31.05.2022

Eine nicht alltägliche Liebesgeschichte

Zwei Menschen lernen sich kennen und lieben, heiraten. Doch die Ehe geht in die Brüche. Ihre Wege trennen sich. Dann finden sie sich wieder. Doch er ist inzwischen eine andere

Dies ist die Geschichte von Karoline und Charlotte. Vor zwei Jahrzehnten haben sie sich in der Allianz kennengelernt, Karoline sportlicher Kurzhaarschnitt, Charlotte langes, glänzend braunes Haar. Damals waren sie ganz frisch im Vertrieb. Für Karoline war es Liebe auf den ersten Blick, sagt sie. Unheimlich gefreut habe sie sich, als sie den ersten Anruf bekam, als es ein Geschenk zum Geburtstag gab – damals noch von ihm. Denn damals hieß Charlotte noch nicht Charlotte.

Es war der Beginn einer langen Reise. Noch im selben Jahr heiraten sie. Charlotte ist die geborene Verkäuferin und sehr erfolgreich, gibt Karoline viele Tipps. Doch Karoline fühlt sich wohler im Innendienst und wechselt in eine andere Versicherung. Die Arbeitszeiten waren plötzlich sehr verschieden. Streng reglementiert hier, ganz frei und bis in die späten Abendstunden dort. Karoline wünscht sich ein geregelteres Leben, mehr gemeinsame Zeit. Charlotte sind Freiheit und Unabhängigkeit dagegen extrem wichtig. Deshalb trennten ihre Wege sich, sagen die beiden. Doch das ist nur die eine Seite der Geschichte.

»Es durfte einfach nicht sein, was nicht sein kann.«

Karoline

Zur Person

Charlotte war vor 20 Jahren erfolgreich im Vertrieb der Allianz tätig – damals noch im Körper eines Mannes.

Charlotte war vor 20 Jahren erfolgreich im Vertrieb der Allianz tätig – damals noch im Körper eines Mannes. Auf ihrem Weg der Transition in den Körper, der ihrer wahren geschlechtlichen Identität entspricht, hat sie sich neue berufliche Herausforderungen gesucht und auf Steuerfragen für Firmen spezialisiert.

Charlotte, heute in sportlich weißer Jeans, die Fingernägel perfekt lackiert, machte bereits in der gemeinsamen Ehe die ersten zaghaften Schritte hin zu den wirklich grundlegenden Veränderungen. Zum Beispiel an jenem Silvester-Galaabend. Karoline hatte sich tolle Stiefel und ein schickes Etuikleid gekauft. »Damit toppe ich den Abend«, dachte sie sich. »Doch dann kam Charlotte aus dem Badezimmer, in einem bodenlangen schwarzen Rock – und toppte mich. Das war der Moment, wo mir innerlich alle Gesichtszüge entgleist sind«, erzählt sie. Aber sie entschied sich damals, lieber nicht nachzufragen. »War ich so blind?«, fragt sich Karoline heute rückblickend. »Es durfte einfach nicht sein, was nicht sein kann.«

Für Charlotte war es ein Austesten. Schnell wird ihr klar, dass es nicht um die Kleidung geht, sondern um ihre Identität. Aber der Weg war weit. Der westdeutsche Vertrieb ist sehr männlich dominiert, sagt sie. Ihre Veränderungen rufen Irritationen hervor, und sie merkt, dass sie im Vertrieb so nicht weitermachen kann und will. Sie orientiert sich beruflich noch einmal ganz neu. Mit dem beruflichen Neustart war auch der Kopf frei, den persönlichen Themen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr Wegführt sie nach Berlin. Denn in der kleinen traditionellen bayerischen Steuerkanzlei, in der sie arbeitet, tun sich Umfeld und Kunden schwer mit ihrer Transidentität.

Alle ihre Papiere sind auf ihre wirkliche Identität umgestellt

Sie arbeitet den ganzen Katalog ab – medizinisch, formal. Heute sind alle ihre Papiere auf ihre wirkliche Identität als Frau umgestellt. »Wenn man so seine eigenen Steine aus dem Weg geräumt hat und unterwegs ist auf diesem queeren Transitionsweg, wird es immer leichter und leichter«, erzählt sie. Dennoch gibt es auch heute immer wieder schwierige Situationen. Wenn sie zum Beispiel in einem Callcenter anruft oder mit einem neuen Kunden telefoniert, glaubt ihr Gegenüber wegen der tiefen Stimme oft einfach nicht, dass sie selbst am Apparat ist.

»Damals hat es mir regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen«, erzählt Karoline von ihrer Zeit nach der Trennung. Zweimal versucht sie es in neuen Beziehungen, denkt über Kinder nach. Doch immer vergleicht sie die neuen Partner mit ihrem damaligen Mann. Mit ihm hatte sie die gleichen Interessen, draußen, frische Luft, wandern, Berge. Es passte einfach. »Es verging kaum eine Woche, in der ich nicht an sie – halt noch in einer anderen Form, an ihn, dachte. Damals habe ich eigentlich nicht verstanden, warum die Beziehung in die Brüche ging«, sagt sie. Später erfährt Karoline, dass ihr ehemaliger Mann nun Charlotte ist, und sie beginnt, sich über das Thema Transgender zu informieren, versucht zu verstehen.

