Die ganze Dummy-Familie – von Baby über Kleinkind bis zu den Erwachsenen – sind nebeneinander in einer Reihe auf Rollstühlen platziert. Vor ihnen sitzen zwei Dummy-Hunde.Die ganze Dummy-Familie – von Baby über Kleinkind bis zu den Erwachsenen – sind nebeneinander in einer Reihe auf Rollstühlen platziert. Vor ihnen sitzen zwei Dummy-Hunde.

01.10.2021

50 Jahre AZT: Aus dem Leben eines Crashtest-Dummys

Im Dienst des Kunden schickt die Allianz ihn bereits seit 50 Jahren in schwerste Unfälle. Immer ist er das Opfer. Hält für unsere Fehler den Kopf hin. Still und geduldig. Das ist nicht fair, oder? Ein Dummy packt aus

Seit nunmehr 50 Jahren steht das Allianz Zentrum für Technik (AZT) für Kompetenz in der Kfz-Reparatur und Sicherheitsforschung. Ob Sicherheitsgurt, Airbag, Wegfahrsperre, Fahrassistenzsysteme oder Ablenkung am Steuer: Das AZT hat maßgeblich zur Etablierung von heute selbstverständlichen Sicherheitssystemen im Auto beigetragen. Dafür werden regelmäßig Crashtests mit Dummys durchgeführt, um wirkende Kräfte und deren Folgen bei einem Unfall zu visualisieren. Solche Versuche werden zu Themen wie Ladungssicherung, Hund im Auto sowie zum richtigen Umgang mit Sicherheitsgurt und Airbag durchgeführt. Wir haben uns das Crashtest-Zentrum angeschaut und uns von einem Insider rumführen lassen:

Ein Crashtest-Dummy sitzt angegurtet auf dem Fahrersitz eines Autos.
Fest im Sitz: Im AZT werden mögliche Unfallszenarien nachgestellt

Die Dummys sind naturgetreu gebaut und besitzen, wie auch Menschen, Kniegelenke.
Die perfekte Ausrichtung: Vor jedem Aufprall wird der Dummy in die richtige Position gebracht
Bereit für den Crash: Ein letzter Blick in den Rückspiegel – jetzt kann es losgehen

Gleich geht das Licht an, und die Menschen kommen zu uns in den Keller. Meine beiden Betreuer Sebastian Dürnberger und Carsten Reinkemeyer sind wie immer die Ersten auf der unterirdischen Teststraße im Bauch des AZT. Sie schalten die Computer an und prüfen noch ein letztes Mal die Sitzposition und das Kabel, das aus meinem Körper zu den Messgeräten geht. Etwas später kommen Kameramann Martin Grimme und Versuchsingenieurin Melanie Kreutner hinzu. Gäste werden erwartet. Die wollen ein perfektes Spektakel. Einen sauberen Rums. Ich sitze schon die ganze Nacht über im Dunkeln am Steuer eines VW Sharan und warte. Das macht mir nichts aus, das Wichtigste bei meinem Beruf ist: Geduld haben. Es dauert jedes Mal fast einen Tag, bis ich endlich ans Steuer komme. Erst nimmt Oskar, mein mechanisches Double, für mich Platz. Mit seiner Hilfe wird stundenlang die genaue Sitzposition eingemessen. Vom Wartezimmer aus beobachtet meine Familie amüsiert die Prozedur. Oma unterhält die beiden Enkel mit Anekdoten und zeigt ihre Blessuren: abgerissene Finger, Schrammen, zerfledderte Silikonhaut. Sie war dabei, als man die WM-Autokorsos jubelnder Fans mit Dummys nachstellte. Sie stand mit Deutschlandschal und Fußballtrikot im offenen Schiebedach eines Audi A6. Beim Wandanprall schnitt die scharfe Kante in ihren Bauch. Meine Frau saß damals im offenen Fenster des Autos und demolierte mit dem Becken die B-Säule – alles festgehalten auf Highspeed-Video von Martin. Dabei setzt er uns stets ins beste Licht, was nicht immer einfach ist: Denn die Kameras müssen optimal positioniert sein und brauchen sehr viel und gleichmäßiges Licht. 

