Autorin blickt vom Berg hinunter ins TalAutorin blickt vom Berg hinunter ins Tal

Brotzeitpausen und Proviant ade: Beim Fastenwandern fühlt sich Veronikas Rucksack ungewohnt leicht an.

28.10.2019

Fastenwandern: Mit leerem Bauch auf großer Tour

Eine Woche wandern, ohne was zu essen. Unsere Autorin hat dabei viel gelernt. Über ihren Fettstoffwechsel und das Phänomen Fastendemenz. Und über ein irritierendes Gerät namens Irrigator. Ein Erlebnisbericht.

Wolfgang Winkel ruft zurück, als ich im Biergarten sitze. Zum Glück kann er nicht sehen, was vor mir auf dem Tisch steht: Obatzda mit Breze und Radler. Wolfgang Winkel ist Fastenexperte. Vermutlich verachtet er gesättigte Fettsäuren, Weißmehl und Alkohol. Ich hatte ihm geschrieben, weil ich wissen will, wie es ist, eine Woche lang nichts zu essen. Winkel erzählt von den Fastenwandern-Seminaren, die er mit seiner Partnerin Gabriela Kühne anbietet: keine feste Nahrung, aber mehrere Stunden Fußmarsch täglich. Wie das ohne Zusammenbruch meinerseits gehen soll, ist mir zwar ein Rätsel, aber als er sagt, »es wird Ihnen gefallen«, bin ich dabei.

Drei Wochen später sitze ich zwischen 13 fremden Frauen im Stuhlkreis und höre zu, wie sie reihum ihre Körperausscheidungen beschreiben. »Ich habe mich gestern vollständig entleert«, sagt Diana aus Leipzig und erklärt, dass ihr das mit drei Litern Salzwasser, Yogaübungen und zahlreichen Toilettengängen gelang. »Irgendwann kommt nur noch Wasser«, sagt sie und schaut in die Runde, als würde sie übers Wetter reden. Fast alle hier in Pottenstein in der Fränkischen Schweiz sind fastenerfahren, und jede hat so ihre Tricks.

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Making of

Unsere Autorin bei einer Rast. Bisher waren ihre Wanderungen untrennbar mit Kaiserschmarrn und Spinatknödeln verbunden

Vom Abführen versprechen sich manche weniger Hunger und bekommen Kopfschmerzen (eine häufige Nebenwirkung beim Fasten), andere fühlen sich einfach wohler, wenn sie innen mal richtig »durchgefeudelt« haben. Im Kreis sitzt auch Fastenleiterin Gabriela Kühne: Ü60, Energie wie U30, 40 Jahre Fastenerfahrung. Sie hält einen Irrigator hoch, ein Einlaufgerät, mit dem man den Darm spülen kann. »Eine Anschaffung fürs Leben«, findet Gabriela, »und ein super Geschenk für Menschen, die sonst schon alles haben.«

Zum Glück hat sie auch etwas für Leute wie mich dabei: einen sanften Cocktail aus Buttermilch, Pflaumensaft und Flohsamen. Als ich erzähle, dass ich Fastenneuling bin, gerät sie ins Schwärmen: »Das erste Mal ist wie Verliebtsein.« Man habe eine besondere Energie und fühle sich wie ein Entdecker neuer Welten. Bisher kann ich das nicht behaupten. Die beiden »Entlastungstage«, die ich vor meiner Anreise strikt nach Anweisung eingelegt habe, waren 48 lustfeindliche, aufgeblähte Stunden. Nicht erlaubt waren: Fleisch, Milch, Nudeln, Brot, Kaffee, Zucker und Alkohol. Erlaubt waren fast nur Obst und Gemüse, und das bitte salzarm. Verliebtsein fühlt sich bei mir anders an.

Abends im Hotelzimmer suche ich nach Gründen, warum ich es trotzdem durchziehen soll. Der Ernährungsmediziner Andreas Michalsen hat einen Bestseller übers Fasten geschrieben. Bei ihm klingt es wie ein Wundermittel: Es senke Blutdruck, Blutfett und Blutzucker, stärke das Immunsystem, könne Schmerzen lindern und bei Rheuma und Diabetes helfen. Nur zum dauerhaften Abnehmen empfiehlt er es nicht. Am spannendsten klingt ein Prozess namens Autophagie. So nennt man es, wenn Zellen aufräumen. Schöne Vorstellung, dass meine Zellen jetzt eine Woche Zeit haben, um Schrott zum Wertstoffhof zu bringen.

