Ein Mann fährt ein Auto, während er auf sein Handy blickt.Ein Mann fährt ein Auto, während er auf sein Handy blickt.

02.09.2021

Ablenkungen am Steuer: Und dann kracht’s doch

Der Unfallforscher Jörg Kubitzki hat untersucht, was uns beim Autofahren ablenkt. Ein Interview über Handys, Streitgespräche und die eine fehlende Sekunde vor dem Knall

Zur Person

Jörg Kubitzki arbeitet im Allianz Zentrum für Technik und untersucht die Gefahren von Ablenkung am Steuer

Herr Kubitzki, was lenkt uns beim Autofahren am meisten ab? Wir haben für unsere Studien verschiedene Ablenkungsquellen im Auto untersucht – von Essen und Trinken über Streiten bis hin zum Telefonieren. Dabei hat sich klar ergeben: Smartphones und Navigationsgeräte stellen das Hauptproblem dar. Jeder zweite Befragte unserer Studie hat zugegeben, sein Handy während der Fahrt auch ohne Freisprechanlage zu nutzen. Übrigens geht es dabei nicht nur um schwere Unfälle. Auch die steigende Zahl der Bagatellschäden hängt damit zusammen.

Lenkt die Technik, die fest im Auto verbaut ist, uns genauso ab? Auf jeden Fall. Auch der Bordcomputer und alle anderen Geräte im Auto, die zur Unterhaltung oder Kommunikation dienen, sind gefährlich und führen zu mehr Unfällen. In unserer Studie haben 74 Prozent der Befragten angegeben, dass die viele Technik im Auto sie ablenkt. Fast jeder Dritte sagt das über das Bedienen des Bordmenüs.

30 Prozent der Autofahrer schauen laut der Studie während der Fahrt aufs Smartphone, um zu überprüfen, wer angerufen hat. Überrascht Sie das? Absolut nicht. Das hängt mit dem kulturellen Wandel zusammen. Vor allem junge Menschen sind heutzutage mental ständig online unterwegs. Sie stehen morgens auf, frühstücken, gehen zur Arbeit, zum Sport – alles mit dem Smartphone in der Hand. Deshalb wundert es mich nicht, dass viele das Handy auch beim Autofahren ständig im Blick haben.

»Und dann kracht’s doch, denn beim Autofahren kann jede Sekunde, in der man abgelenkt ist, zu einem Unfall führen«

Jörg Kubitzki

Werden Sie nervös, wenn Ihr Handy im Auto klingelt? Nein. Ich hatte mein Handy im Auto lange Zeit auf Vibration eingestellt. Weil man das aber trotzdem noch hört, ist es mittlerweile komplett lautlos. Natürlich handele ich mir dann auch mal Ärger ein, wenn ich nicht direkt auf Anrufe reagiere, aber so werde ich nicht abgelenkt.

Wie kann man die Menschen entgegen ihrer Gewohnheit davon überzeugen, ihr Handy während der Fahrt nicht zu benutzen? Stellen Sie sich vor, Sie sagen einem unter starkem Druck stehenden Lieferanten, er soll an den Rand fahren, um ein Telefongespräch anzunehmen. Das ist fast unmöglich. Genauso ist es bei Privatfahrern – bevor man eine Möglichkeit sucht, an den Rand zu fahren, guckt man während der Fahrt kurz aufs Handy. Autofahrer davon zu überzeugen, das Smartphone freiwillig nicht zu benutzen, ist schwierig. Aber es gibt verschiedene andere Lösungsansätze.

Zum Beispiel? Es muss vor allem stärkere Maßnahmen auf Rechtsebene geben. Die Überarbeitung des Handy-Paragrafen in Deutschland ist der richtige Schritt. Bald werden Handy-Verstöße am Steuer mit höheren Bußgeldern belegt und Fahrverbote häufiger möglich.

Was ist das Problem am neuen Handy-Paragrafen? Das Verbot wurde zwar sinnvollerweise auf alle Kommunikations- und Informationsgeräte und auf die Start-Stopp-Automatik des Motors ausgeweitet. Zugleich wurde die Bedienung nicht handgehaltener Geräten erlaubt, wenn die Blickzuwendung »kurz« bleibt, das ist zu unverbindlich. Sichtfeldprojektionen dürfen für fahrzeug-, verkehrszeichen-, fahrtbezogene und für fahrtbegleitende Informationen genutzt werden. Letzteres wurde von den Sicherheitsexperten kritisiert, es schließt im Grunde alles ein, was unnötig ablenkt.

Was passiert denn, wenn ich eine Sekunde meinen Blick von der Straße abwende und aufs Smartphone gucke? Das ist das Problem: In über 90 Prozent der Fälle passiert nichts. Rein gar nichts. Ein Unfall ist immer eine Verkettung von vielen Ereignissen. Bis es einmal so richtig knallt, muss sehr viel passieren. Genau das lernt der Autofahrer, also denkt er: »Ich kann das tun, die Verkehrslage gibt das her, mir passiert nichts.« Und dann kracht’s doch, denn beim Autofahren kann jede Sekunde, in der man abgelenkt ist, zu einem Unfall führen.

»Um Unfälle zu vermeiden, müsste man auch manche Beifahrer verbieten«

Jörg Kubitzki, Unfallforscher am Allianz Zentrum für Technik

Helfen dagegen nicht neue Techniken im Auto? Durchaus. Deshalb fordern wir eine Verpflichtung zu Notbremssystemen in Pkw. Das kann helfen, die fehlende Sekunde am Ende der ganzen Unfallkette wenigstens ein Stück weit aufzufangen. Auch Spurhalteassistenten und Abstandsassistenten sind Einrichtungen, die helfen.

Mit einer Freisprechanlage sind bereits viele Autos ausgestattet. Bringt das etwas? Auf jeden Fall. Das Problem wird damit reduziert, weil man das Smartphone nicht in die Hand nimmt. Aber wir wissen mittlerweile: Auch das Sprechen an sich ist mit einer höheren Unfallgefahr verbunden.

Das würde ja bedeuten, dass man während der Fahrt auch nicht mit dem Beifahrer sprechen sollte. Ja, genau. Ein Ergebnis unserer Studie hat gezeigt, dass Streit im Auto in hohem Zusammenhang mit der Unfallrate steht. Und mehr noch: Selbst wenn der Beifahrer nicht spricht, sondern nur sein Smartphone nutzt und im Internet etwas sucht, ist man als Fahrer unbewusst auch abgelenkt. Aus der Sicht eines Unfallforschers müsste man das Handy aus dem Auto verbannen. Eigentlich müsste man dann auch manche Beifahrer im Fahrzeug verbieten. Das ist natürlich Unfug. Aber Autofahrern deutlich zu machen, dass auch Beifahrer die Verkehrssicherheit beeinflussen, ist wichtig. Wie sagt man? Einsicht ist der erste Weg zu Besserung.

Interview   Saskia Trucks
Foto             iStock/gettyimages

Das könnte Sie auch interessieren