Ein längerer Blick aufs Display kann ebenso gefährlich sein wie Alkohol am Steuer. Das Allianz Zentrum für Technik hat in mehreren Studien untersucht, wie stark Bildschirme in modernen Cockpits ablenken und was Autofahren sicherer macht.
Den Sender wechseln, die Temperatur nachregeln, in manchen Modellen sogar den Scheibenwischer schneller stellen: Früher war das oft ein Handgriff, für den man nicht einmal hinsehen musste. Heute läuft vieles davon über den Bildschirm. Die meisten Fahrerinnen und Fahrer in Deutschland merken, dass das ablenkt: In einer internationalen Umfrage des Allianz Zentrums für Technik (AZT) sagen 77 Prozent der Befragten aus Deutschland, die Technik im Auto habe das Problem in den letzten Jahren verschlimmert. 53 Prozent sehen darin sogar ein hohes oder sehr hohes Risiko.
Wie groß die Gefahr tatsächlich ist, hat das AZT in einem umfangreichen Forschungsprojekt untersucht. Für den Allianz Motor Day 2026, der unter dem Titel »Swipen. Tippen. Crashen. Ablenkung im digitalen Auto« steht, analysierten Expertinnen und Experten der Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden (VUFO) gemeinsam mit dem AZT mehr als 34.000 Unfälle mit Personenschaden aus der GIDAS-Unfalldatenbank. Mit der Technischen Universität München entstand eine Simulatorstudie, mit dem Unternehmen cogniBIT wurden kritische Situationen modellhaft durchgerechnet. Ergänzend wertete das AZT mehr als 80 bereits veröffentlichte internationale Studien aus.
Das zentrale Ergebnis: Ablenkung könnte bei mindestens 30 Prozent aller Verkehrsunfälle eine Rolle spielen. Dagegen ist sie – laut amtlicher Statistik – bei den von GIDAS untersuchten Unfällen mit Personenschaden nur bei rund 1,4 Prozent als Ursache vermerkt. Für die renommierte GIDAS-Datenbank, ein gemeinsames Projekt der Bundesanstalt für Straßenwesen und der Forschungsvereinigung Automobiltechnik, erfassen Teams die Auslöser direkt am Unfallort. Doch ein Blick aufs Display hinterlässt, anders als etwa starkes Bremsen, kaum Spuren. Ein Leitsatz des Allianz Motor Day lautet deshalb: »Ein Auto ist kein Smartphone.« Das Design müsse den Anforderungen des Verkehrs entsprechen, so der Appell. Sicherheitsrelevante Grundfunktionen wie Entnebelung, Scheibenwischer und Warnblinkanlage gehören an feste Plätze, die Fahrer:innen ohne Hinsehen finden und bedienen können. Aufwendige Bedienschritte wie Texteingabe oder langes Scrollen sollten während der Fahrt gesperrt oder stark eingeschränkt sein.
Was jenseits der Fahrzeugausstattung zählt, ist das verantwortungsvolle Verhalten der Person am Steuer. Wir zeigen in vier typischen Beispielen, was das konkret für den Umgang mit Displays & Co. bedeutet.
»Mir ist kalt«: die Klimaautomatik verstellen
Die Situation: Draußen wird es kälter, die Scheibe beschlägt, oder der Innenraum soll um zwei Grad wärmer werden. In älteren Autos genügte ein kurzer Griff zum Dreh- oder Schieberegler – ohne den Blick von der Straße nehmen zu müssen. In vielen modernen Wagen führt der Weg zur Wunschtemperatur über Untermenüs auf dem Touchscreen.
Das Risiko: Anders als ein herkömmlicher Drehknopf bietet ein Touchscreen keine fühlbare Orientierung. Deshalb müssen Fahrerinnen und Fahrer häufiger auf den Bildschirm schauen. Ein Rechenbeispiel macht die Gefahr deutlich: Bei 50 Stundenkilometern legt ein Auto knapp 14 Meter pro Sekunde zurück. Wer drei Sekunden aufs Display schaut, fährt mehr als 40 Meter im Blindflug. Genug, um ein bremsendes Auto, eine einbiegende Radfahrerin oder ein Kind zu übersehen.
Sicherer Umgang: Legen Sie kompliziertere Display-Einstellungen möglichst schon vor dem Start fest. Muss während der Fahrt nachjustiert werden, kann eine einfach zu bedienende Sprachsteuerung eine Alternative sein. Aber auch hier gilt: Die Aufmerksamkeit gehört dem Verkehr. Im Zweifel lieber kurz anhalten, anstatt sich von der Bedienung des Touchscreens ablenken zu lassen.
»Wo geht’s lang?«: das Navi-Ziel eingeben
Die Situation: Sie sind schon losgefahren und merken nach wenigen Metern: Das Ziel steht noch nicht im Navi. Schnell tippen Sie die Adresse über die Bildschirmtastatur ein.
