17.09.2026

E-Auto-Mythen im Faktencheck: Was stimmt wirklich?

Mit der steigenden Zahl von Elektroautos rücken Sicherheits- und Kostenfragen in den Fokus. Carsten Reinkemeyer, Leiter Fahrzeugtechnik beim Allianz Zentrum für Technik (AZT), liefert die Fakten anhand ausgewerteter Schadenfälle.

Zur Person

Carsten Reinkemeyer ist Leiter der Fahrzeugtechnik beim Allianz Zentrum für Technik (AZT) in Ismaning. Er beschäftigt sich unter anderem mit Sicherheits- und Schadenfragen rund um moderne Fahrzeugtechnologien und ist Co-Autor mehrerer AZT-Untersuchungen zu Elektrofahrzeugen, darunter Studien zum Brandrisiko von E-Autos sowie zu Kollisionsschäden an Hochvoltfahrzeugen.

Mythos 1: Elektroautos sind brandgefährdeter als normale Autos

Herr Reinkemeyer, viele Menschen haben Angst vor Batteriebränden. Brennen E-Autos häufiger als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor?Nein, das lässt sich so nicht sagen. Nach unseren Erkenntnissen gibt es keine Hinweise darauf, dass Elektroautos häufiger brennen als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Im Gegenteil: Die Wahrscheinlichkeit eines Fahrzeugbrands ist bei E-Autos statistisch bislang sogar geringer als bei konventionell angetriebenen Fahrzeugen. Dazu tragen unter anderem moderne Schutz- und Überwachungssysteme bei. Außerdem sind typische Brandrisiken von Verbrennern, wie auslaufender Kraftstoff oder Öl, bei Elektroautos gar nicht erst vorhanden.

Warum halten sich die Sorgen trotzdem so hartnäckig? Viele Menschen nehmen das anders wahr, weil Brände von Elektroautos oft große mediale Aufmerksamkeit erzeugen und sich entsprechende Bilder schnell in sozialen Netzwerken verbreiten. Schaut man sich die untersuchten Fälle genauer an, zeigt sich außerdem, dass die Hälfte der Brände durch äußere Einflüsse ausgelöst wurden. So wurden 40 Prozent durch externe Brandquellen verursacht, und weitere zehn Prozent gingen auf Brandstiftung zurück. Lediglich ein Viertel der untersuchten Fahrzeugbrände war auf einen technischen Defekt im Fahrzeug zurückzuführen. Die häufig befürchtete Selbstentzündung einer Batteriezelle haben wir in keinem dieser Fälle gefunden.

Mythos 2: Nach einem kleinen Parkrempler ist der Akku beschädigt

Stimmt es, dass schon ein leichter Stoß den Akku beschädigen kann?Das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Tatsächlich sind die Batterien moderner Elektroautos sehr gut geschützt. Das bedeutet: Bei einem typischen Parkrempler oder einer leichten Kollision an der Seite, vorne oder hinten wird die Batterie in den allermeisten Fällen gar nicht erreicht. Dafür braucht es einen deutlich schwereren Unfall.

Gibt es Situationen, in denen die Batterie dennoch gefährdet ist? Ja. Kritischer sind Schäden an der Fahrzeugunterseite. Das kann passieren, wenn ein Auto aufsetzt oder über einen Gegenstand auf der Straße fährt. Das kommt zwar selten vor, ein solcher Schaden sollte aber von einer Fachwerkstatt geprüft werden.

Wie häufig wird die Batterie bei einem Unfall tatsächlich beschädigt?Die gute Nachricht ist: eher selten. Auswertungen von Schadendaten zeigen, dass die Hochvoltbatterie nur bei rund zwei Prozent aller Kollisionsschäden beschädigt wird. Kommt es doch dazu, passiert das meist durch einen Aufprall an der Unterseite des Fahrzeugs, etwa beim Abkommen von der Fahrbahn oder Überfahren von Hindernissen.

