
Zwei Profis – eine Mission:
Name: Oliver Cychy
Dienstgrad: Geprüfter Suchtrupphelfer
Jahrgang: 1970
Größte Stärke meiner Partnerin: Emmis Neugier und Motivation
Das nervt manchmal: Wenn sie zu viel Aufmerksamkeit fordert
Größte Herausforderung im Einsatz: Emmis Fokus auf mich und das Gelernte abzurufen
Beste Belohnung: Wenn wir als Team super zusammenarbeiten

Name: Emmi
Dienstgrad: Flächensuchhund in Ausbildung
Jahrgang: 2020
Größte Stärke meines Partners: Seine Geduld
Das nervt manchmal: Im Auto warten, bis ich dran bin
Größte Herausforderung im Einsatz: Ohne Olli in den Wald laufen
Beste Belohnung: Mit Olli Ball spielen
Oliver Cychy und seine Hündin Emmi sind ein starkes Team. Bei der Rettungshundestaffel trainieren sie gemeinsam für ein wichtiges Ehrenamt: das Aufspüren von Vermissten.
Ich liege auf dem Waldboden, verdeckt von einem Stapel Holz, und blicke in den Blätterhimmel. Es ist ein warmer Julitag, ein leichter Wind geht, Vogelgezwitscher, ansonsten Stille. Dann höre ich es: ein feines Glöckchen, das näher kommt. Sekunden später bricht Hope durchs Unterholz, bleibt einen halben Meter vor meinen Füßen stehen und beginnt laut und regelmäßig zu bellen. Bei jedem Bellen springt der Labrador-Rüde hoch wie ein Flummi und lässt mich dabei keine Sekunde aus den Augen.
Glücklicherweise bin ich weder verletzt noch entkräftet. Ich spiele nur eine im Wald verloren gegangene Spaziergängerin, damit Rettungshunde die Suche nach vermissten Personen üben können. Aber das macht den Vorgang nicht weniger erstaunlich. Ich habe an diesem Vormittag schon etliche Male das Waldstück durchkreuzt, und mit mir mindestens 20 andere Menschen – zu Fuß, auf dem Pferd, auf dem Mountainbike. Aus all diesen Geruchsspuren hat die Nase von Hope in wenigen Minuten genau eine herausgefiltert: die von meinem aktuellen Aufenthaltsort. Seine Hundeführerin Michaela, die etwa eine Minute später an den Fundort nachkommt und Hope mit Wurststückchen belohnt, sagt einen Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: »Ich hätte gern mal für einen Tag eine Hundenase, nur um zu wissen, wie sich das anfühlt.«
Ohne Ordnung und Disziplin geht nichts
Das Versteckspiel, wie ich es mit Hope erlebt habe, wird sich an diesem Trainingstag der BRH Rettungshundestaffel Rhein-Main e. V. in ähnlicher Form noch viele Male wiederholen. 15 Mitglieder der Staffel und ihre Hunde haben sich an diesem Morgen auf einer schattigen Anhöhe am Waldrand bei Büdingen versammelt. Die Jäger der Region sind vorher informiert worden, damit niemand versehentlich auf einen der Hunde schießt.
Anders als ich es mir ausgemalt hatte, herrscht kein lautes Durcheinander mit Bellen, Hecheln und Hochspringen, sondern Ruhe und Ordnung. Die Hunde warten entspannt in den klimatisierten Autos, während sich Herrchen und Frauchen in vorab eingeteilte Teams gruppieren, die jeweils von einem Ausbilder oder einer Ausbilderin geleitet werden. Während zwei der drei Teams anschließend wieder in ihre Autos steigen, um das Mantrailing – also die Suche nach einer Einzelperson mithilfe einer individuellen Geruchsprobe – in der nahegelegenen Kleinstadt zu trainieren, bleibt die Gruppe um Ausbilderin Michaela im Wald. Hier ist das perfekte Terrain, um die Flächensuche zu üben. So nennt man das systematische Durchkämmen eines Gebietes auf der Suche nach unbekannten Personen.
Zum Team Flächensuche gehören an diesem Sonntag auch Oliver und Ayla – zwei Ehrenamtliche, die in völlig unterschiedlichen Lebensumständen stecken und trotzdem durch die Staffel verbunden sind.
Absicherung – das Ziel in Beruf und Ehrenamt
Dass Kameramann Erik und ich heute für das Allianz Kundenmagazin 1890 digital dabei sein dürfen, haben wir Oliver Cychy zu verdanken. Der 56-Jährige aus Nieder-Eschbach, der von allen Olli genannt wird, leitet eine eigene Allianz Agentur. Beruflich dreht sich bei ihm also ohnehin alles um Absicherung. Das passt für ihn gut zu seinem Ehrenamt, nur dass es hier um Menschen in akuten Notlagen statt um Vorsorge geht.
