27.07.2026

»Der Körper braucht Bewegung, keine Wunderwerkzeuge«

Faszienrollen sind in fast jedem Haushalt zu finden und gelten als Allheilmittel gegen Verspannungen. Doch was ist dran am Hype? Orthopäde Matthias Manke klärt auf und sagt, was wirklich gegen Rückenschmerzen hilft.

Das Thema Faszien hat in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen. Es gibt Tools wie Rollen oder Bälle, spezielle Massagen oder Trainings. Was genau sind eigentlich Faszien und welche Aufgaben haben sie im Körper?
Faszien sind Bindegewebsstrukturen, die unsere Muskeln, Organe, Nerven und Gelenke umfassen. Man kann sich das wie ein dreidimensionales Netzwerk vorstellen. Es verleiht dem Körper Stabilität und sorgt für eine gewisse Kraftübertragung. Ohne dieses Bindegewebe würden die Organe beispielsweise im Bauchraum einfach herumschwimmen. Die für die Bewegungsmedizin wichtigste Faszie ist die Muskelfaszie, auf die sich die Berichte in den Publikumsmedien meist beziehen. Faszien sind wichtig, aber sie sind nicht das geheimnisvolle Organ, als das sie oft dargestellt werden. 

Wenn ich zum Beispiel eine schmerzhafte Verdickung in der Nackenmuskulatur spüre, liegt das dann nicht an verklebten Faszien?
Nein. Eine Faszie kann man mit den Händen gar nicht ertasten, dazu ist sie zu dünn. Was wir ertasten, ist der Muskel. Der Muskel kann punktuell verkrampfen. Das nennt man Myogelose – also eine kugelförmige Verkrampfung der Muskulatur. Eine Faszie kann medizinisch gesehen gar nicht verkleben. Das ist ein Begriff, der von der Laienpresse geprägt wurde und sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut.

Warum hält sich der Faszienmythos so hartnäckig?
Die Erklärung »Deine Faszien sind verklebt« ist für viele Patientinnen und Patienten einfacher zu akzeptieren als die komplexe Realität: Bewegungsmangel, einseitige Belastung, Stress, Schlafmangel oder ein muskuläres Ungleichgewicht. Ein Großteil der Betroffenen will den Schmerz lieber kurzfristig wegrollen, anstatt sich mit den wahren Ursachen auseinanderzusetzen und diese anzugehen.

Faszienrollen werden dennoch immer wieder von medizinischen Fachleuten als Hilfsmittel empfohlen. Ihrer Ansicht nach gehören sie in die Tonne?
Ich formuliere das so drastisch, um gehört zu werden. Aber zugegebenermaßen können die Rollen kurzfristig helfen. Allerdings nicht der Faszie, sondern dem Muskel. Ich nenne sie deshalb auch lieber »Muskelrollen«. Es gibt Studien, die zeigen, dass das Rollen zu einer temporären Besserung führen kann – für etwa zwei Stunden. Durch den Druck wird das Gewebe massiert, die Durchblutung verbessert und Schmerzstoffe werden abgebaut. Dadurch wird der Muskel weich und das Bewegungsausmaß vergrößert sich vorübergehend. Die Rolle kann also ein sinnvoller Teil des Trainings sein, um Flexibilität zu fördern. Es muss aber klar sein: Man leitet das Workout damit ein oder aus, aber es ersetzt kein Krafttraining.

Sie sagen, die Rolle ersetzt kein Training. Was passiert, wenn man sich trotzdem über Jahre nur ausrollt?
Dann verschiebt man das Problem, statt es zu lösen. Ein Muskel verspannt ja gerade deshalb, weil er zu schwach ist. Wenn ich ihn jahrelang immer nur weichrolle, anstatt ihn zu kräftigen, fehlt dem Körper die Stütze, und irgendwann gibt er nach. Für den Moment fühlt sich die Rolle gut an, aber langfristig schadet sie mehr, als sie hilft. Diese Quittung bekommen viele erst nach Jahren, dann aber heftig.

Zur Person

Matthias Manke

Dr. Matthias Manke ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit eigener Praxis in Bochum-Wattenscheid. Er betreute die Profimannschaft des FC Schalke 04 und ist heute betreuender Arzt am Olympiastützpunkt Westfalen. Als »Revierdoc« ist er gefragter Gast im TV. Der Spiegel-Bestsellerautor hat mehrere Ratgeber veröffentlicht, darunter »Wenn der Orthopäde Rücken hat« und »Schluss mit Nackenschmerzen«. 2026 erschien das Buch »Die Faszienlüge«, das er gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Patrick Julius verfasst hat.

»Der Körper braucht keine Wunderwerkzeuge, sondern regelmäßige, vielfältige Bewegung«

Matthias Manke, Orthopäde

War dieses langfristige Risiko mit ein Grund, warum Sie sich mit Ihrem Buch »Die Faszienlüge« so deutlich gegen den Trend stellen?
Absolut. Mein Co-Autor und Kollege Patrick Julius und ich wollen gute Medizin machen. Das ist schwierig, wenn die Allgemeinheit von dem Gedanken überzeugt ist, dass verklebte Faszien die Ursache ihrer Schmerzen sind. Es werden Hoffnung und viel Geld in eine Rolle investiert, statt die wahren Ursachen anzugehen. Gleichzeitig entstehen unnötige Kosten im Gesundheitssystem durch Therapien, die nichts bringen. Das wollten wir geraderücken. Der Körper braucht keine Wunderwerkzeuge, sondern regelmäßige, vielfältige Bewegung.

