Wandern boomt: Immer mehr Menschen zieht es in die Berge, oft ohne alpine Erfahrung. Wir haben die Bergwacht Reit im Winkl besucht und hinter die Kulissen des Ehrenamts geschaut: Wo lauern die größten Risiken im Gebirge, und wie lassen sie sich minimieren?
Zur Person

Leonhard Hanrieder, Jahrgang 1999, ist Bereitschaftsleiter der Bergwacht Reit im Winkl im oberbayerischen Chiemgau und damit organisatorischer Chef einer Bereitschaft aus 32 aktiven Mitgliedern. Seit 2015 ist er Teil der örtlichen Bergwacht. Der gelernte Zimmerer wohnt in Reit im Winkl und arbeitet im Hauptberuf als Berufsfeuerwehrmann und Notfallsanitäter im 24-Stunden-Dienst in München-Milbertshofen.
Es ist ein Freitagmorgen Anfang August: In München zeigt die Sonne schon ihr Gesicht, und ein paar vereinzelte Wolken zieren den sommerlich blauen Himmel. Auf der Fahrt in Richtung Süden werden sie immer dichter. Als wir in Reit im Winkl im oberbayerischen Chiemgau ankommen, liegen die umliegenden Berge größtenteils unter einer Wolkendecke, die Stimmung ist mystisch. Für mich haben sie so fast noch mehr Anziehungskraft als bei strahlendem Sonnenschein – am liebsten würde ich sofort loswandern. Doch heute bin ich ausnahmsweise nicht deswegen hier.
Ich bin hier, um mehr über ein Thema zu erfahren, das mich als leidenschaftliche Berggeherin selbst beschäftigt – und das mir zugleich seit wenigen Jahren auch in den sozialen Medien immer häufiger begegnet. Es geht um die Frage: Wie plane ich meine Wanderungen so, dass ich möglichst sicher unterwegs bin? Und was tun, wenn ich oder jemand anders doch mal in Not gerät?
Denn Tatsache ist: Die registrierten Bergnotfälle und Rettungseinsätze nehmen seit Jahren tendenziell zu. Was zunächst alarmierend klingt, erklärt der Blick auf den Kontext: Immer mehr Menschen entdecken die Berge für sich. Wandern, Klettersteigen und Naturerlebnisse liegen im Trend. Das zeigt sich nicht zuletzt auch an den steigenden Mitgliederzahlen der Alpenvereine, die für 2025 erneut Rekordwerte verbuchten. Wenn mehr Menschen am Berg unterwegs sind, steigen auch die Unfallzahlen – und damit die Anforderungen an diejenigen, die im Notfall zur Stelle sind.
In Reit im Winkl im oberbayerischen Chiemgau sind das Leonhard Hanrieder und seine Kolleg:innen. Der 27-Jährige ist Bereitschaftsleiter und damit der organisatorische Chef der dortigen Bergwacht. Trotz der recht frühen Uhrzeit ist er gut gelaunt. Auch er ist heute schon aus München angereist. Dort arbeitet er als Berufsfeuerwehrmann und Notfallsanitäter im 24-Stunden-Dienst. Sein Lebensmittelpunkt ist allerdings nach wie vor sein Heimatdorf – wegen der Berge und wegen der Bergwacht.
Eine Garage für die Einsatzfahrzeuge, im Nebengebäude ein gemütlicher Versammlungsraum, den sie sich mit der lokalen Sektion des Alpenvereins teilen, ein Materiallager: Auf den ersten Blick wirkt die Wache recht unspektakulär. Tatsächlich ist Reit im Winkl, gemessen an der Mitgliederzahl, eine vergleichsweise kleine Bergwacht: Insgesamt 32 »Bergwachtlerinnen« und »Bergwachtler« sind aktuell aktiv, davon sechs Anwärter:innen. Dazu kommen einige ältere Mitglieder, die nicht mehr unmittelbar in das Einsatzgeschehen eingebunden sind.



In der Bildergalerie: Üben für den Ernstfall
Trotzdem war sie 2025 eine der einsatzstärksten Bergwachten in Bayern. Der Grund dafür ist, wie ich im Gespräch mit Hanrieder erfahre, das nahegelegene Skigebiet Winklmoos, das zum Einsatzgebiet seines Teams gehört. Direkt am Parkplatz der Winklmoosalm hat die Bergwacht daher eine zweite Diensthütte für den Winter, zu der sie verletzte Skisportler:innen bringt.
