11.09.2026

Das Volksfest, das nie ganz endet

Das Oktoberfest steht für volle Festzelte, Fahrgeschäfte und ausgelassene Stimmung. Doch wie lässt sich ein Volksfest dieser Größenordnung absichern? Zwei Versicherungsexperten gewähren einen Blick hinter die Kulissen.

Zur Person

Jan Prechtl verantwortet als Regional Head of Underwriting Entertainment  bei Allianz Commercial das Entertainment-Geschäft in Europa. Zu seinem Aufgabenbereich gehören unter anderem Versicherungen für Film- und Serienproduktionen sowie Ausfalllösungen für Konzerte, Sportveranstaltungen und andere Großevents. Zudem ist er das delegierte Geschäft zuständig, bei dem ausgewählte externe Partner Policen im Auftrag der Allianz vertreiben und zeichnen.

Zur Person

Bastian Widdermann ist Geschäftsführer von SRC und verantwortet dort das Underwriting im Entertainment-Bereich. Zu seinen Schwerpunkten gehören Filmversicherungen sowie Ausfalllösungen für Konzerte, Sportveranstaltungen und andere Großevents. SRC arbeitet hier eng mit Allianz Commercial zusammen und übernimmt für ausgewählte Risiken in Deutschland, Österreich und der Schweiz das Underwriting im Auftrag der Allianz. Zuvor war Widdermann acht Jahre als Senior und Lead Underwriter bei Allianz Global Corporate & Specialty, heute Allianz Commercial, tätig.

Gut versichert auf der Wiesn: Diese Policen schützen die Gäste des Oktoberfests

Haftpflichtversicherung

Die Maß von einem Gast schwappt versehentlich über die Lederhosen der Feiernden am Nachbartisch oder beim Gedränge stößt ein Oktoberfestbesucher unbeabsichtigt das Smartphone der Sitznachbarin
zu Boden und geht kaputt: Auf der Wiesn passieren Missgeschicke schnell. Wenn die Gäste dabei unbeabsichtigt einen Schaden verursachen und dafür haftbar gemacht werden, können sie auf ihre Privat-Haftpflichtversicherung zählen.

Unfallversicherung

Volle Festzelte, Gedränge und lange Wege über das Festgelände: Wo viele Menschen zusammenkommen, steigt auch das Unfallrisiko. Ein Rempler in der Menge, ein Ausrutscher auf einer Bierbank oder ein umgeknickter Knöchel auf dem Weg zwischen den Zelten sind schnell passiert. Eine Unfallversicherung kann finanzielle Unterstützung leisten, wenn nach einem Unfall dauerhafte gesundheitliche Beeinträchtigungen zurückbleiben.

Rechtsschutzversicherung

Nach einem Gerangel im Festzelt steht schnell Aussage gegen Aussage. Der benachbarte Tisch feiert zu ausgelassen, fällt beim Schunkeln auf der Bierbank um und beschädigt das neu gekaufte Dirndl. Die Reinigungskosten und die Schneiderei zur Reparatur des entstandenen Risses möchte die Gegenseite nicht bezahlen und weigert sich, den Schaden zu ersetzen. Kommt es zum Streit über die Durchsetzung eigener Schadenersatzansprüche kann eine Rechtsschutzversicherung dabei helfen, die eigenen Rechte einzuklagen und die Kosten eines Rechtsstreits zu begrenzen.

Die motivierten Bedienungen stehen bereit, die ersten Brathähnchen sind vorbereitet, die Massen an Getränken gekühlt. Draußen drängen sich Tausende Menschen vor den Eingängen des Oktoberfests. Doch statt Blasmusik und Schunkeln auf den Tischen herrscht Stillstand. Wegen einer Sprengstoffdrohung mit Bezug zum Oktoberfest bleibt die Münchner Theresienwiese am 1. Oktober 2025 zunächst geschlossen. Erst Stunden später wird Entwarnung gegeben und die Wiesn geöffnet. Für die Besucherinnen und Besucher bedeutet das lange Wartezeiten. Für die Betriebe hinter den Festzelttüren läuft die Uhr: Personal, Ware und Infrastruktur sind bereits bezahlt, Einnahmen fließen keine. 

