Azubi Leon Eder und Koch Johann HinterseerAzubi Leon Eder und Koch Johann Hinterseer

31.05.2022

Respekt, Alter! – Gemeinsam sind sie stark

Geburtsdatum, körperliche Fähigkeiten, Religion oder Herkunft prägen Menschen entscheidend. Aber nicht allein. Vier Mitarbeiterduos sprechen darüber, was sie verbindet, was sie trennt – und worauf es beim Teamwork wirklich ankommt

»Die junge Generation ist viel lockerer«

Azubi Leon Eder und Koch Johann Hinterseer arbeiteten ein Jahr zusammen in der Küche des Betriebsrestaurants in München-Schwabing. Mit 16 Jahren ist Leon einer der jüngsten Mitarbeiter des Konzerns, sein 60-jähriger Kollege ist schon seit 31 Jahren dabei. Welche Erfahrungen sie einander vermitteln, erzählen sie im Interview. 

Herr Eder, zu Beginn Ihrer Ausbildung 2020 waren Sie der jüngste Mitarbeiter der Allianz. Welche Beziehung haben Sie zu Ihrem älteren Kollegen? Leon Eder: Ich habe Respekt vor ihm, denn er hat viel Berufserfahrung. Er ist immer hilfsbereit, egal ob es darum geht, Gemüse in Rauten zu schneiden oder eine Soße anzusetzen. Ich versuche immer, von den älteren Köchinnen und Köchen etwas zu lernen.
Johann Hinterseer: Ich bin wahrscheinlich noch der Humanste von ihnen (lacht). Der Ton in der Küche ist schon recht rau. Bei uns geht es schließlich um Lebensmittel, die wir wegwerfen müssen, wenn sie falsch behandelt werden. Sie sind ein wertvolles Gut, das wir respektieren müssen.

Hat Ihr Azubi Ihnen auch etwas beigebracht? Hinterseer: Die junge Generation startet viel gelassener ins Arbeitsleben als ich damals. Wenn ich als Azubi mal ein paar Minuten zu spät gekommen bin, hat mich das total gestresst. Ich finde es gut, das Ganze auch mal lockerer zu nehmen.

Was hat sich seit Beginn Ihrer Ausbildung verändert? Hinterseer: Als ich 1977 begann, gab es zum Beispiel noch nicht so viele Fertigprodukte. Nudeln oder Kartoffelpuffer machten wir selbst. Für eine Ladung Spätzle schütteten wir 50 Kilo Mehl mit Eiern, Salz, Pfeffer und Muskat in eine Wanne. Weil es kein Rührgerät gab, musste der Teig mit bloßen Händen geknetet werden. Ich habe im Hackerkeller an der Theresienwiese gelernt. Das ist ein riesiger Betrieb mit damals 1000 Sitzplätzen, da wurden noch ganze Ochsen an der Stange gegrillt. Eder: Ich bin jetzt viel selbstbewusster. Anfangs hatte ich Angst, etwas falsch zu machen oder zu nerven, wenn ich zu oft nachfrage. Gelernt habe ich, einen Hirschen zu zerlegen und so zuzubereiten, dass nichts verschwendet wird. Und ich kann inzwischen ganz gut Gemüse schneiden. Das fiel mir anfangs schwer, denn dabei kommt es auf die richtige Technik an. Dinge, die man noch nie vorher gemacht hat, kann man erst mal nicht so gut. Dafür braucht man Zeit.

Lang-Nhi Huynh und Johann Kraberger – Kollegen bei der Venture-Capital-Gesellschaft Allianz X
Gemeinsame Ziele: Lang-Nhi Huynh und Johann Kraberger verbindet mehr, als sie trennt
Lang-Nhi Huynh und Johann Kraberger – Kollegen bei der Venture-Capital-Gesellschaft Allianz X
Lachen ist ansteckend: Und Humor international
»Ich mag unbequeme Situationen«

Lang-Nhi Huynh (30) ist gebürtiger Schwabe, seine Eltern sind Vietnamesen. Johann Kraberger (32) hat einen deutschen Namen, kommt aber aus Neuseeland. Sie sind Kollegen bei der Venture-Capital-Gesellschaft Allianz X und sprechen hier über multikulturelle Erfahrungen.