Zur Person

Karoline hatte vor 20 Jahren bei der Allianz im Vertrieb begonnen und dort auch Charlotte kennengelernt.

Karoline hatte vor 20 Jahren bei der Allianz im Vertrieb begonnen und dort auch Charlotte kennengelernt. Nach einem Ausflug in eine andere Versicherung arbeitet sie nun wieder bei der Allianz.

Vor etwa drei Jahren dann nimmt Karoline an einem alternativen Gottesdienst mit Christopher Schacht teil. Das ist ein Aussteiger, der nach dem Abitur vier Jahre lang mit nur 50 Euro unterwegs war. Beim Eintritt ins Kino, in dem der Gottesdienst stattfindet, sollen alle auf einen Zettel schreiben, was sie denn mit 50 Euro machen würden. Karoline denkt: »Hm, ich würde gerne zu Charlotte fahren, um ihr zu sagen, wie wichtig sie mir immer noch ist.« Was sie nicht weiß: Die bestenAntworten werden prämiert. Ihr Vorhaben gewinnt. »Da wurde ich dann nach vorne gebeten, vor so vielen Leuten im voll besetzten Kinosaal, kriegte die 50 Euro in die Hand gedrückt, und man hat mir viel Glück gewünscht.« Sie entschließt sich, den You-Tube-Link mit der Aufzeichnung des Gottesdienstes an Charlotte zu schicken. Und Charlotte reagiert und schlägt ein Treffen vor. Seitdem gehen die beiden ihren Weg wieder gemeinsam.

Es ist bitter, Menschen zu verlieren, aber man gewinnt auch neue auf dem Weg

In dieser Zeit beginnt Karoline, sich noch intensiver mit dem Thema Transidentität zu beschäftigen. »Nach einem Wochenende bei der Friedrich-Nau-mann-Stiftung, auf dem die Initiatoren von Querbeet, einer Anlaufstelle für queere junge Menschen in Augsburg, sprachen, hat sich ungemein viel in die richtige Richtung bei mir bewegt«, sagt sie. Da konnte sie ganz offen fragen, wie sie sich verhalten soll und habe unglaublich nette Menschen kennengelernt. »Menschen, die ich ohne Charlotte nie getroffen hätte.« Überhaupt findet Karoline es nach wie vor richtig aufregend, Charlotte auf ihrem Weg zu begleiten, weil das auch ihr komplett neue Welten eröffnet. Richtig positiv überrascht ist sie manchmal von sich selbst. »Ich habe auch meine eigene Weiblichkeit neu entdeckt, lass mir die Fingernägel lackieren, kleide mich femininer.« Der Freundeskreis macht das allerdings nur zum Teil mit. Bei manchen hätte ich eine andere Reaktion erwartet, erzählt Karoline, andere dagegen haben mich total positiv überrascht. So ging es auch Charlotte, die diese Erfahrung zuvor schon durchgemacht hatte. Es ist bitter, Menschen zu verlieren, aber man gewinnt auch neue auf dem Weg. Die Reaktion eines Kollegen auf ihren Post in Connect hat sie damals total gefreut. »So eine Mitfreude, offen hingeschrieben, habe ich nicht erwartet.« Immer mehr Kolleg:innen haben dadurch ihre Geschichte mitbekommen. Und bis auf »zwei Ausreißer« sind auch alle Reaktionen positiv. Ihre Geschichte hier zu erzählen, kostet trotzdem viel Mut.

»Manchmal fühle ich mich ein bisschen wie im Zoo«

Charlotte

»Ich habe schon Sorge, dass wir auf Unverständnis stoßen«, sagt Karoline.»Viele Menschen sind ja noch nicht so weit. Wenn ich mir vorstelle, mein Mann wäre vor sieben, acht Jahren vor mich hingetreten und hätte gesagt: »Du ich bin jetzt Charlotte.« Ich hätte mich auf dem Absatz umgedreht und gesagt »Okay, dann leb dein Leben mal alleine!« Aber wenn man sich auf einen Menschen, den man liebt, einlässt, ist man eben auch bereit, Extrameilen zu gehen und den Weg mit zu begleiten. Das ist auch wahnsinnig bereichernd.«

Viele Menschen sind schlicht unsicher, wie sie damit umgehen sollen. »Wir sind eine Minderheit«, sagt Charlotte. »Oft werden wir beäugt, wenn wir unterwegs sind. Da fühlt man sich ein bisschen wie im Zoo.« Früher sei ihr das sehr schwergefallen, wenn sie etwa in die Oper oder ins Konzert gegangen sei. Sie rät, einfach zu fragen, wenn etwas unverständlich ist, ohne gleich zu werten. Respekt und Akzeptanz, das ist das Wichtigste, was sich beide wünschen.

Von hinten fotografiert: Charlotte und Karoline laufen Hand in Hand einen Weg im Park entlang
Blick nach vorn: Charlotte und Karoline gehen ihren Weg gemeinsam

Text Anette Wienes
Fotos Amelie Niederbuchner

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