Wie lässt sich ein Ereignis absichern, bei dem schon wenige Stunden Verzögerung Millionen kosten können? Mit dieser Frage beschäftigen sich Jan Prechtl und Bastian Widdermann beinahe das ganze Jahr. Die beiden betrachten das größte Volksfest der Welt aus unterschiedlichen Perspektiven: Prechtl verantwortet als Regional Head of Underwriting Entertainment Allianz Commercial in Europa die Absicherung großer Veranstaltungsrisiken und hat dabei stets das Gesamtrisiko im Blick. Widdermann arbeitet in der Geschäftsführung bei SRC Special Risk Consortium und befasst sich dort mit den einzelnen Betrieben, ihren wirtschaftlichen Interessen und den konkreten Ausfallrisiken. Beide Experten wissen: Kaum ein Event ist so komplex wie das Oktoberfest.

Ein Volksfest, viele Versicherungsnehmer

Mehr als sechs Millionen Menschen besuchen jedes Jahr das Oktoberfest. Was viele nicht wissen: Aus Sicht der Versicherer handelt es sich nicht um eine einzige Veranstaltung. »Das Oktoberfest besteht aus vielen einzelnen Betrieben, die zusammen ein großes Ganzes ergeben«, erklärt Prechtl.

Während bei einer Fußball-Weltmeisterschaft oder bei einer Konzerttournee ein zentraler Veranstalter als Versicherungsnehmer auftritt, setzt sich die Wiesn aus zahlreichen Einzelbetrieben zusammen. Jedes Festzelt, jedes Fahrgeschäft und jeder Verkaufsstand trägt sein eigenes wirtschaftliches Risiko. Zu den Versicherungsnehmern zählen deshalb nicht nur Betreiber von Festzelten, sondern auch Schaustellbetriebe, die Gastronomie und Dienstleister. »Wir betrachten jeden Akteur als einen eigenen Interessenvertreter«, sagt Widdermann. Erst die Summe dieser vielen Einzelrisiken macht das Oktoberfest für Versicherer zu einem Mega-Event.

Wenn wenige Stunden Millionen kosten

Versichert wird dabei nicht das Oktoberfest als Ganzes, sondern das wirtschaftliche Interesse der einzelnen Betriebe. Dazu zählen laufende Kosten, Einkäufe, Personalaufwand und der erwartete Gewinn. Wie teuer bereits eine kurze Unterbrechung werden kann, zeigt die verspätete Öffnung der Wiesn am 1. Oktober 2025. Mehrere Stunden durften keine Gäste auf das Gelände, obwohl Personal, Festzelte und Fahrgeschäfte bereitstanden. »Wenn man die Ausfälle über mehrere Zelte betrachtet, sprechen wir nicht mehr über sechsstellige Beträge, sondern eher über siebenstellige«, sagt Widdermann.

Dabei profitieren längst nicht nur die Festzelte und Fahrgeschäfte vom Oktoberfest. Von Hotels, Restaurants und Taxiunternehmen bis hin zu Brezelverkäuferinnen und -verkäufern sowie den Händlerinnen und Händlern mit ihren wackelnden Hendlhüten: Die Wiesn ist für viele Unternehmen ein wichtiges Geschäft. Fällt das Volksfest aus, geraten auch ihre Einnahmen ins Wanken.

Genau gegen solche finanziellen Folgen können sich Unternehmen absichern. Veranstaltungsausfallversicherungen ersetzen je nach vereinbartem Versicherungsschutz entgangene Einnahmen und laufende Kosten, wenn eine Veranstaltung abgesagt, unterbrochen oder anders als geplant durchgeführt werden muss.