Wie würden Sie beide Ihr Verhältnis zueinander beschreiben? Johann Kraberger: Wir kennen uns seit September 2020, als ich bei Allianz X angefangen habe. Wir arbeiten eng zusammen und verbringen viele Stunden in gemeinsamen Calls. Witzigerweise sprechen die Leute mich immer auf Deutsch an und Nhi auf Englisch. Dabei ist es so: Er kommt aus Schwaben, ich spreche kein Deutsch – habe aber einen deutschen Namen. Wir können über die gleichen Dinge lachen. Vietnamesischer und neuseeländischer Humor sind sehr ähnlich. Außerdem lieben wir Herausforderungen. Ich habe Spaß an unbequemen Situationen. Lang-Nhi Huynh: Das ist auch für mich typisch. Ich bin sehr resilient. Angesichts von Herausforderungen blühe ich regelrecht auf. Auch im Job bekomme ich immer die schwierigen Fälle. Mein Chef weiß, dass ich damit klarkomme.

Woran liegt das? Huynh: Ich habe einen sehr facettenreichen Lebenslauf. Meine Eltern sind vor dem Vietnamkrieg geflohen, kamen 1981 mit Tausenden anderen Flüchtenden nach Deutschland – an Bord des berühmten Rettungsschiffes »Cap Anamur«. Ich wurde in Schwaben geboren, erlebte aber schon früh, dass ich nicht ganz dazugehöre. Etwa in der Grundschule, wo alle deutschstämmigen Kinder gemeinsam eine Klasse besuchten. Die Kinder von Einwanderern gingen in die andere. Diese Erfahrungen haben mich demütig gemacht, aber auch zäh. Da ich in Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Südostasien studiert und gearbeitet habe, konnte ich viele Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen kennenlernen. Dadurch habe ich ein besonderes Einfühlungsvermögen entwickelt.

Herr Kraberger, Sie haben einen deutschen Namen, stammen aber aus Neuseeland. Fühlen Sie sich in Deutschland zu Hause? Kraberger: Ja und nein. Ich habe einen deutschen Vater, der vor meiner Geburt ausgewandert ist. Daher sind mir be-stimmte Verhaltensweisen vieler Deutscher vertraut, eine gewisse Strenge etwa und eine sehr strukturierte Denkweise. Leider habe ich die Sprache als Kind nicht gelernt. Nach meinem Studium wollte ich meine Wurzeln kennenlernen, bin mit dem Wohn-mobil von Deutschland bis nach Marokko quer durch Europa gereist und habe schließlich diesen Job in München bekommen. Ich kann mir vorstellen hierzubleiben. 

Wie wirken sich Ihre Erfahrungen auf den Beruf aus? Kraberger: Ich merke, dass ich mich oft unter Wert verkaufe. Das ist typisch für Neuseeländer: Wer über seine Erfolge spricht, gilt schnell als Angeber. Diese Einstellung ist sicher nicht immer gesund. Was mir dagegen hilft: dass ich aus einem multikulturellen Land komme, denn wir arbeiten bei Allianz X mit internationalen Kunden aus Schwellenländern zusammen. Huynh: Der Kontrast zwischen meiner Kindheit und dem, was ich heute tue, könnte nicht größer sein: Meine Eltern waren Hartz-IV-Empfänger und Geflüchtete, heute bin ich an Millioneninvestments beteiligt. Meine Vergangenheit erdet mich.

Allinaz-Kundenmanagerin Esma Kondel ist Muslimin und trägt Kopftuch und ihr Kollege Lars Neumann
Anderer Glaube, gleiche Werte: Esma Kondel ist Muslimin, ihr Kollege Lars Neumann Christ
»Reden hilft. Einander zu vertrauen ebenfalls«

Kundenmanagerin Esma Kondel (31) wurde in Bremen geboren, ist Muslimin und trägt Kopftuch. Kollege Lars Neumann (32) geht selten in die Kirche, schätzt aber die Gemeinschaft und vertraut der Kraft des Gesprächs. Ein Austausch über Glauben und Zweifel.