Morgens um 8 hat Olli uns am Hotel abgeholt, in einem weißen VW-Bus, der von außen nach Urlaub aussieht, bis man die rotgelben Aufkleber liest: »Rettungshunde«. Im Innenraum findet sich dann auch kein Camping-Equipment, sondern zwei klimatisierte Hundeboxen, Funkgeräte, Schutzkleidung, Rettungsdecken und Kisten voller Proviant und weiterer Ausrüstung. In einer der Boxen wartet Emmi auf ihren Einsatz.
Auch bei Ayla hat das Ehrenamt mit dem Beruf zu tun: Die 23-Jährige ist Streifenpolizistin im Main-Kinzig-Kreis. Ihren Hund Sparky, einen Husky-Spitz, hat sie sich schon als 18-Jährige zugelegt. Bei der Staffel können die beiden gemeinsam wachsen und dabei auch noch etwas Sinnvolles tun.

Raus in die Natur, rein ins Training
Auf der Suche nach einem Trainingsprogramm, das er gemeinsam mit Emmi absolvieren kann, ist Olli auf die Rettungshundestaffel aufmerksam geworden. Nach dem Casting-Termin stand fest: Emmi ist neugierig, verspielt und motiviert – beste Voraussetzungen also für eine Ausbildung zur Rettungshündin.
Was motiviert den zweifachen Familienvater, der sich zudem noch als Handballtrainer engagiert, so viel Freizeit in dieses Ehrenamt zu investieren? Ollis Antwort ist entwaffnend schlicht: »Es gibt Leute, die bezahlen fürs Waldbaden. Ich habe hier ständig kostenloses Waldbaden.« Dann ergänzt er, ernster: Bevor er mit seinem Hund einfach nur spazierengehe, wolle er lieber etwas tun, bei dem beide Seiten lernen und, wenn es zu einem echten Einsatz kommt, anderen helfen können.
Der Preis dafür ist hoch – für Olli, für Ayla und für alle anderen in der Staffel. Das Training findet in der Regel jeden Mittwoch und Sonntag statt, ein Zeitaufwand von insgesamt zehn bis zwölf Stunden pro Woche, die Fahrtzeit zu den Trainingsorten in 50 und 100 Kilometer Entfernung eingerechnet. Mindestens zehn Urlaubstage im Jahr gehen allein für Lehrgänge drauf.
Hinzu kommt der finanzielle Beitrag: Die Staffel finanziert sich ausschließlich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, ein Großteil der persönlichen Ausrüstung muss privat besorgt werden: Sicherheitsschuhe, das gesamte Trainingsequipment für den Hund, ein Fahrzeug mit Standlüftung und Schattendecke. Dazu kommt, dass neben dem Hund auch der Mensch gründlich ausgebildet werden muss, etwa in Erster Hilfe für Mensch und Tier sowie bei der Orientierung mit Karte, Kompass und GPS, in Meteorologie und Suchtaktik.
Es ist daher wenig verwunderlich, dass der Staffel Rhein-Main aktuell noch mindestens ein geprüftes Team fehlt, bis sie einsatzfähig ist und von der Polizei bei Notfällen alarmiert werden kann.
Wenn aus einer Panne ein Notfall wird
Ernstfälle sehen häufig so aus: Ein Kind auf dem Laufrad verliert die Eltern beim Waldspaziergang aus den Augen. Eine Frau mit Demenz verlässt abends das Pflegeheim und findet nicht zurück. Ein Radfahrer stürzt abseits der Wege und bricht sich das Bein. Es wird dunkel, es wird kalt, und von da an wird jede Stunde gefährlicher, weil Unterkühlung oder ein fehlendes Medikament aus einer Panne einen Notfall macht. Bei genau solchen Lagen werden Rettungshundestaffeln von der Polizei alarmiert.
Dann zählt Tempo, und hier ist der Hund dem Menschen bei Weitem überlegen: Ein einziger Flächensuchhund ersetzt bei der Suche geschätzt 40 bis 50 menschliche Helfer:innen und arbeitet ein Waldstück von bis zu 30.000 Quadratmetern in etwa einer Viertelstunde ab. Wofür eine Menschenkette mehrere Stunden braucht, genügt der Hundenase ein günstiger Windzug.
