25.05.2021

»Parathleten sind keine Sportler zweiter Klasse«

Mit 14 Jahren verlor Markus Rehm bei einem Sport­unfall seinen Unterschenkel, heute ist er einer der besten Para-Weitspringer der Welt. Das Interview fand einige Monate vor dem Start der Olympischen Spiele in Tokyo statt. Damals träumte Markus Rehm noch davon, dort teilnehmen zu können. Das ging nicht in Erfüllung – aber bei den Paralympischen Spielen (24. August bis 5. September) hofft Rehm nun auf Gold.

Zur Person

Ausnahmeathlet: Markus Rehm, 1988 in Göppingen geboren, ist einer der besten deutschen Weitspringer. Seine Bestleistung von 8,48 Metern bedeutet nicht nur Weltrekord unter den Parasportlern, mit dieser Weite hätte er auch Chancen auf eine Olympiamedaille bei den Nichtbehinderten. Seinen rechten Unterschenkel verlor er mit 14 Jahren. Beim Wakeboarden, einer Art Wasserski mit einem Brett, streifte ihn ein Motorboot. Der Unfall bestimmte auch seinen Beruf: Rehm ist Orthopädietechnikermeister und optimiert seine Prothese selbst. Er lebt in Leverkusen, startet für den TSV Bayer 04 Leverkusen und wird von der ehemaligen Weltklasse-Speerwerferin Steffi Nerius trainiert.

Herr Rehm, erinnern Sie sich an Ihren Unfall? Ich weiß noch alles, jeden Moment. Ich kann mich sogar an den ersten Augenaufschlag erinnern, nachdem es kurz dunkel war.

Wie gehen Sie mit diesen Erinnerungen um? Sie sind sehr präsent. Und ich finde es nicht schlimm, dass sie da sind. Sie gehören zu meinem Leben.

Kannten Sie den Mann, der das Motorboot steuerte? Es war ein Fremder. Er hat mich im Krankenhaus besucht, was ich zunächst nicht wollte. Ihm war es wohl wichtig.

Stellte sich die Schuldfrage? Es war eigentlich klar: Er ist hinter uns gefahren und hätte mich sehen müssen. Ich hatte eine neonfarbene Schwimmweste an.

Konnten Sie ihm verzeihen? Ich habe ihm nie wirklich Vorwürfe gemacht.

»Der Tag meines Unfalls ist für mich nicht negativ belegt«

Markus Rehm, Profisportler und Parathlet

Gemeine Frage: Wären Sie mit zwei gesunden Unterschenkeln auch so weit gekommen? Ich glaube, ich hätte einen anderen Weg genommen. Ich kann mich Profisportler nennen – das finde ich toll. Ohne den Unfall hätte sich das nicht entwickelt. Deswegen ist dieser Tag für mich auch nicht negativ belegt.

Ein Schlag des Schicksals auf den Hinterkopf? Ja, das war es. Das Leben führte plötzlich woandershin. Nicht dahin, wo ich dachte. Es war eine harte Kurve.

Der Unfall mit dem Motorboot passierte beim Wakeboarden auf einem See. Zwei Jahre danach wurden Sie in dieser Disziplin deutscher Jugend-Vizemeister. Wie haben Sie das geschafft? Ja, das war erstaunlich. Beim Wakeboarden gibt es ja kaum paralympische Athleten, und ich wollte mich mit den Besten messen. Das sind nun mal die, die zwei Beine haben.

Mit 26 Jahren wurden Sie deutscher Meister der Nichtbehinderten im Weitsprung. Welcher Titel war wichtiger? Gegen die olympischen Weitspringer zu gewinnen, definitiv. Damit hatte keiner gerechnet.

Betreiben Sie mentales Training? Ja, vor allem zur Vorbereitung auf Wettkämpfe. Ich liebe es, mit Emotionen zu spielen und setze sogenannte Ankerpunkte, um sie abzurufen.

Also eher emotionales Training? Es geht darum, Emotionen nicht als Gegner zu sehen. Ich will emotional in den Moment hineingehen. Das ist eine kraftvolle Ressource.

Ist es Aggression, die Sie weiterbringt? Manchmal genügt ein dickes Grinsen im Gesicht. Aber die größte Motivation ist, wenn ich weiß, dass einer meiner Schützlinge zuschaut. Ich will, dass sie stolz auf mich sind. In Rio wurde ich nach drei schlechten Versuchen echt emotional. Ich wollte es nicht versauen! Dieser Gedanke brachte die Wendung.