Obwohl die Gegend um Reit im Winkl eine beliebte Urlaubsregion ist, passieren dort im Sommer deutlich weniger Unfälle als bei den hochalpinen Bereitschaften der Region. In Ramsau etwa entfällt ein Drittel aller Einsätze allein auf den Watzmann – den dritthöchsten Berg Deutschlands. Hanrieder und sein Team rücken in den Sommermonaten durchschnittlich einmal pro Woche aus. Im Winter, wenn der Skibetrieb läuft, ist dafür Hochsaison: Dann werden sie oft mehrmals am Tag gerufen – an Spitzentagen sind es auch mal 15 Einsätze. Von Knieverletzungen über ausgekugelte Schultern bis hin zu Oberschenkelverletzungen ist alles dabei. Häufig sind es Kinder, die sich beim Wintersport verletzen, erklärt Hanrieder.
Im Sommer sind die Patienten vor allem Wandernde, Mountainbiker:innen und Menschen, die den nahegelegenen Klettersteig am Hausbachfall begehen. Große Abstürze gibt es um Reit im Winkl eher selten. Doch auch scheinbar einfache Einsätze können zur Herausforderung werden. Muss eine Person in kritischem Zustand vom Berg gebracht werden, kann es bei schlechtem Wetter schon einmal länger dauern, bis eine Notärztin oder ein Notarzt vor Ort eintrifft. Eine notfallmedizinische Grundausbildung ist zwar bei der Bergwacht Pflicht – aber »dass man mit einer relativ geringen medizinischen Ausbildung so lange für einen Patienten verantwortlich ist wie bei uns, gibt es eigentlich sonst nirgends im Ehrenamt.«
»Eines der größten Missverständnisse ist, dass viele denken, wir machen das hauptberuflich«
Leonhard Hanrieder, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Reit im Winkl
In das Ehrenamt ist Hanrieder »reingewachsen«: Auch der Vater ist Teil der Bergwacht und hat ihn bereits als kleines Kind immer wieder mit zum Pistendienst genommen. Für Hanrieder war daher klar, dass er beitritt, so früh es geht – mit 16 Jahren. Seine Motivation? »Wenn mir oder jemandem, der mir nahesteht, etwas passiert, möchte ich auch, dass geholfen wird.«
Wer aufgenommen werden will, muss zunächst zwei Eignungstests bestehen – einen im Winter, einen im Sommer. Geprüft werden sicheres Skifahren und Skitourenerfahrung ebenso wie Klettern im Vorstieg bis zum vierten Schwierigkeitsgrad. Danach folgt die Grundausbildung in fünf Bereichen: Bergrettung, Winterrettung, Notfallmedizin, Luftrettung und Naturschutz, dem historischen Ursprung der Bergwacht. Zwei Jahre dauert diese Ausbildung im schnellsten Fall, maximal fünf Jahre haben Anwärter:innen dafür Zeit. Dazu kommt die Bereitschaft, dauerhaft Zeit zu investieren: in Ausbildungsabende, Geländeübungen, Fortbildungen und natürlich vor allem in den Dienst selbst.
Besonders für zwei der Anwärter, aber auch für die beiden anderen Bergwacht-Mitglieder ist die gespielte Verletztenbergung, die wir nahe der Wache am Wildfluss Lofer begleiten dürfen, eine gute Übung. Wenn man die jungen Männer an diesem Freitagmorgen in ihrem blau-roten Bergwachtoutfit beobachtet, wie sie den Verunfallten in der Gebirgstrage aus dem Flussbett hochziehen, könnte man meinen, das sei ihr Job. Dass die Bergwacht ein Hauptberuf ist, sei ein weit verbreitetes Missverständnis, sagt Hanrieder. Erst die ARD-Dokuserie »In höchster Not – Bergretter im Einsatz« habe das Thema Bergrettung und die Leistung der Ehrenamtlichen ins Rampenlicht gerückt.
Obwohl Hanrieder auch privat viel im alpinen Gelände unterwegs ist, ist ihm noch nie selbst etwas passiert. Dabei müssen jedes Jahr mehrere tausend Menschen vom Berg geholt werden, weil sie sich verletzen, versteigen, in ein Unwetter geraten oder schlicht aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommen: Rund 9.000 Rettungseinsätze verzeichnet die Bergwacht Bayern pro Jahr in den bayerischen Bergen und Mittelgebirgen.