Süppchen statt Spinatknödel

Dass ich gern wandere, hat auch mit Kaiserschmarrn und Spinatknödeln auf den Hütten zu tun. Unterwegs nicht einmal einen Müsliriegel im Rucksack zu haben, fühlt sich beinahe lebensgefährlich an. Doch inzwischen liegt schon der zweite Wandertag in der Fränkischen Schweiz hinter mir, und ich hatte keine Minute Hunger. Mittlerweile ist Wolfgang Winkel zur Gruppe gestoßen – mit Bäuchlein und nicht ansatzweise so asketisch, wie ich ihn mir ausgemalt hatte. Zusammen mit Gabriela gibt er ein gemächliches Tempo vor, legt lange Pausen ein, lacht viel und schenkt mittags Saft aus. Ich schaue mir Felsen und Burgruinen an und rede mit den Fastenfrauen über Job, Familie, Kochrezepte. Erstaunlicherweise fehlt mir nichts. Im Hotel stärken wir uns abends mit einem salzarmen Süppchen, und abgesehen von Tee und Wasser war es das mit der Nahrungsaufnahme.

Die Suppe und den Saft habe ich übrigens Otto Buchinger zu verdanken, der ab 1920 das Heilfasten in Mode brachte. Mit dem Verzicht auf feste Nahrung hat der hessische Arzt sein Rheuma in den Griff bekommen und empfahl die Therapie dann auch seinen Patienten. Während strengere Fastenphilosophien ausschließlich Wasser erlauben, gibt es bei der Buchinger-Methode, die heute in Europa am häufigsten praktiziert wird, immerhin 200 bis 500 Kalorien am Tag. Außerdem gehören Bewegung und Entspannungsübungen dazu – auch wir meditieren jeden Morgen eine Viertelstunde.

In der zweiten Nacht erwischt es mich. Ich bin erschöpft, mein Herz rast. Allein das Atmen strengt mich an. Ich denke an meinen Vater. »Pack Schokolade ein«, hatte er gesagt, als er von meinem geplanten Fastentrip erfuhr. Ich habe nicht auf ihn gehört. Rast- und kraftlos blättere ich im Fastenbuch zur Überschrift »2. oder 3. Fastentag« und lese, dass sich mein Körper gerade auf den Fastenstoffwechsel umstellt. Die Glykogenspeicher seien leer, heißt es, und der Körper gewinne ab jetzt Energie aus Fettzellen. Bei der Umstellung könne leichte Schwäche auftreten. Ich finde es zwar unverschämt, mein Nahtoderlebnis als »leichte Schwäche« abzutun, aber die Erkenntnis, dass biologisch gesehen scheinbar alles nach Plan läuft, beruhigt mich. Und tatsächlich bin ich am nächsten Morgen gut gelaunt und habe Lust rauszugehen.

Ein bisschen wie Verliebtsein

Am vierten Tag kommt mir mein Kopf angenehm leer vor. Ich bin leicht und sorgenfrei, freue mich über die Vögel, den Bach, das Mohnblumenfeld. Ist das die Fasteneuphorie, von der ich gehört habe? Wissenschaftlich belegt ist jedenfalls, dass wir beim Fasten mehr Glückshormone produzieren als sonst. Mit der Zeit wird mein Geisteszustand aber besorgniserregend: Ich will mein Handy einschalten, doch mir fallen nur falsche PINs ein. Ich vergesse meinen Zimmerschlüssel und bringe die Namen meiner Fastenkolleginnen durcheinander – dabei bin ich gut mit Namen. Moni aus der Stuhlkreisgruppe klärt mich auf: Ich habe Fastendemenz. Genauso wie das Fasten-High kennt hier auch jede das Gefühl, einen leicht verminderten IQ zu haben. Doof, aber glücklich – insofern ist es doch ein bisschen wie Verliebtsein, denke ich, und Wolfgang Winkel sagt: »Genieß es!«

Zum Abschied schenkt mir Gabriela einen Apfel, mit dem ich das Fastenbrechen zelebrieren soll. Er riecht und schmeckt so intensiv, dass ich kurz den Verdacht hege, sie habe ihn mit künstlichem Aroma versetzt. Zurück zu Hause warten interessante Erkenntnisse: dass ich vier Kilo leichter bin. Wie abartig süß doch Zucker ist. Wie unnötig ich Fleischkonsum finde und wie wichtig dagegen ausgiebiges Kauen. Und wie ausgeglichen ich bin. Ich kenne mich zu gut, um zu glauben, dass dieser Zustand lange anhält. Aber vielleicht mache ich das mal wieder.

Text    Veronika Keller
Fotos  Eva-Maria Feilkas
Icons  Timo Mayer/Kombinatrotweiss

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