Warum hört man dann so oft von teuren Akkuschäden? Weil diese zwar selten sind, aber ins Gewicht fallen können. Je nach Schaden variieren die Reparaturkosten stark: Reicht die Reparatur einer Schutzplatte am Unterboden aus, beginnen sie bei rund 1000 Euro. Muss die Hochvoltbatterie vollständig ersetzt werden, können Kosten von bis zu 43.000 Euro entstehen.

Sind E-Autos nach einem Unfall also generell teurer zu reparieren als Verbrenner? Ja und nein. Untersuchungen zeigen, dass die Reparaturkosten von Elektroautos bei Kollisionsschäden etwa 18 Prozent höher liegen als bei vergleichbaren Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Das liegt jedoch nicht zwangsläufig an der Batterie oder dem elektrischen Antrieb. Viele Elektroautos sind noch relativ neu auf dem Markt und werden häufiger in Markenwerkstätten repariert. Unsere Schadenauswertungen zeigen, dass die Stundensätze dort knapp 50 Prozent höher sind als in freien Werkstätten.

Mythos 3: Wenn die Batterie nass wird, ist das Auto ein Totalschaden

Stimmt es, dass ein E-Auto nach einer Überflutung automatisch ein Totalschaden ist?
Nein, so pauschal lässt sich das nicht sagen. Viele Menschen gehen davon aus, dass Wasser und Hochvoltbatterien grundsätzlich keine gute Kombination sind. Die Akkus moderner Elektroautos sind aber so konstruiert, dass sie auch größeren Wassermengen standhalten können. 

Wie bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor gilt auch beim E-Auto: Dringt Wasser in den Innenraum ein, kann das Fahrzeug zum Totalschaden werden. Ursache sind meist irreparable Schäden an Kabeln und Elektronik. Die Hochvoltbatterie hingegen ist besonders gut abgedichtet und kann eine Überflutung sogar unbeschadet überstehen.

Wovon hängt es denn ab, ob eine nasse Batterie Schaden nimmt?
Entscheidend sind die konkreten Umstände. Eine Rolle spielen zum Beispiel der Wasserstand, die Dauer der Überflutung und die Art des Wassers. Süßwasser und Salzwasser wirken sich unterschiedlich auf die Fahrzeugtechnik aus. Kritisch kann es insbesondere dann werden, wenn tatsächlich viel Wasser in die Batterie eindringt oder wenn zusätzlich Schäden an der Batterie selbst entstanden sind, weil das Auto von Wassermassen mitgerissen und gegen Hindernisse gepresst wurde.

Doch selbst wenn Wasser in die Batterie gelangt, bedeutet das nicht automatisch eine akute Gefahr. Kritisch wird es meist erst dann, wenn durch Feuchtigkeit und Korrosion über einen längeren Zeitraum Schäden in der Batterie entstehen. Diese können im schlimmsten Fall zu Kurzschlüssen führen und dadurch einen Brand auslösen.

Kann man nach einer Überflutung sofort erkennen, ob die Batterie betroffen ist?
Nicht unbedingt. Ob die Batterie beschädigt wurde, lässt sich oft nicht auf den ersten Blick erkennen. Deshalb sollte ein betroffenes Fahrzeug immer von Fachleuten geprüft werden. Das gilt übrigens nicht nur für E-Autos: Auch bei anderen Fahrzeugen lassen sich mögliche Folgeschäden nach einer Überflutung häufig erst bei einer genauen Untersuchung feststellen.

Mythos 4: Ein brennendes E-Auto kann man nicht löschen

Viele Menschen glauben, dass ein brennendes E-Auto praktisch nicht gelöscht werden kann. Stimmt das?
Hier lohnt sich ein genauer Blick: Ein brennendes Elektroauto kann grundsätzlich gelöscht werden. Dabei ist Wasser das bevorzugte Löschmittel, weil es nicht nur den Fahrzeugbrand bekämpft, sondern gleichzeitig die Batterie kühlt.