Das Risiko: In der Simulatorstudie mit der Technischen Universität München verglich das AZT, wie fordernd einzelne Touch-Aktionen sind. Am meisten Blickzeit kostet das Tippen von Text, am längsten dauert Drag-and-drop. Ein einfaches Wischen oder Zoomen ist deutlich weniger aufwendig. Kritisch wird es bei Blicken von mehr als etwa zwei Sekunden am Stück: Dann steigt laut Studienlage die Gefahr für Beinahe-Unfälle und Kollisionen erheblich. Wie stark Ablenkung das Unfallrisiko erhöht, untersuchte das AZT gemeinsam mit cogniBIT mithilfe eines computergestützten Modells, das menschliches Wahrnehmungs- und Reaktionsverhalten nachbildet. Dafür wurden verschiedene Gefahrensituationen jeweils tausendmal simuliert – mit einem aufmerksamen und einem abgelenkten virtuellen Fahrer. Bei einer abrupten Bremsung des vorausfahrenden Fahrzeugs auf der Autobahn kam es im aufmerksamen Zustand in 18,2 Prozent der Simulationen zu einer Kollision. Unter Ablenkung waren es 54,3 Prozent.
Sicherer Umgang: Gewöhnen Sie sich einen »Pre-Flight-Check« an: Ziel noch im parkenden Auto eingeben, dann erst losfahren. Ist jemand mit an Bord, übernimmt die Person auf dem Beifahrersitz das Navi.
»Was anderes hören«: durch Playlists scrollen
Die Situation: Der Sender spielt nicht mehr, was Sie hören wollen, oder die Podcast-Folge ist zu Ende. Auf dem Touch-Display geht es nun durch lange Favoritenlisten, Musikbibliotheken oder Senderverzeichnisse.
Das Risiko: Ein Vergleich ausgewählter Fahrzeuge zeigt, wie aufwendig selbst einfache Bedienvorgänge geworden sein können. In einem typischen Mittelklasse-Familienauto aus der Mitte der 2000er-Jahre brauchte der Senderwechsel zwei Schritte und zwei bis drei Sekunden Blick. In einem vergleichbaren Modell von heute können es vier Schritte und fünf bis zehn Sekunden sein.
Wie gefährlich eine solche Ablenkung werden kann, demonstriert ein Modellversuch auf der Landstraße. Das AZT arbeitete mit dem Unternehmen cogniBIT zusammen, dessen Fahrermodell unter Einbeziehung realer Blickdaten aus dem Fahrversuch entwickelt wurde. Abgelenkte Modellfahrer gerieten in 5,4 Prozent der Durchläufe über die Mittellinie in den Gegenverkehr. Aufmerksame Fahrer taten das nie, ebenso wenig solche mit 0,8 Promille Alkohol. In allen vier Situationen schnitt der abgelenkte Fahrer am schlechtesten ab, in zwei Szenarien stieg der Anteil der Kollisionen auf fast das Dreifache
Sicherer Umgang: Speichern Sie Ihre Lieblingssender und Playlists vor der Fahrt als Favoriten. Unterwegs steuern Sie Musik am besten über die Tasten am Lenkrad statt über den Bildschirm.
»Nur kurz was checken«: der Griff zum Smartphone
Die Situation: Das Auto ist bestens mit dem Smartphone vernetzt, trotzdem liegt das Telefon griffbereit in der Mittelkonsole. Ein Signalton kündigt eine Nachricht an, und die Versuchung ist groß, kurz nachzuschauen.
Das Risiko: Im Auto eingebaute Displays und mobile Smartphones ersetzen einander in der Praxis nicht, ihr Ablenkungsrisiko summiert sich. In der AZT-Umfrage geben 42 Prozent der befragten Fahrerinnen und Fahrern aus Deutschland zu, zumindest »selten« am Steuer auf dem Handy zu tippen. 27 Prozent berichten von einer kritischen Situation durch das Handy in der Hand innerhalb der letzten drei Jahre. Bei denen, die es am häufigsten nutzen, sind es sogar 66 Prozent.
Sicherer Umgang: Verbannen Sie das Smartphone aus Sicht- und Griffweite. Verstauen Sie es in der Tasche oder im Handschuhfach und aktivieren Sie den »Nicht stören«-Modus, damit Signale gar nicht erst ablenken. Auch an roten Ampeln und im Stop-and-go-Verkehr sollte die volle Aufmerksamkeit dem Verkehr gelten. Gerade hier wird das Risiko häufig unterschätzt.
Hätten Sie’s gewusst? Testen Sie Ihr Wissen
Text Katja Hertin
Bild Allianz/AI-generated







