10.07.2023

»Sie war mir mit Anfang 70 eigentlich zu jung«

Es ist nie zu spät für etwas Neues – auch nicht in der Liebe. Wir haben mit drei Paaren gesprochen, die sich erst im Alter kennengelernt haben und ihre berührenden Liebesgeschichten erzählen.

»Unsere Familie hat gesagt: So glücklich haben wir euch noch nie gesehen«

Udo Pfefferkorn

Alter: 81 Jahre 

Ehemaliger Beruf: Arbeits- und Betriebspsychologe

Vorgeschichte: zweimal verheiratet, zweimal geschieden

Macht ihn glücklich: Jazz und Klassik, fährt gerne Langstrecken mit dem Fahrrad

Ellen Veit

Alter: 74 Jahre

Ehemaliger Beruf: Erzieherin

Vorgeschichte: geschieden

Macht sie glücklich: Musik, der Kölner Karneval, lange Spaziergänge

Ihr Ritual: »Wir kommen morgens zum Kuscheln zusammen. Danach stehe ich auf, bereite in aller Ruhe das Frühstück vor und betätige den Gong. Und sie kommt dann runter«
Ein Gespräch mit Ellen Veit und Udo Pfefferkorn

Nach meiner Scheidung habe ich einige Zeit allein gelebt. Und mir war eigentlich immer klar, dass ich wieder einen Partner haben möchte. Ich gehe zum Beispiel sehr gerne in die Philharmonie, und dann zu sehen, wie alle anderen Arm in Arm vor mir hergehen, ich später wieder in die leere Wohnung komme, finde ich furchtbar. Jeder braucht doch einen Menschen, Liebe und Trost. Egal, wie alt man ist. Deshalb habe ich mich getraut, über eine Partnervermittlung auf die Suche zu gehen. Und da bin ich eines Tages auf sein Profil gestoßen. Mir hat sein Bild gefallen, weil er darauf so wunderbar gelacht hat.

Ich brauchte ehrlich gesagt einen Schubs von außen. Ich hatte nach meiner letzten Trennung schwere Depressionen. Mir selbst war das gar nicht so bewusst. Ich konnte mich aber dank einer Therapie wieder davon erholen. Und dann hieß es: Willst du nicht mal aktiv werden? Also habe ich mich sogar gleich bei zwei Partnervermittlungen angemeldet. Denn ja, ich wollte nie alleine sein. Dass ich am Ende mit Ellen zusammenkommen würde, war anfangs gar nicht so klar. Sie war mir mit Anfang 70 eigentlich zu jung. 

Und du hast mir eigentlich zu weit weg gewohnt. In Aachen. Dort haben wir uns trotz allem auch das erste Mal nach einigen Telefonaten getroffen. Er hatte sich sehr gut vorbereitet, das fand ich schön. Ich dachte, oh, ein Mann, der sich Mühe gibt.

Ich hatte überhaupt keine Ahnung von Aachen, wollte ihr aber natürlich schon was bieten. Das Treffen war nett. Ich fand sie ganz sympathisch. Interessant. Mehr war aber am Anfang nicht. 

Der Funke ist nicht sofort gesprungen. Bei mir auch nicht. 

Das kam später. Nachdem wir noch Dates mit anderen hatten, sind wir noch mal aufeinander zugegangen. Irgendwann trug sie mir ein Gedicht vor. Auswendig – und das hat mir imponiert.

»Der Menschheit größter Hochgenuss

ist ohne Zweifel wohl der Kuss…«

Danach hat es gefunkt. Aber so richtig. 

Er ist dann ziemlich schnell aus seiner Wohnung hier in mein Haus in Pulheim gezogen. Dabei haben wir festgestellt, dass wir doch sehr unterschiedliche Geschmäcker haben.

Wir sind überhaupt sehr unterschiedlich. Sie ist katholisch, ich bin Atheist, sie liebt Barock, ich Jazz. Ich bin langsam, sie ist schnell. Ich bin eher der Hallodri.