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Oskar am Steuer

Markus mag jetzt solche Unfallgeschichten nicht hören, er hat sich zu unseren Füßen schmollend eingerollt. Als Flughund segelte er gestern beim Crash durch die Luft. Unfreiwillig, wie immer. An der Stirn ist das Fell aufgeplatzt, und die Drähte hängen raus. Ich bin stolz auf ihn. Immerhin konnte er den Menschen zeigen, was passiert, wenn das Haustier beim Unfall ungesichert zum gefährlichen Geschoss wird. Morgen hat mein Neffe, der BioRid II, seinen Einsatz. Er ist Spezialist für den Heckaufprall und das Schleudertrauma – oder, wie Melanie als gelernte Unfallanalytikerin sagen würde, das HWS-Syndrom. Seine Wirbelsäule ist fast so wie die des Menschen, man hat ihm Halsmuskeln aus federndem Stahl eingebaut. Mit seinen sensiblen Sensoren testet er, wie gut oder schlecht Kopfstützen und Sitze neuer Autos vor Verletzungen der Halswirbelsäule schützen.

Sehen Sie im Video: Hunde-Dummys im Crashtest
Naturgetreu: Hinter jedem Crashtest-Dummy steckt
eine Menge ausgeklügelter Technik

Melanie geht es bei der Arbeit mit uns nicht schnell genug: »Der will nicht«, sagt sie oft, wenn ein Bein klemmt. Oder: »Der ist heute mal wieder völlig unbelehrbar und macht Sachen, die er nicht machen soll.« Carsten beruhigt sie: »Es sind nur Dummys, die lernen nicht aus ihren Fehlern.« Witzig. Aus meiner Perspektive ist es genau umgekehrt. Der Mensch mit seinem Leichtsinn ist doch das Problem!

Ein guter Dummy muss aber verzeihen können. Und er muss vor allen Dingen das Warten wirklich lieben. Ich freue mich jedes Mal wieder aufs Neue, wenn Sebastian mir wie gestern Abend den »Teletubby«, eine Ösenschraube, in den Kopf dreht. Dann hänge ich am Haken eines Stahlseils. Mit dem Kran werde ich vorsichtig hochgehoben und zum Wagen auf der Testbahn gefahren. Dieser Moment des Schwebens ist für mich das Schönste. Vom vielen Sitzen ist mein Po schon ganz breit geworden – jetzt in der Luft fühle ich mich so frei. Ein paar schwerelose Gedanken jagen durch meinen Kopf: Wäre es nicht wunderbar, wenn alles im Leben so einfach wäre wie Nescafé? Das große Glück, Reichtum oder unfallfreies Fahren? Ein bisschen Pulver genügt, heißes Wasser drüber, umrühren, fertig. Typische Menschenfantasie, sag ich da nur. Völlig unrealistisch. Wir Dummys wissen, dass das nur eine schöne Illusion ist. Autos crashen auf alle nur erdenklichen Weisen, von hinten, vorne oder von der Seite. Solange das so ist, werden wir gebraucht. Einer muss ja den Kopf hinhalten. Meiner ist aus Aluminium und hält eine Menge aus.

Weil Menschen sentimental sind, geben sie Dummys Namen. Die Kollegen im AZT sprechen mich mit Max-Dieter an: eine Hommage an Max Danner, der 1971 das Institut für Kraftfahrzeugtechnik – den Vorläufer der heutigen AZT Automotive GmbH – gegründet hat, und seinen Nachfolger Dieter Anselm. Mein Namensvetter Max war ein Pionier der Unfall- und Reparaturforschung. Vor 50 Jahren fehlten weitgehend objektive Beurteilungskriterien für die Kraftfahrzeugreparatur: Was geht unter bestimmten Bedingungen kaputt, wie kann man reparieren, was kostet das? Max Danner setzte uns Hybrid-Dummys in Autos und untersuchte den typischen Stadtschaden, der etwa bei einem leichten Auffahrunfall entsteht. Dieser bis heute gefahrene Niedriggeschwindigkeitstest mit 15 km/h ist die Grundlage für die Ersteinstufung in das Typklassensystem der Kfz-Versicherung. Die von Max Danner mit uns entwickelten Crashtests haben auch international den Standard gesetzt.