Frau Kondel, haben Sie im Beruf schon Diskriminierung erfahren? Esma Kondel: In der Finanzbranche ist es nicht immer einfach mit Kopftuch. Einige Kunden waren perplex, als sie mich das erste Mal sahen. Für mich war es immer ein Erfolg, wenn ich sie von mir überzeugen und ihnen zeigen konnte, dass ich mit Kopftuch genauso kompetent bin wie jemand ohne. Es gab auch komische Situationen, zum Beispiel bei einem Beratungsgespräch bei einer älteren Dame zu Hause. Am Ende des Termins sagte sie: »Sie sind ja total nett! Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich Ihnen Kaffee und Kuchen angeboten.« Lars Neumann: Das ist ja ganz schön heftig. Wie hast du reagiert? Kondel: Ich lasse mich in solchen Momenten nicht aus der Ruhe bringen. Professionell zu bleiben, ist mein Job. Ich habe der Dame gesagt: »Das nächste Mal bieten Sie doch einfach von vornherein Kaffee und Kuchen an – egal, wer vor Ihnen steht.«

Sind Sie gläubiger Christ, Herr Neumann? Neumann: Ich bin evangelisch getauft und in einem katholischen Städtchen aufgewachsen. Ich gehe selten in die Kirche, denn ich finde es nicht gut, wenn Leute nur wegen der schönen Stimmung einmal im Jahr den Gottesdienst besuchen. Ich bin sehr wissenschaftlich orientiert und schenke etwa der Schöpfungsgeschichte keinen Glauben – im Gegensatz zu anderen Themen in der Bibel. Was mir wichtig ist: der Zusammenhalt innerhalb der Kirche – und die Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen. Meine Mutter ist im vergangenen Jahr gestorben. Da hat die Kirche mir geholfen, meine Trauer zu bewältigen. Die kirchliche Gemeinschaft spendet Menschen Trost, macht aber auch Mut. Das sollte man unterstützen – mit Nächstenliebe, aber auch finanziell. Deshalb finde ich es schade, dass so viele Menschen austreten, weil ihnen die Steuer zu teuer ist.

Frau Kondel, welche Rolle spielt das Thema Religion in Ihrem Alltag? Kondel: Ich repräsentiere das, woran ich glaube. Ich verstecke mich nicht. Das bin nämlich ich. Ich habe Freunde der unterschiedlichsten Nationalitäten, weil für mich die Herkunft oder die Glaubensrichtung der anderen keine Rolle spielen. Ich respektiere jeden Menschen so, wie er ist – und dasselbe erwarte ich von meinem Gegenüber. Wenn ich etwa während des Ramadans faste, können meine Kollegen neben mir essen, das stört mich nicht. Aber Lars war besonders respektvoll und vorbildlich: Er arbeitete zwei Jahre lang im selben Büro wie ich und hat dann im Nebenraum gegessen. Es freute mich, dass er Rücksicht nahm.

Beeinflusst Glaube den Berufsalltag? Neumann: Mir ist es egal, ob ich mit einem Mann, einer Frau, Moslems oder Christen, Behinderten oder Nichtbehinderten zusammenarbeite. Aber seit ich Führungskraft bin, finde ich es wichtig, dass die Allianz vielfältiger wird. Ich möchte, dass in unseren Teams verschiedene Kulturen vertreten sind. Damit wir mehr Menschen erreichen. Wenn wir uns nicht verändern, schaffen wir das nicht.Kondel: Das sehe ich genauso. Ich finde es wichtig für einen Global Player, sich mit den Kompetenzen der verschiedensten Kulturen auszustatten. Mir ist aufgefallen, dass bei der Allianz kaum Black and People of Color arbeiten. Für einen Weltkonzern finde ich es umso wichtiger, dass die Belegschaft vielfältig ist und nach außen auch so repräsentiert wird – etwa in der Werbung und den sozialen Netzwerken. 

Woran glauben Sie, woran zweifeln Sie? Kondel: Wenn man etwas wirklich will, schafft man es auch. Im Leben ist nicht alles immer rosarot, aber man sollte das Beste aus der Situation machen. Nicht aufgeben, aufstehen und weitermachen.Neumann: Das Leben ist schön und wir sollten neugierig und offen sein. Daran glaube ich: Reden hilft. Einander zu vertrauen ebenfalls.