Und ich war immer eher die Brave. Ich wollte als junge Frau sogar ins Kloster. Ich bin immer noch religiös. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, ihn zu bekehren. 

Und ich ermuntere sie wiederum, ihren Glauben zu leben – oder auch ihren anderen Hobbys nachzugehen. Sie liebt zum Beispiel auch den Karneval, was gar nicht meine Welt ist. 

Trotzdem läuft unser Leben konfliktfrei, und das kenne ich so nicht. 

Das stimmt. Wir haben uns noch nie gestritten. Wir nehmen aufeinander Rücksicht, akzeptieren unsere Eigenheiten. Wir wollen, dass es dem anderen und schließlich uns beiden gut geht. Ich vertraue ihr in allem blind.

Wer unser Alter erreicht hat, trägt natürlich einen Rucksack mit Erlebnissen mit sich herum. Den kann man ja nicht einfach absetzen. Es geht darum, das Mitgebrachte zu respektieren. Man schaut es sich an, ohne es zu bewerten. Wenn man den richtigen Partner gefunden hat, geht man auch gerne Kompromisse ein. Dann fühlt sich die Rücksichtnahme nicht als Verzicht an. 

Das sehe ich auch so. Denn man kann durch eine liebevolle Partnerschaft nur dazugewinnen. 

Ein Vorzug des Alters ist auch, dass man sich immer eine Menge zu erzählen hat. Man hat so viel erlebt. Außerdem verreisen wir gerne zusammen. Jetzt in der Rente können wir uns das zeitlich und auch finanziell leisten.  

Irgendwann hat mir deine Freundin gesteckt, dass du gerne noch mal heiraten möchtest.  

Dann hat er mir tatsächlich einen Antrag gemacht. Weil wir aber an diesem Abend Rotwein getrunken hatten, fragte ich ihn am nächsten Tag, ob er das wirklich ernst gemeint hatte. 

Wir haben tatsächlich geheiratet. Mitten in der Pandemie. Unsere Kinder, unsere Enkel unsere Freunde haben gesagt: So glücklich haben wir euch noch nie gesehen!

»Es ist viel schöner, wenn man seine Erlebnisse teilen kann«

Berthold S.

Alter: 76 Jahre 

Beruf: Theaterschauspieler

Bereitet sich auf seine neue Rolle in »Monsieur Pierre geht online« vor

Vorgeschichte: verwitwet

Macht ihn glücklich: Kunst und Musik, schickt seiner Partnerin jeden Morgen einen Gruß per WhatsApp

 

Anna Josefa S.

Alter: 79 Jahre

Beruf: bildende Künstlerin

Macht sie glücklich: fährt Fahrrad, macht jeden Morgen Gymnastik, malt und sucht nach mehr Stauraum für ihre Bilder

Ihr Ritual: »Wir leben in unterschiedlichen Wohnungen und besuchen uns jede Woche gegenseitig für einige Tage. Und jedes Mal, wenn wir uns begrüßen, gibt es erst mal einen Piccolo«
Ein Gespräch mit Anna Josefa S. und Berthold S.

Ich muss mal nachdenken, aber ich habe ziemlich genau 30 Jahre lang allein gelebt. Ich habe so vieles schon gemacht, war immer kreativ, habe gemalt, mit Keramik gearbeitet. Irgendwann habe ich sogar angefangen, Bridge zu spielen. Aber das sind alles Aktivitäten, bei denen man keine Männer kennenlernt. Meine Freundin hat mir dann gesagt, ich sollte es mal über eine Partnervermittlung versuchen. Nach dem Motto: Ich interessiere mich für Kunst und Kultur. 

Das ist auch mein Motto. Meine Vorgeschichte ist allerdings eine andere. Ich war 35 Jahre verheiratet und habe meine Frau lange gepflegt, bevor sie dann noch zwei Jahre lang im Heim betreut wurde und dort verstarb. Sie war dement und erkannte mich irgendwann nicht mehr. Das heißt, ich habe mich zu ihren Lebzeiten schon von ihr verabschieden müssen. Das hat mich sehr belastet, und ich denke, man muss diese Trauer erst durchleben, ehe man etwas Neues zulässt. Ich war dazu bereit, als ich über die Partnervermittlung Kontakt mit Anni aufnahm. 