Mein wirklicher Name ist Hybrid III, ich gehöre zur Spezies der am weitesten verbreiteten Dummys der Welt. Die Ersten von uns wurden in den 1950ern gebaut. Man nennt mich auch den 50-Prozent-Mann. Ich entspreche dem durchschnittlichen männlichen Autofahrer, wiege 78 Kilogramm, und könnte ich aufrecht stehen, wäre ich 1,75 cm groß. Mein Spezialgebiet ist der Front-Crash. In meinem Körper stecken bis zu 25 Sensoren, allein neun davon im Kopf. Die Messgeräte zeichnen auf, was mit mir passiert, wenn ich beispielsweise angeschnallt oder unangeschnallt gegen die Wand fahre. Wenn beim Aufprall etwas kaputtgeht, komme ich in die Dummyklinik zu Humanetics nach Heidelberg. Der Service dort ist okay, eine neue Rippe ist schnell eingebaut. Die Doktoren sind feinfühlig, das Öl für die Gelenke vom Allerfeinsten. Nur den Mann, den sie den »Masseur« nennen, fürchten wir. Er schraubt uns den Kopf ab und lässt ihn aus 40 cm Höhe fallen. Oder er schlägt mit einem Pendel auf unseren Brustkorb ein. Angeblich ist das eine Art Reset und Härtetest für die Sensoren.

»Noch fünf Minuten«, ruft Carsten. Gäste und Techniker begeben sich hinter gesicherte Scheiben. Ich höre sie lachen und die üblichen Scherze machen. Für manche sind wir die Idioten, die hirnlos und wehrlos immer und immer wieder platt gefahren werden. Einige verwechseln uns tatsächlich mit Schaufensterpuppen. Umgekehrt möchte ich nicht in eurer Haut stecken, wenn ihr aus Versehen mit Vollgas gegen den Baum rast. Ich weiß viel zu gut, welche Kräfte auf euren fragilen Körper wirken. Ein Aufprall mit 50 km/h ist gleichbedeutend mit einem Sturz aus zehn Metern Höhe. Autsch. Oder wie meine beiden Freunde Vince und Larry aus Amerika sagen würden: »You can learn a lot from a Dummy.« Die beiden sprechenden Dummys sind die Helden in Werbespots des US-Verkehrsministeriums. Sie reißen Witze über Menschen, die keinen Gurt tragen. Kinder lieben die Geschichten, wenn Vince und Larry vormachen, wie das ist, wenn man das 20-Fache seiner Körpermasse zu stemmen versucht. Das sind die Kräfte, die bei Frontalunfällen bereits bei 30 km/h wirken können. Das schafft noch nicht mal der beste Gewichtheber. Aber der Sicherheitsgurt kann es.

Klicken Sie durch die Bildgalerie: Arbeitsalltag im AZT

Eigentlich müsstet ihr uns Kunstmenschen beneiden. Wir bleiben ewig jung und sterben nie. Wenn ich könnte, würde ich jetzt gerne aussteigen und den Besuchern vom allerersten Dummy erzählen. Er war ein Mensch und doch fast einer von uns. Colonel John Paul Stapp stellte sich in den späten 40ern und Anfang der 50er-Jahre freiwillig zur Verfügung. Er misstraute den Tier- und Kadaverversuchen, mit denen man vor uns experimentierte: »Ein Schimpanse kann nicht erzählen, wo es wehtut und ob der Gurt locker sitzt.« Für die U.S. Air Force testete Stapp Schleudersitze, Pilotenhelme und Sicherheitssysteme. Er setzte sich als menschlicher Dummy auf Raketenschlitten und ließ sich auf bis zu 1000 km/h beschleunigen und dann auf null bremsen. Dabei wirkte die 46,2-fache Erdanziehungskraft auf ihn ein. Auf Fotos und alten Filmaufnahmen kann man sehen, wie durch den Luftwiderstand sein Gesicht zur Knete wird. Ein anderer wäre dabei draufgegangen, aber er war einzigartig. Nach seinem Vorbild entstanden meine Vorfahren, Urgroßvater Sierra Sam, der vor allem für die Air Force arbeitete. Zur Familie der frühen Dummys zählen auch Stan, der Standardmann, und die VIP-50-Serie, die als »Very Important People« in den 1950er-Jahren für die Autohersteller GM und Ford zum Einsatz kamen. Der erste deutsche Dummy war ein ausgemusterter amerikanischer VIP-50, der unter einem Decknamen zu Mercedes kam. Beim ersten deutschen Crashtest im Jahr 1959 saß ein gewisser Oscar am Steuer. Heute beschäftigen die Stuttgarter einen modernen Klimadummy, der in memoriam Dr. Oscar heißt. Für Crashtests ist sich der Doktor zu fein, dafür wird er schockgefrostet und misst Lufttemperatur, Strömungen und Strahlungswärme. Im Auftrag des Kunden muss mancher Dummy eben auch mal frieren können.

