03.09.2026

»Kinder sind keine kleinen Erwachsenen«

Kinder kennen die Verkehrsregeln. Trotzdem passieren immer wieder Unfälle auf dem Schulweg. Verkehrspsychologe Michael Praxenthaler vom Allianz Zentrum für Technik erklärt, warum Kinder Gefahren anders wahrnehmen und wie Erwachsene zu mehr Sicherheit beitragen können.

Zur Person

Dr. Michael Praxenthaler ist Verkehrspsychologe beim Allianz Zentrum für Technik (AZT). Seit über 25 Jahren beschäftigt er sich wissenschaftlich und in der angewandten Forschung mit Verkehrssicherheit, Mobilitätsverhalten und der Mensch-Fahrzeug-Interaktion. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Frage, wie Menschen Risiken im Straßenverkehr wahrnehmen und welche Maßnahmen zu mehr Sicherheit beitragen können.

Es ist kurz vor acht Uhr an einem Montag. Vor einer Schule hält ein Bus, Schülerinnen und Schüler mit Rucksäcken auf den Schultern strömen zum Schultor. Auf der Straße davor herrscht dichtes Gedränge: Autos halten am Fahrbahnrand, manche in zweiter Reihe. Warnblinker leuchten auf, Türen schlagen zu, die nächsten Fahrzeuge rücken bereits nach. Zwischen den haltenden und parkenden Autos versuchen Kinder, die Straße zu überqueren – mit Kopfhörern und Smartphone in der Hand, im Gespräch mit Freundinnen und Freunden. Gleichzeitig läuft der normale Berufsverkehr: Ein Lieferwagen biegt um die Ecke, ein E-Scooter zischt vorbei. Wenige Minuten später wird die Schulglocke läuten.

Szenen wie diese spielen sich an jedem Schulmorgen tausendfach ab. Meist geht alles gut. Aber nicht immer: 2025 verunglückten in Deutschland laut Statistischem Bundesamt rund 29.200 Kinder unter 15 Jahren bei Verkehrsunfällen. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von sieben Prozent. Die Unfallzahlen zeigen dabei einen klaren Schwerpunkt: Kinder zwischen sechs und 14 Jahren verunglücken werktags am häufigsten zwischen sieben und acht Uhr, also genau dann, wenn viele von ihnen auf dem Weg zur Schule sind. Rund 13 Prozent aller Unfälle dieser Altersgruppe ereignen sich in diesem Zeitfenster.

Mit der Frage, warum es Kindern so schwerfällt, Verkehrssituationen richtig einzuschätzen, beschäftigt sich Michael Praxenthaler, Verkehrspsychologe im Allianz Zentrum für Technik (AZT). Seine wichtigste Botschaft fasst er so zusammen: »Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie lernen noch, probieren aus, lassen sich ablenken und machen Fehler. Genau deshalb sind wir als Erwachsene gefragt.«

Warum Kinder die Welt anders wahrnehmen

Dass Kinder im Straßenverkehr besonderen Herausforderungen begegnen, hat mehrere Gründe. Zum einen sind sie körperlich kleiner und werden deshalb leichter übersehen. Zum anderen fehlt ihnen die Erfahrung, die Erwachsene über viele Jahre sammeln. Geschwindigkeiten, Abstände oder komplexe Verkehrssituationen richtig einzuschätzen, ist etwas, das erst mit der Zeit entsteht. »Im Laufe des Grundschulalters entwickelt sich das Gefahrenbewusstsein zunehmend. Aber auch ältere Kinder können komplexe Verkehrssituationen noch nicht so zuverlässig einschätzen wie Erwachsene.«

Mehrere Fahrspuren, unterschiedliche Geschwindigkeiten und viele Verkehrsteilnehmende gleichzeitig können selbst Erwachsene überfordern, von Kindern ganz abgesehen. Hinzu kommt: Kinder lassen sich leichter ablenken. Und genau hier zeigt sich laut Praxenthaler oft ein großer Unterschied zwischen Wissen und Verhalten. »Kinder können Verkehrsregeln kennen und sie einem auch erklären. Aber im nächsten Moment ist da ein Freund auf der anderen Straßenseite oder etwas Spannendes passiert und die Regel ist plötzlich vergessen.«

Was Kindern wirklich hilft

Wenn Praxenthaler über Verkehrserziehung spricht, kommt er immer wieder auf dieselben Faktoren zurück: »Kinder brauchen Übung, Erfahrung und gute Vorbilder.« Kinder lernen nicht nur durch Regeln. Sie lernen vor allem durch Beobachtung. Wer bei Rot über die Straße geht, ohne Helm Fahrrad fährt oder während der Fahrt aufs Handy schaut, sendet Signale, ob gewollt oder nicht. Kinder registrieren dieses Verhalten sehr genau.

Deshalb empfiehlt der Verkehrspsychologe, den Schulweg gemeinsam zu üben und Kinder aktiv einzubeziehen. Hilfreich kann es sein, wenn nicht die Erwachsenen erklären, worauf zu achten ist, sondern die Kinder selbst beschreiben, wo sie Gefahren sehen und wie sie reagieren würden. So setzen sie sich bewusst mit ihrem Umfeld auseinander und lernen, Risiken besser einzuschätzen.