Wetter, Terror und andere Risiken

Während der Wiesn verfolgen die Versicherungsexperten täglich die Situation in München. »Wir schauen jeden Tag auf die Wetterkarte, auf die lokalen Ereignisse und auf die weltpolitische Lage, um mögliche Risiken frühzeitig einschätzen zu können«, sagt Widdermann.

Zu den größten Risiken gehören Unwetter, Terrordrohungen, Streiks oder behördliche Anordnungen. Besonders Gewitter, Starkregen und Stürme können den Betrieb stören oder sogar Unterbrechungen notwendig machen. 

Solche Risiken lassen sich von Veranstaltern und Betrieben gezielt in den Versicherungsschutz einschließen. Je nach Vertrag können etwa Terrordrohungen, behördliche Anordnungen oder wetterbedingte Unterbrechungen zu den versicherten Auslösern zählen.

Auch kleine Pannen können große Folgen haben

Nicht immer ist die gesamte Wiesn von einer Betriebsunterbrechung betroffen. Oft beginnt ein Ausfall im Kleinen. Ein Stromausfall legt Zapfanlagen und Küche lahm. Ein technischer Defekt führt zur vorübergehenden Schließung eines Festzelts. Selbst Personalmangel kann zum Problem werden. »Wenn wichtige Bedienungen, Security-Mitarbeitende oder anderes Schlüsselpersonal plötzlich ausfallen, kann das den Betrieb erheblich beeinträchtigen«, erklärt Widdermann. 

»Versicherung bedeutet oft auch, auf Situationen vorbereitet zu sein, an die vorher niemand gedacht hat«, ergänzt er. Denn bei Großveranstaltungen entstehen Schäden häufig nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch eine Verkettung unglücklicher Umstände. Aufgabe der Versicherer ist es, die daraus resultierenden wirtschaftlichen Risiken für die Beteiligten kalkulierbar zu machen.

Dass Ausfälle auf der Wiesn keine Ausnahme sind, zeigt ihre Historie. In seiner mehr als 200-jährigen Geschichte wurde das Oktoberfest bereits 26-mal abgesagt. Gründe waren unter anderem Kriege, wirtschaftliche Krisen und zuletzt die Corona-Pandemie. Die Folgen trafen nicht nur Wiesn- und Schaustellbetriebe, sondern auch viele andere Gewerbetreibende in der Region. 

»Eigentlich ist die Wiesn ein Ganzjahresrisiko«

Jan Prechtl, Regional Head of Entertainment bei Allianz Commercial

Das Volksfest, das nie ganz endet 

Die Arbeit der beiden Experten beginnt Monate vor dem Fassanstich und endet nicht mit dem letzten Wiesn-Tag. Nach dem Abbau werden die Festzelte transportiert, eingelagert und Monate später wieder aufgebaut. Selbst in diesem Zeitraum müssen Risiken kalkuliert werden. Brennt etwa ein Lager ab, in dem ein Festzelt untergebracht ist, kann das Folgen für die nächste Wiesn haben. »Eigentlich ist die Wiesn ein Ganzjahresrisiko«, sagt Prechtl.

Wenn die letzte Maß ausgeschenkt ist, die Musik verstummt und die Festzelte abgebaut werden, endet für die Besucherinnen und Besucher die Wiesn. Für die Betriebe und ihre Versicherer beginnt dann bereits die Vorbereitung auf das nächste Jahr. Denn hinter Blasmusik, Fahrgeschäften und ausgelassener Stimmung steckt ein gewaltiger organisatorischer und wirtschaftlicher Aufwand. Damit auf der Theresienwiese auch im kommenden Jahr wieder Millionen Menschen feiern können, laufen die Planungen oft schon lange im Voraus an. Oder wie man in München sagt: Nach der Wiesn ist vor der Wiesn.

Text Darien Uch
Fotos
iStock/Nikada; privat

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