Mit welcher Strategie trainieren Sie Ihren Körper? Koordination und Kondition sind wichtig, aber wer weit springen will auf einer Prothese, braucht Rhythmusgefühl. Das kommt noch vor der Kraft.

Brauchen Sie als Schnellkraftsportler auch Ausdauer? Ich mache wenig Ausdauertraining. Zehn Kilometer gegen mich sind ein Kinderspiel. Aber ich kann ja kurz und knackig.

Haben Spitzensportler eine eigene Schmerzgrenze? Ich glaube, die muss höher liegen. Aber es ist eine Hassliebe. Man hasst den Schmerz, aber es ist gut zu spüren, dass man etwas getan hat. Manchmal kriege ich abends schlechte Laune, weil ich denke: Morgen wird hart.

Was genau machen Sie als Orthopädietechniker? Ich habe mich auf Sportprothesen spezialisiert. Da bin ich ein bisschen zum Freak geworden. Einen Typen wie mich will ich nicht zum Kunden haben. Ich wäre mir zu anspruchsvoll.

Was war Ihr Meisterstück? Eine Sportprothese für eine Athletin. Die Prüfer kannten sich damit nicht wirklich aus, sodass ich praktisch erzählen konnte, was ich wollte. Aber die Prothese war gut, die Athletin hat damit Wettkämpfe bestritten.

Wie viele verschiedene Prothesen hatten Sie schon am Knie? Zu viele, um sie zu zählen. Im Keller liegen 15 bis 20 – und Einzelteile für deutlich mehr.

»Eine richtig gute Sportprothese kostet etwa 9.000 Euro«

Aus wie vielen Teilen besteht eine Sportprothese? Aus dem Silikonhalter, der die Haut schützt. Dem Schaft aus Kohlefaser, der die Verbindung zum Körper herstellt und in dem das Bein steckt. Und aus dem Blade, auch aus Kohlefaser.

Wie hat sich denn die Technik seit Ihrer Lehrzeit verändert? Wir nutzen nach wie vor das gleiche Material, nur die Geometrie ist anders geworden.

Ist die Technik ausgereizt? Schwer zu sagen, weil immer ein Mensch dahintersteckt.

Was kostet eine richtig gute Sportprothese für den Unterschenkel? Etwa 9000 Euro. Meine deutlich mehr, wenn ich die Zeit rechne, die ich reinstecke.

Was genau machen Sie? Ich arbeite an der Passform, damit ich keine Druckstellen bekomme. In die Form der Sohle kann man auch viel Zeit stecken. Ich versuche, eine gute Statik zu finden und mit ihr das ganze Jahr zu trainieren. Ich müsste mich sonst ständig an Neues gewöhnen.

Stimmt die Beobachtung, dass Sie mit Ihrer Sportprothese hinken? Die Prothese ist ein bisschen zu lang, weil sie flexibel ist. Wenn ich gehe, ist nicht genug Belastung drauf. Sobald ich sprinte, ist die Länge genau richtig. Wenn ich gehe oder stehe, sieht es unrund aus.

Wie hält die Prothese am Körper? Über ein Vakuum, unten an der Prothese ist ein kleines Ventil, das den Unterdruck hält. Manche denken ja, dass sie angeschraubt ist.

Fürchten Sie nicht, dass sie abrutschen könnte? Mir ist im Sprint mal das Ventil abgefallen, ich bin gestürzt und habe mir die Hand gebrochen. War mein Fehler, weil es ein Provisorium war. Das passiert normalerweise nicht.

Immer mit Blick auf das Ziel: Rehm träumt von einem inklusiven Wettbewerb – gemeinsam mit paralympischen und olympischen Athleten

Wie ist der aktuelle Stand der Diskussion – bringt eine Prothese sportliche Vorteile oder nicht? Das weiß tatsächlich keiner. Ich habe 2016 eine Studie angestoßen, und die Wissenschaftler sagten: Wir sehen beides, einen Nachteil beim Anlaufen und einen Vorteil beim Absprung. Aber nicht durch eine Federwirkung, sondern weil ich beim Hochspringen weniger Geschwindigkeit verliere als jemand mit zwei Beinen. In der Flugphase sind die Werte wieder gleich. Aber man wird nie genau wissen: Was macht die Prothese und was mein Körper? Die fairste Lösung wäre, gemeinsam zu starten, aber getrennt zu werten. Ich möchte keinen Vorteil haben.