Frank Buhrmester unterrichtet Carmen Bolanos in Gebärdensprache
Ein Zeichen setzen: Frank Buhrmester unterrichtet Carmen Bolanos in Gebärdensprache
Frank Buhrmester unterrichtet Carmen Bolanos in Gebärdensprache
Mit den Händen sprechen: Die beiden brauchen keine Worte, um sich blendend zu verstehen
»Wir verstehen uns ohne Worte«

Er ist seit seinem sechsten Lebensjahr taub, für sie sind Telefon und Videocalls selbstverständlich: Frank Buhrmester und Carmen Bolanos arbeiten seit 14 Jahren zusammen in Köln für die Allianz. Ein Gespräch übers Zuhören und deutliche Worte.

Herr Buhrmester, wie kommunizieren Sie mit hörenden Menschen? Frank Buhrmester: Da ich erst mit sechs Jahren ertaubt bin, habe ich vorher sprechen gelernt. Ich beherrsche also Gebärden- und Lautsprache und kann von den Lippen ablesen. Das ist ein großer Vorteil, aber auch sehr anstrengend, denn ich verstehe nicht immer alles. Daher bin ich froh, dass bei unserem Gespräch heute eine Gebärdensprachdolmetscherin für uns übersetzt. Im Job und privat nutze ich gern den Dolmetscherservice Telesign, der per Bildtelefon funktioniert. Im Büro steht mir dafür ein Budget des Landes NRW zur Verfügung, privat muss ich selbst zahlen – etwa um eine Pizza zu bestellen oder Arzttermine zu vereinbaren. Einen barrierefreien Zugang zu Kultur und Veranstaltungen vermisse ich.
Carmen Bolanos: Wenn Frank etwas nicht richtig verstanden hat, merke ich das sofort. Er gibt dann eine unpassende Antwort. Und ich sehe es an seiner Mimik. Dann erkläre ich es ihm oder schreibe eine Mail.
Buhrmester: Stimmt, sie merkt das manchmal früher als ich.

Sie sind offenbar besonders einfühlsam. Bolanos: Natürlich (lacht). Im Ernst: Ich glaube, es liegt daran, dass wir uns schon so lange kennen. Seit 2008 arbeiten wir beide zusammen in Köln bei Kraft Schaden. Wir verstehen uns auch ohne Worte, wie ein altes Ehepaar.
Buhrmester: Anders als Carmen haben viele Menschen Hemmungen, mit mir zu sprechen. Daher sage ich erst mal nicht, dass ich gehörlos bin. Sonst fangen die Gesprächspartner gleich an, übertrieben laut oder sehr langsam zu sprechen. Das ist aber nicht nötig, sondern unangenehm für mich: Ich kann es über meine Hörgeräte hören, wenn jemand laut ist.

Wie geht die Allianz mit Ihrer Behinderung um? Buhrmester: Es war ein langer Kampf, bis mein Arbeitgeber mir gestattet hat, Telesign zu nutzen. Vorträge und Meetings werden leider noch zu selten übersetzt, sodass ich aufs Lippenlesen angewiesen bin. Wenn ich etwas nicht mitbekommen habe und nachfrage, bekomme ich nur eine Kurzversion. Das nervt.

Die Allianz hat also Nachholbedarf, was Inklusion betrifft? Buhrmester: Definitiv. Ich habe schon oft bei der Schwerbehindertenvertretung angemerkt, dass Dolmetscher fehlen. Inzwischen läuft es etwas besser. Das reicht mir aber nicht, denn Verständigungsmöglichkeiten sollten für jeden selbstverständlich sein. 

Herr Buhrmester, würden Sie sich wünschen, dass Frau Bolanos die Gebärdensprache lernt? Buhrmester: Es wäre schön, wenn Hörende ein Gefühl dafür bekämen, wie sich das anfühlt. Von mir wird ja auch erwartet, dass ich Lippen lesen kann.
Bolanos: Ich würde sofort einen Kurs machen, wenn es das Angebot gäbe.

Text Sandra Michel
Foto Dominik Asbach, Franziska Gilli, André Kirsch, Basti Arlt

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