Welche gesundheitlichen Gefahren sehen Sie beim Verwenden der Rollen?
Man kann damit einiges falsch machen. Zum einen sollte man nie über den harten Knochen rollen. Die Knochenhaut ist sehr empfindlich und kann in einen chronischen Reizzustand geraten, der Schmerzen verursacht. Ein älterer Mensch mit Osteoporose – also brüchigen Knochen – und wenig Muskelmasse könnte sich dadurch sogar einen Bruch holen. Auch bei Blutgerinnungsstörungen kann es gefährlich werden. Blutgefäße können durch den Druck platzen und es kann eine Blutung einsetzen, die sich nicht so leicht stillen lässt. Und wenn ich unten an der Wade in die falsche Richtung, also zu den Füßen hin, ausrolle, schädige ich mir langfristig die Venenklappen, was zu Gefäßproblemen führen kann.

Wenn das Ausrollen von Verspannungen allein nicht hilft, wie sehen dann die richtigen Gegenmaßnahmen aus, wenn mir etwa durch langes Sitzen am Schreibtisch der Rücken wehtut? Hilft Dehnen, wie man es vom Yoga kennt?
Wenn ich den ganzen Tag vornübergebeugt am Schreibtisch sitze, ist meine Nacken-, Schulter- und Rückenmuskulatur permanent überdehnt. Ein überdehnter Muskel verspannt sich und schmerzt. Ihn jetzt weiter dehnen zu wollen, ist ein Behandlungsfehler. Diese Muskulatur muss stattdessen gekräftigt werden. Dafür kann man beispielsweise den Kopf fest gegen eine Wand oder Lehne drücken und den Nacken anspannen. Dehnen sollte ich hingegen die Muskulatur, die durch das Sitzen verkürzt ist, also in unserem Beispiel die vordere Schulter- und Brustmuskulatur.

»Die Woche hat 168 Stunden. Mit zwei, drei Stunden Sport machen Sie die übrigen nicht wett, die Sie vornübergebeugt am Schreibtisch, über dem Smartphone oder auf dem Sofa verbringen«

Übungen gegen den Schmerz mit Felix Neureuther

Worauf sollte man im Alltag besonders achten, um Schmerzen vorzubeugen?
Die beste Haltung ist immer die nächste Haltung, die ich einnehme. Der Körper braucht Abwechslung. Ein höhenverstellbarer Schreibtisch kann beispielsweise helfen, Positionen zu variieren und auch mal im Stehen zu arbeiten. Wer Schmerzen hat, sollte den eigenen Alltag analysieren: Die Bewegungen, die ich tagsüber einseitig ausführe, muss ich in die entgegengesetzte Richtung ausgleichen. Wenn ich zum Beispiel meistens nach vorne gekrümmt vor dem Computer sitze, kann ich meinen Rücken mit Zugbewegungen am Rudergerät kräftigen. 

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Woche hat 168 Stunden. Mit zwei, drei Stunden Sport machen Sie die übrigen nicht wett, die Sie vornübergebeugt am Schreibtisch, über dem Smartphone oder auf dem Sofa verbringen. Einen guten Teil davon schlafen wir natürlich, und im Schlaf lässt sich die Haltung nicht bewusst steuern. Da helfen die richtige Matratze und ein passendes Kopfkissen. Entscheidend sind die wachen Stunden: Möglichst aufrechte Haltungen einnehmen, die Sitzposition regelmäßig wechseln, zwischendurch aufstehen und einseitige Belastungen gezielt ausgleichen.

Wann sollte man definitiv ärztlichen Rat einholen?
Wenn normale Beschwerden trotz Schmerzmitteln und Bewegung länger als sieben Tage andauern, sollte man einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Bei vernichtenden Schmerzen, Missempfindungen oder massiven Bewegungseinschränkungen sollte man sofort in die Praxis oder Ambulanz.

Sie waren selbst von einem schweren Bandscheibenvorfall betroffen. Hat das Ihre Sicht als Arzt verändert?
Ja, absolut. Es hat mich gelehrt, nicht nur rein körperlich-funktionell zu denken. Stresslevel, Schmerzverarbeitung und die Psyche spielen eine riesige Rolle – gerade bei Rückenschmerzen. Ich musste selbst lernen, offen zu sein und Dinge auszuprobieren, wenn die Behandlung stagniert, wie etwa Beckenbodentraining für den Rücken. Heilung ist kein geradliniger, schneller Weg. Als Patient oder Patientin muss ich verstehen, was die Ursache meiner Beschwerden ist, damit ich aktiv mitarbeiten kann. Mein eigenes Erleben hat meine Therapiefähigkeit als Arzt deutlich geschärft.

Text Katja Hertin
Foto AdobeStock/BigBlueStudio; privat

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