»Selbstüberschätzung ist ein großes Thema«
Dass es immer mehr Menschen in die Berge zieht, und darunter auch immer mehr Unerfahrene, merke man, sagt Hanrieder. Sowohl im Einsatz als auch privat begegnen ihm zunehmend Fälle, bei denen Wandernde sich selbst oder die Gefahren falsch einschätzen. Vor allem Selbstüberschätzung sei ein Thema. Dabei ist es am Berg enorm wichtig, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuordnen und die eigenen Grenzen zu kennen. Und notfalls auch umzukehren, etwa wenn man merkt, dass man eine Route nicht mehr in der geplanten Zeit schafft. Denn häufig entstehen Probleme dann, wenn Wandernde auf Biegen und Brechen eine Tour fortsetzen wollen, selbst wenn die Umstände dagegen sprechen. Voraussetzung für die Zeitplanung ist jedoch, dass man sich vorher mit der Route befasst hat: Routenverlauf, Länge, Höhenmeter, Gehzeit und Schwierigkeitsgrad sind die Eckdaten, die alle Wandernden kennen sollten. Wer auf Nummer sicher gehen will, legt schon zu Hause eine Umkehrzeit fest, plant eine Hütte oder einen Notabstieg als Rückzugsmöglichkeit ein und gibt jemandem im Tal Bescheid, wohin die Tour geht.



Was tun bei Notfällen am Berg?
1. Den europäischen Notruf 112 wählen – er gilt in ganz Europa. In Österreich erreicht man die Bergrettung zusätzlich unter 140.
2. Der Leitstelle bzw. Einsatzleitung am Telefon Informationen durchgeben: Name, genaue Position bzw. (falls bekannt) Koordinaten, Unfall oder Situation beschreiben, Anzahl der verletzten Personen.
3. Eine Stelle suchen, an der man sicher steht.
4. Das Handy auf laut lassen und ggf. warm einpacken, damit der Akku hält, das Handy geortet werden kann und man erreichbar bleibt.
Wer neu anfängt, startet besser mit kleineren Touren und lernt so das eigene Leistungsvermögen kennen: Wie viele Höhenmeter schaffe ich in der Stunde? Im Hochsommer ist es zudem ratsam, früh loszugehen – nicht nur, um der prallen Mittagshitze zu entgehen, die besonders Familien mit Kindern zu schaffen machen kann.
Was sonst noch wichtig ist? Ausreichend Wasser und energiereiche Verpflegung. Und die richtige Ausrüstung. Für Touren auf markierten Wegen sind das feste Bergschuhe, Wetterschutz für Regen und Wind, Sonnenschutz, dazu ein Erste-Hilfe-Set, Stirnlampe, Karte, Biwaksack und ein geladenes Handy. Wer im Frühsommer unterwegs ist, sollte zusätzlich Grödel, also Leichtsteigeisen für die Wanderschuhe, dabeihaben. Für den Klettersteig kommen Klettergurt, Helm und Klettersteigset dazu. Gerade wer diese Ausrüstung zum ersten Mal verwendet, sollte sie sich von erfahrenen Personen kontrollieren lassen. Denn auch der beste Klettergurt fängt einen nicht auf, wenn er falsch angelegt ist. Eine Frau stürzte 2024 aus 15 Metern Höhe am Klettersteig genau aus diesem Grund. »Wir waren uns vom Hubschrauber aus sicher, dass sie nicht mehr lebt«, sagt Hanrieder. Glücklicherweise überlebte sie den Sturz.
»Im Hochgebirge kann es hilfreich sein, sich vor Ort zu erkundigen, ob die geplante Tour so machbar ist«
Der letzte kritische Faktor – und vielleicht der kritischste, weil wir ihn als einzigen nicht kontrollieren können – ist das Wetter. Ein kurzer Blick in die Wetterapp? Reicht nicht. »Sicherer ist es, mehrere Wetterberichte zu vergleichen. Im Hochgebirge kann es außerdem hilfreich sein, vorher vor Ort anzurufen und sich beim Bergführer zu erkundigen, ob die geplante Tour an dem Tag so machbar ist.«
Gut zu wissen: Das deckt die Allianz Private Unfallversicherung ab:
Weltweiter Unfallschutz:
Die private Unfallversicherung der Allianz gilt weltweit und rund um die Uhr – unabhängig davon, ob der Unfall zu Hause, beim Wandern in den Bergen, auf dem Weg zur Arbeit oder auf Reisen im Ausland passiert.
Such‑, Rettungs‑ und Bergungskosten:
Die Kosten bspw. für einen Hubschraubereinsatz bei einer Rettung aus schwierigem Gelände oder aber auch für Transporte zur Klinik sind bis zu 100.000 EUR versichert.
Invaliditätsleistung:
Bei dauerhafter Beeinträchtigung nach einem versicherten Unfall zahlt die Allianz eine einmalige Kapitalleistung. Diese Leistung ist frei verwendbar, z. B. für Umbauten an Wohnung oder Fahrzeug oder als Startkapital für eine neue Existenz.