Zum ersten Mal haben wir uns vor einer Buchhandlung in Köln getroffen. Das war sehr witzig. Er lehnte so am Geländer, erkannte mich und breitete sofort seine Arme aus. 

Sie ist mir tatsächlich in die Arme geflogen. War ich nervös. Und ich habe mich gefreut, dass du tatsächlich so aussahst wie auf deinem Profilbild. Da erlebt man auch ganz andere Überraschungen. 

Es hat sich ziemlich schnell herausgestellt, dass wir auffallend viele gemeinsame Interessen haben.  

Unsere Gespräche finde ich einfach sehr schön. Außerdem haben wir den gleichen Humor. Wir mögen die gleichen Filme, Literatur, Konzerte, Kunst. 

Wir kochen auch gerne zusammen. Er kümmert sich um das Fleisch.

Sie um das Gemüse. Wir reisen außerdem gerne, waren gerade erst am Lago Maggiore, und bald geht es an den Gardasee. Sie träumt davon, noch mal mit dem Auto die Grenzen Europas abzufahren. Mal sehen. Vorher bin ich übrigens auch gereist, aber alleine. Ich fand das furchtbar. Es ist viel schöner, wenn man seine Erlebnisse teilen kann. 

Das geht mir genauso. Ich habe an vielen organisierten Reisen teilgenommen. Aber auch da hatte ich es häufig mit Frauengruppen zu tun. Mit einem Partner ist das doch was anderes. Wir wohnen allerdings weiterhin getrennt. Er in Aachen, ich in Köln. Wir verbringen vier Tage in der Woche zusammen, ich fahre zu ihm mit dem Auto, er kommt mit dem Zug zu mir. Und jeden Abend um halb acht ruft er mich an. Es wäre natürlich schön, zumindest im selben Ort zu leben. Aber zusammenziehen…

Ich glaube, man hat im Alter so seine Marotten. Wer dauernd damit konfrontiert wird, ist den anderen vielleicht auch schnell leidDavor hätte ich Angst. So wie es jetzt läuft, passt es gut. Und wir bleiben in Bewegung.

Umzug, was für ein Aufwand. Und jeder hat so auch mal ein bisschen freie Zeit für sich. Wir sind einfach froh, dass wir uns überhaupt durch die Vermittlung gefunden haben. Ich meine, man sieht viele Menschen in unserem Alter, die sich zurückziehen, in sich versunken sind, nicht im Leben stehend.

Eine Beziehung, da bin ich mir sicher, schützt auch vor Depressionen. Sich einfach zu trauen, das ist Optimismus pur. Sich dem Leben gut gegenüberstellen, das ist wichtig. Trotz aller Einschränkungen hat man im Alter ja auch Freiheiten. Außerdem kann ich meine neuen Erfahrungen mit der Partnervermittlung jetzt auch in meinem Beruf nutzen: Im nächsten Jahr spiele ich die Hauptrolle in einem Theaterstück. Dabei geht es um einen älteren Herrn, der übers Internet seine große Liebe kennenlernt. 

Ja, da kennt er sich jetzt aus.

»Wir sehen unsere Verbindung als einen großen Glücksfall«

  1. Günter Nimtz

Alter: 86 Jahre

Beruf: Professor für Physik,
hält immer noch Vorträge und publiziert Fachartikel

Vorgeschichte: verwitwet

Macht ihn glücklich: klassische Musik, liest gerne und vor allem sehr lange 

Inge Lüttgen-Roller

Alter: 71 Jahre 

Beruf: Grundschullehrerin

Vorgeschichte: zweimal verheiratet, verwitwet

Macht sie glücklich: Blumen; sie liebt  Gartenarbeit

Ihr Ritual: »Jeden Mittag, wenn ich aus der Schule komme, rufe ich ihn an, und wir besprechen, was wir an diesem Tag gemeinsam unternehmen. Meistens essen wir abends zusammen«
Ein Gespräch mit Inge Lüttgen-Roller und Günter Nimtz