Unsere Schadenerfahrungen zeigen, dass die Batterie bei Fahrzeugbränden oft gar nicht betroffen ist. Sie befindet sich geschützt im Fahrzeugboden, während sich Brände meist nach oben ausbreiten. Erst wenn die Batteriezellen selbst betroffen sind, wird die Brandbekämpfung aufwendiger. Dann ist es entscheidend, die Batterie mit ausreichend Wasser zu kühlen.

Was macht die Feuerwehr in einem solchen Fall?
Zunächst wird das Fahrzeug mit Wasser gelöscht und gekühlt. Je nach Situation werden zusätzliche Maßnahmen ergriffen, um die Batterie besser zu erreichen und die Temperatur der Zellen zu senken. Ziel ist es, eine Ausbreitung auf weitere Batteriezellen zu verhindern. Die Feuerwehr kann das Fahrzeug beispielsweise in einen Wassercontainer setzen oder die Batterie unter kontrollierten Bedingungen ausbrennen lassen, während das Fahrzeug gekühlt wird.

Ist die Gefahr nach dem Löschen dann gebannt?
Nicht immer sofort. Eine beschädigte Batterie kann noch Restwärme speichern. Deshalb beobachten Einsatzkräfte und Fachbetriebe das Fahrzeug nach einem Brand häufig weiter und kontrollieren die Temperatur. Dafür schreiben die Autohersteller jeweils Beobachtungsphasen von 24 Stunden bis zu fünf Tagen vor.

Mythos 5: Wer ein beschädigtes E-Auto berührt, riskiert einen Stromschlag

Viele Menschen haben die Sorge, nach einem Unfall einen Stromschlag zu bekommen. Was steckt dahinter?
Die Karosserie eines beschädigten Elektroautos kann in der Regel gefahrlos berührt werden. Moderne E-Fahrzeuge verfügen über mehrere Schutzmechanismen, die verhindern sollen, dass gefährliche Spannung an die Fahrzeughülle gelangt. Zudem ist das Hochvoltsystem elektrisch von der Karosserie getrennt.

Weshalb muss man keine Angst vor einem Stromschlag haben?
Zum einen sind die Hochvoltkomponenten so konstruiert, dass sie nicht einfach berührt werden können. Zum anderen schalten alle Hochvoltfahrzeuge das Hochvoltsystem bei schweren Unfällen automatisch ab, beispielsweise wenn die Airbags ausgelöst werden. 

Außerdem funktioniert das Hochvoltsystem eines E-Autos anders als das Stromnetz zu Hause. Deshalb reicht es nicht aus, einfach die Karosserie oder ein einzelnes Kabel zu berühren, um einen Stromschlag zu bekommen. Damit überhaupt eine Gefahr besteht, müssten gleichzeitig beide stromführenden Leiter berührt werden.

Gibt es Situationen, in denen Vorsicht geboten ist?
Ja. Wenn nach einem schweren Unfall Hochvoltleitungen oder andere elektrische Komponenten sichtbar beschädigt sind, sollten diese Bereiche nicht berührt werden. Das gilt insbesondere für offenliegende Kabel, Steckverbindungen oder Bauteile des Hochvoltsystems. Besonders im Fall eines aufgerissenen Batteriegehäuses muss Sicherheitsabstand von der Öffnung gehalten werden. Deshalb sollten solche Fahrzeuge immer von geschulten Fachkräften beurteilt werden.

Was ist Ihr persönliches Fazit, das Sie den Lesenden mitgeben möchten?
Viele Vorurteile über E-Autos entstehen aus Einzelfällen. Ein Kollege hat mal gesagt: »Wenn ein Elektroauto brennt, brennt das ganze Internet.« Ich würde mir wünschen, dass der Blick mehr auf die Fakten gerichtet wird. Und dazu ein Punkt zum Nachdenken: Viele von uns tragen seit Jahren diese im Auto gefürchtete Batterietechnik gedankenlos in der Hosentasche spazieren, nämlich in ihrem Handy.

Text Darien Uch
Fotos InANutshell/Gemini; AZT

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