Zusätzliche Bausteine:
Der Versicherungsumfang kann individuell mit optional wählbaren Bausteinen erweitert werden wie bspw. Hilfe zu Hause über den Rundum-Service, eine lebenslange Unfallrente, Krankenhaustagegeld oder auch die Akutleistung mit einer schnellen Geldleistung von bis zu 3.000 EUR auch bei folgenlos ausheilenden Verletzungen (z. B. Knochenbrüche oder Zerreißungen von Sehnen oder Bändern).
Der Wetterbericht vom Morgen ersetzt allerdings nicht den Blick zum Himmel. Zwischen Mai und August neigen die Alpen zu nachmittäglichen Wärmegewittern, die sich lokal oft kaum vorhersagen lassen. Die Faustregel: Den Gipfel sollte man am frühen Mittag erreicht haben und Grate oder andere ungeschützte Stellen am Nachmittag schon hinter sich haben. Speziell auf die Berge zugeschnittene Prognosen liefert etwa das DAV-Bergwetter, das für 17 Alpenregionen auch eine Gewitterampel ausweist.
Wenn man trotz aller Vorbereitung und Vorsicht doch einmal in Not gerät, ist die Bergwacht zur Stelle – an 365 Tagen im Jahr, 24 Stunden am Tag. Der Notruf 112 landet zunächst bei der Integrierten Leitstelle – im Falle Reit im Winkl ist das die Leitstelle Traunstein. Dort entscheidet der Disponent oder die Disponentin, welche Bereitschaft zuständig ist, und alarmiert bei Bedarf parallel den Rettungshubschrauber. Dann geht bei Hanrieder und seinem Team alles ganz schnell. Die diensthabende Einsatzleitung ruft die Person zurück, die den Notruf abgesetzt hat, und verschafft sich ein Bild: Was ist passiert? Ist jemand verletzt? Wo befinden sich die Betroffenen? Stehen sie sicher oder im absturzgefährdeten Gelände? Im Hintergrund alarmieren bereits die Piepser die Kolleg:innen, die gerade Dienst haben. Die lassen dann alles stehen und liegen und machen sich auf den Weg zur Wache. In Reit im Winkl mit seinen etwa 2.300 Einwohner:innen dauert das meistens nur ein paar Minuten.
Je nach Fall entscheidet dann der Einsatzleiter, wie der Einsatz läuft – ob bodengebunden zu Fuß, mit dem Bergwachtfahrzeug oder aus der Luft. Er legt auch fest, wer zur Einsatzmannschaft gehört, denn jede Person hat eigene Stärken am Berg. »Bei einem gestürzten Radfahrer auf der Forststraße reicht es, wenn wir zu dritt oder viert mit dem Auto ausrücken.« Befindet sich jemand im absturzgefährdeten Gelände und muss zusätzlich medizinisch versorgt werden, braucht es neben einer gesonderten Ausrüstung mit Seilen mehr Einsatzkräfte. »Dann nehmen wir alles, was wir kriegen können.« Erfordert der Zustand des Patienten eine notärztliche Versorgung oder ist die Unfallstelle nur schwer erreichbar, kommt in der Regel die Luftrettung ins Spiel. Ob der Hubschrauber tatsächlich fliegen kann, entscheidet letztlich allerdings das Wetter.
»Die Kameradschaft macht ganz viel«
Was macht es mit einem, immer wieder solche Situationen hautnah mitzuerleben, will ich am Ende noch wissen. »Manche Einsätze vergisst man natürlich nicht so schnell«, sagt Hanrieder. Er selbst ist als Berufsfeuerwehrmann und Notfallsanitäter zwar einiges gewohnt. Doch jeder Mensch verarbeitet das Erlebte unterschiedlich. Was für die Verletzten und ihre Angehörigen nach der Bergung das Kriseninterventionsteam ist, an das sie sich für psychosoziale Betreuung wenden können, sind für die Mitglieder der Bergwacht die Kolleg:innen. »Die Kameradschaft macht ganz viel. Nach jedem Einsatz sitzen wir zusammen und sprechen noch einmal alles durch. Und man weiß auch, dass man sich jederzeit bei den anderen melden kann.« Seine Strategie, wenn ihn doch einmal etwas länger beschäftigt? »Ich gehe in die Berge«, sagt Hanrieder. »Da bekomme ich am besten den Kopf frei.«
Natürlich bleiben manche Einsätze besonders hängen. Zum Glück gehen einem Bergwachtler wie Hanrieder aber auch die schönen Dinge nahe: »Wenn nach dem Einsatz eine Dankeskarte kommt oder ein kleines Geschenk vor der Garagentür liegt, dann weiß man, warum man das alles macht.«
Text Katharina Köck
Fotos Oliver Fiegel
Video Bergwacht Reit im Winkl