Es war ein großer Zufall. Ich war nicht auf der Suche nach einem neuen Partner, gar nicht. Nachdem mein Mann verstarb, stand ich vor seinem Grab und sah auf der Grabstelle daneben den Namen meiner ehemaligen Nachbarin. Meine Tochter hatte vor 40 Jahren mit dem Nachbarskind gespielt. Und ich hatte die Kinder damals auch manchmal betreut. Nach unserem Umzug hatten wir allerdings keinen Kontakt mehr. 

Dann hast du mich angerufen, und ich war zunächst sehr verdutzt. Irgendwann erinnerte ich mich auch wieder daran, dass wir uns früher mal begegnet waren. 

Ich weiß noch: Es war ein regnerischer Tag, und ich wollte mich erkundigen, was aus deiner Tochter geworden war. Wir kamen ins Gespräch und verabredeten uns gleich zum Kaffee. Später sind wir gemeinsam essen gegangen. Wie soll ich es sagen: Der Rest hat sich einfach ergeben. Ich hatte bereits gemerkt, dass man, auch wenn man einen guten Kollegen- und Freundeskreis hat, einsam sein kann. Alleine zu Hause am Tisch zu sitzen, ist nicht schön. 

Wir wohnen weiterhin in unterschiedlichen Häusern. Man wird im Alter, möchte ich sagen, etwas eigensinnig. Und wir sind in einigen Dingen doch sehr verschieden. Sie steht immer früh auf, und ich schlafe gerne lang, zum Beispiel. Dieses Arrangement passt zu unserer Übereinkunft, den anderen in seinen Eigenheiten zu respektieren. Man muss auch dazusagen, dass wir nicht die typischen Rentner sind. Wir arbeiten ja beide noch. Und das ist gut so. Viele Menschen in unserem Alter haben keinen Blick mehr für die Zukunft. Das ist bei uns anders. Gerade deine Arbeitswut, deine Effizienz schätze ich sehr. 

Ja, man hat den Eindruck, dass manche nur noch auf das Ende warten. Das finde ich traurig. Ich arbeite immer noch in der Grundschule, und er hält zum Beispiel immer noch Vorträge als Physiker. Dazu kommt, dass wir sehr viel diskutieren. Auch weil wir so verschieden sind. Er ist ein sehr rationaler Mensch, ein wenig zynisch, und ich sehe viel mit dem Herzen und gehe erst mal wertschätzend auf jeden Menschen zu. Wenn wir miteinander reden, kann das ganz lustig sein. 

Wir sind meistens heiter, finde ich. Ich sehe unser Zusammensein auch als Ablenkung von dem, was ja unweigerlich auf uns zu kommt. Dafür brauche ich nicht nur die Arbeit, sondern auch unsere Freundschaft, die ich wirklich als lebenserfüllend sehe. Wir wünschen uns jetzt nur, dass wir – altersbereinigt – gesund bleiben.

Wir sehen unsere Verbindung als einen großen Glücksfall. Trotz aller Unterschiede machen wir auch vieles zusammen. Wir gehen schwimmen, spazieren durch den Park, und wir essen gemeinsam. Das ist schön – und die Kinder akzeptieren unser Zusammensein. Wir würden uns zwar auch ohne ihre Zustimmung treffen, aber es ist doch gut, wenn die Familie da mitgeht. Der Tod meines Mannes war ja erst sieben Monate her. Weil er aber sehr lange schwer krank war, musste ich mich schon früh damit auseinandersetzen, dass es eine Zukunft ohne ihn geben würde. Er wollte, dass ich glücklich werde. Das hat mir sicher geholfen, mich auf einen anderen Partner einzulassen. Zu überlegen, was andere Leute davon halten, ist vertane Zeit. Zeit, die wir nicht mehr haben.

Protokolle Ina Henrichs
Fotos Victoria Jung

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