Tobi Krell als Botschafter auf Augenhöhe

Wie man Kinder für Verkehrssicherheit begeistert, zeigt auch die Zusammenarbeit der Allianz mit Tobi Krell, vielen Kindern und Eltern als »Checker Tobi« aus dem Fernsehen bekannt (mehr Informationen dazu unter Sicher mit Tobi | Allianz). Unter dem Titel »Sicher mit Tobi« erklärt er in kurzen Videos, worauf es im Straßenverkehr ankommt. In aktuellen Folgen geht es um Fahrradhelme und den toten Winkel – Themen also, die für Kinder im Alltag relevant sind. Für Praxenthaler liegt die Stärke des Formats darin, dass es nicht belehrt, sondern erklärt. »Kinder wollen verstehen, warum etwas gefährlich ist«, sagt er. Geschichten, Bilder und kleine Experimente könnten dabei oft mehr bewirken als reine Regeln. Genau deshalb sei Tobi Krell ein so guter Botschafter für das Thema: Er begegne Kindern auf Augenhöhe und mache komplexe Zusammenhänge verständlich.

Ein gutes Beispiel ist der Fahrradhelm. Ein Helm kann zwar keinen Unfall verhindern, das Risiko schwerer Kopfverletzungen aber deutlich reduzieren. Der Melonen-Test im Video macht das sichtbar: Eine Wassermelone fällt ungeschützt zu Boden und zerplatzt, eine zweite, in einen Fahrradhelm geschnallt, übersteht den Sturz aus noch größerer Höhe unbeschadet. Das überzeugt Kinder mehr als jeder erhobene Zeigefinger.

Sicher unterwegs – Tobi Krell zeigt, wie’s geht:
Was Städte und Gemeinden tun können

Verkehrssicherheit beginnt jedoch nicht erst bei der Erziehung. Sie fängt bereits beim Straßenbau an. Für Praxenthaler tragen auch Städte und Gemeinden Verantwortung. Schulwege sollten konsequent aus der Perspektive von Kindern gedacht werden: Wo müssen sie Straßen überqueren? Wo versperren parkende Autos die Sicht? Wo entstehen gerade morgens unübersichtliche Situationen? Aus diesen Fragen lassen sich konkrete Maßnahmen ableiten, etwa sichere Querungsmöglichkeiten, freie Sicht an Kreuzungen, niedrigere Geschwindigkeiten im Schulumfeld oder eine Verkehrsführung, die Konflikte zwischen Autos, Fahrrädern und Fußgängerinnen und Fußgängern reduziert. Kinder müssen lernen dürfen. Dafür braucht es nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Straßen und Schulwege, die Fehler möglichst verzeihen.

Wenn die Sorge der Eltern neue Risiken schafft

Dass das Thema viele Familien beschäftigt, zeigen auch Umfragen wie die des Deutschen Kinderhilfswerks und von Forsa aus dem Jahr 2025. Rund drei Viertel der Eltern sorgen sich demnach um die Sicherheit ihrer Kinder auf dem Schulweg. Als größte Risiken nennen sie zu hohes Tempo, unübersichtliche Verkehrssituationen und das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmender.

Die Sorgen kommen nicht von ungefähr. Denn der Verkehr wird immer vielfältiger. Autos, Fahrräder, E-Bikes, E-Scooter, Lieferfahrzeuge sowie Fußgängerinnen und Fußgänger teilen sich denselben Raum. Gerade für Kinder wird es dadurch schwieriger, Situationen richtig einzuschätzen.

Aus Sorge um die Sicherheit ihrer Kinder greifen viele Eltern daher auf das Auto zurück. Der Wunsch dahinter ist verständlich. Doch ausgerechnet dort, wo Sicherheit geschaffen werden soll, können neue Risiken entstehen – so wie in der eingangs beschriebenen Szene. »Es wird gehalten, gewendet und wieder angefahren. Dadurch entstehen unübersichtliche Situationen«, sagt Praxenthaler.

Dabei sind nicht nur Eltern gefragt. Auch Autofahrerinnen und Autofahrer können viel zur Sicherheit beitragen. Praxenthaler empfiehlt, die Geschwindigkeit im Umfeld von Schulen anzupassen und stets damit zu rechnen, dass Kinder unerwartet reagieren.

Langfristig sei es deshalb wichtig, dass Kinder lernen, sich selbstständig und sicher im Straßenverkehr zu bewegen. Dafür brauche es auch ein Verkehrsumfeld, das Kindern diese Selbstständigkeit ermöglicht. 

Vor der Schule hat inzwischen die Glocke geläutet. Der Berufsverkehr rollt weiter. Morgen früh, kurz vor acht, beginnt alles von vorn. »Nicht die Kinder haben sich verändert«, sagt Praxenthaler. »Verändert hat sich die Welt, in der sie sich bewegen.«

Text Theresa Graßl
Fotos iStock/LeManna ; privat

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