Alltäglicher Arbeitsweg: Vom Rollstuhl …
… an der Dummy-Familie vorbei …
… bis zum Arbeitsplatz

Es geht los. »Messtechnik?« Okay. »Kamera?« Okay. »Ich beginne jetzt mit dem Countdown«, sagt Melanie. »5, 4, 3, 2, 1 und Crash.« Stille. Surren. Ein Knall. Die Zuschauer halten sich vor Schreck die Ohren zu. Während es mich nach vorne katapultiert und dann nach hinten in den Sitz schleudert, denke ich an Sisyphos. Er ist mein Idol, und ich glaube, die modernen Menschen haben seine Geschichte nie richtig verstanden. Für uns Dummys ist er ein positiver Held. Wir bewundern seine Ausdauer. Wie der Mann unermüdlich einen gewaltigen Felsblock mit aller Kraft einen Hügel hinaufrollt. Doch jedes Mal, wenn er oben angelangt ist und Sisyphos den Stein schon fast über die Kuppe werfen könnte, dreht ihn das Übergewicht zurück. Der Block rollt bergab. Aber Sisyphos gibt nicht auf, er macht immer weiter und stemmt ihn von Neuem Schritt für Schritt nach oben.

Wir im AZT machen das genauso. Nach dem Crash ist vor dem Crash. Der Blechschaden wird oben in der Werkstatt repariert. Wenn das Fahrzeug wieder heile ist, kommt es zum Bumper-Test noch mal auf die Crashbahn und wird danach erneut repariert. So geht das für uns Dummys wie bei Sisyphos jahrein, jahraus. Im Unterschied zum griechischen Mythos aber lernen die Forscher jedes Mal viel Neues über das Material, testen Reparaturmethoden und entwickeln Ideen für noch mehr Sicherheit.

Sicherheit geht vor: Auch die Funktionalität der Sitzgurte wird regelmäßig getestet

Am Steuer: Der nächste Heckaufprall steht an

Unsere Tage sind gezählt, sagen die Menschen. In Mountain View/Kalifornien, München und Wolfsburg haben sie Autos erfunden, die selbst fahren. »Autonom« ist das neue Zauberwort. Sensoren überwachen die Straße, während der Exfahrer Däumchen dreht, ein Nickerchen macht oder im Internet surft. Unfälle, so versprechen die Erfinder, wird es nicht mehr geben: »Computer machen keine Fehler.«

Eine schöne Fantasie. Als ich meiner Dummyfamilie im AZT davon erzählt habe, erhob sich im Dunkeln ein schepperndes Gelächter. Rex, unser großer Hund, kugelte durch den Raum, Oma schnippte trotz gebrochener Finger, und der Kopf des BioRid II wippte wie verrückt. Wenn Dummys lachen, klingt das in menschlichen Ohren wie metallisches Knirschen. Plötzlich hörten wir Schritte von oben. Ein Wachmann kam die Treppen heruntergestürzt und machte das Licht an. Wir saßen längst alle wieder auf unseren Stühlen. Alles war wie immer – fast. Wenn jemand genauer hingesehen hätte, wäre aufgefallen, dass das Grinsen auf unseren Gesichtern eine Spur süffisanter war als sonst. Aber so genau achtet ja keiner auf uns.

Voller Blessuren: Crashtest-Dummys müssen so einiges aushalten …
… und regelmäßig mit neuen Ersatzteilen ausgestattet werden
Sehen Sie im Video: Das Jubiläum der AZT

 
Text
    Michael Cornelius
Fotos  Enno Kapitza

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