern auch die Wirkung.

Text Zeljana Pecikoza
Fotos privat; Dima Berlin

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