Die Prothese sitzt an Ihrem Sprungbein. Was, wenn sie am anderen Bein sitzen würde? Der Weltrekordhalter vor mir ist noch mit seiner gesunden Seite abgesprungen. Dann kam ich und habe das umgedreht. Mittlerweile springen die meisten Paraweitspringer von der Prothese ab.

Es gibt im Moment eine Diskussion um einen Marathonschuh, der eine Carbonsohle hat, die Laufenergie spart. Sehen Sie da Parallelen zu Ihrem Fall – Stichwort Techno-Doping? Ich hasse das Wort! Beim Doping verschafft man sich wissentlich einen Vorteil. Ich habe mir nie ausgesucht, eine Prothese zu tragen. Man darf die Prothese ruhig kontrovers diskutieren. Aber ich finde es nicht okay, wenn man meinen Erfolg auf die Prothese reduziert. Der Zweite in der Weltrangliste der Parasportler liegt 80 Zentimeter hinter mir. Wenn es so einfach wäre, müssten doch alle weiter springen. Und nicht vergessen: Ich habe kein Gefühl im Sprunggelenk, ich habe kein Gefühl unter der Sohle.

»Ich möchte allen zeigen: Wir sind keine Sportler zweiter Klasse«

Der Internationale Sportgerichtshof hat kürzlich entschieden, dass der Leichtathletikverband nachweisen muss, dass Prothesen einen Vorteil bringen. Bislang war die Beweislast umgekehrt. Ja. Wenn ich weit genug springe und mich zu einem Wettbewerb anmelde, müssen sie mir nachweisen, dass ich einen Vorteil habe. Und das wird schwer.

Wollen Sie sich zu den Olympischen Spielen anmelden? Ich würde gerne bei den Olympischen Spielen starten. Meinetwegen auch in getrennter Wertung, denn ich finde eine Olympische Medaille sportlich nicht wertvoller als eine Paralympische. Ich würde nur gern die größere Plattform nutzen, um allen zu zeigen: Wir sind keine Sportler zweiter Klasse. Das ist meine Mission. 

Springen Sie weit genug, um sich zu qualifizieren? Im letzten Jahr bin ich 8,35 Meter gesprungen. Damit lag ich in der Liste der Weltjahresbesten bei den Nichtbehinderten auf Rang zwei. Ein Chinese sprang 8,36 Meter. Das hat mich tierisch geärgert. In Deutschland bin ich sicher auf Platz eins. Und das würde bedeuten, dass man mich mitnehmen könnte.

Würden Sie sich einklagen? Ich möchte, dass sich olympischer und paralympischer Sport näherkommen. Einklagen bedeutet immer böses Blut. Ich habe die Hoffnung, dass es ohne Klage klappt.

»Hätte man mir mal gesagt, dass ich Profisportler werden würde, hätte ich den Kopf geschüttelt«

Kann es sein, dass Sie zu höflich und rücksichtsvoll sind? Ja, kann sein. Das wird mir öfters mal vorgehalten.

Das Paralympische Komitee wurde 1989 in Düsseldorf gegründet und ist damit nur ein Jahr jünger als Sie. Können die Paralympioniken mit dem Erreichten in dieser kurzen Zeit zufrieden sein? Das Komitee hat seit 1989 echt viel geschafft. Ich bin wirklich glücklich und dankbar. Vor zehn Jahren, als ich angefangen habe, war alles längst nicht so professionell. Hätte man mir gesagt, dass ich Profisportler werden kann, hätte ich den Kopf geschüttelt: Niemals!

Wo könnte der Behindertensport in 20 Jahren stehen? Wir brauchen uns nicht mehr zu verstecken. Es gibt immer noch Leute, die sich nicht gern zeigen mit ihrer Prothese, weil sie vermeintlich eine Schwäche ist. Ich möchte jüngeren Menschen Mut machen. Denen sage ich immer: Das sind Besonderheiten, die uns auszeichnen.

Wie würden Sie die Inklusion befördern? Ich wünsche mir eine Verbindung zwischen den Olympischen und Paralympischen Spielen. Vielleicht gibt es irgendwann einen gemeinsamen Staffelwettbewerb mit je zwei Olympischen und zwei Paralympischen Läufern. Und bei der Eröffnungsfeier könnten zwei Athleten gemeinsam mit einer Fackel durchs Stadion laufen und nacheinander das Olympische und Paralympische Feuer entzünden. Das wäre ein starkes Signal.

Interview         Christian Gottwalt
Fotos                 Henning Ross

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