Bevor Olli und Emmi beim heutigen Training ihre Suchaktion starten, verstecken sich zunächst zwei Freiwillige aus dem Team im Wald. Währenddessen bespricht Olli mit Ausbilderin Michaela den Fokus des Tages: Emmi soll die vermissten Personen, sobald sie diese gefunden hat, durch anhaltendes, lautes Bellen anzeigen und sich anschließend von ihnen belohnen lassen. Beide Punkte sind wichtige Lernbausteine für Emmi, die von Natur aus ungern bellt und in der Hundeschule gelernt hat, kein Futter von Fremden anzunehmen.
Dann zieht Olli ein Fläschchen mit Babypuder aus der Tasche und stäubt das Pulver in die Luft. So sieht er deutlich, wohin der Wind die feinen Partikel trägt, und damit, wohin er auch die Witterung eines Menschen tragen würde. Vormittags sinkt die Luft eher ab, gegen Mittag steigt die Thermik. Für eine kluge Suchstrategie müssen Hundeführer:innen den anfänglichen Weg so wählen, dass dem Hund der Duft der vermissten Person entgegenweht.
Ein Wunder, anatomisch erklärt
Auch der Start selbst ist eine Kunst für sich. Auf ein festgelegtes Kommando wird der Hund abgeleint und schießt geradeaus los, bis er von der Seite Witterung aufnimmt und dem olfaktorischen Ruf ins Unterholz folgt. Möglich macht das ein anatomisches Wunder: Ein Mensch verfügt über etwa fünf Millionen Riechzellen, ein Hund je nach Rasse über bis zu 220 Millionen. Bei der intensiven Suche schnüffelt ein Rettungshund bis zu 300-mal in der Minute. Weil seine beiden Nasenlöcher getrennt arbeiten, riecht er sozusagen in Stereo und erkennt, aus welcher Richtung ein Geruch kommt. Er kann sogar unterscheiden, wie alt eine Spur ist, und folgt ihr von der ältesten bis zur frischesten Note, bis er den Menschen erreicht.
Partner auf Augenhöhe – wie bei Kommissar Rex
Dann ist es so weit. Auf Ollis Kommando setzt sich Emmi in Bewegung. Erst noch etwas zögerlich, aber dann nimmt sie Witterung auf und verschwindet bergauf im Gebüsch. Olli geht ihr hinterher, zwängt sich zwischen Sträuchern und Ästen hindurch. Schon nach wenigen Momenten ist ein lautes Bellen zu hören. Als Olli nachkommt, steht Emmi vor der versteckten Ayla und nimmt die Belohnung entgegen. Dann geht es weiter zur zweiten vermissten Person.
Dass Emmi ihre Aufgabe heute souverän meistert, zeigt den Erfolg des regelmäßigen Trainings. Als Border-Collie-Mix steckt in ihr ein Hütehund, und der will eigentlich bei seiner Herde bleiben, also bei Olli. »Die größte Aufgabe war, dass sie lernt, sich von mir zu lösen und wirklich allein auf die Suche zu gehen«, erzählt er. »Ohne Emmi und ihre Spürnase kann ich nichts ausrichten. Wir sind Partner auf Augenhöhe und müssen uns aufeinander verlassen können. Das erinnert mich manchmal an Kommissar Rex.«
Auf dem Weg zum Lebensretter
Aylas Sparky ist schon weiter als Emmi mit der Ausbildung. Er hat seine Prüfung als Trümmerhund bestanden. Das bedeutet, dass er für die Suche in eingestürzten Gebäuden eingesetzt werden könnte – etwa nach starken Erdbeben, was in Deutschland glücklicherweise selten passiert. Für die Flächensuche fehlt Sparky noch die Abschlussprüfung. Seine Schwäche ist die eines leidenschaftlichen Jägers: Kreuzt bei der Suche zufällig lebendes Wild seinen Weg, kann es passieren, dass er seinen eigentlichen Auftrag kurzzeitig vergisst.
Auch Olli und Emmi sind noch nicht am Ziel. Bis Ende 2026 wollen sie die Prüfung für die Flächensuche geschafft haben, so der ehrgeizige Plan. Bis dahin bleibt jedes Training im Wald ein weiterer Schritt in diese Richtung. Und irgendwann kommt vielleicht der Anruf, der aus dem aufwendigen Hobby einen Lebensretter-Einsatz macht. Ein verlorenes Kind, eine vermisste alte Frau, ein Gestürzter, irgendwo da draußen, wo kein Mensch sie findet. Dann wird Emmi zielsicher durchs Unterholz stürmen, kurz vor der gesuchten Person abbremsen und so lange bellen, bis Hilfe kommt. Genau dafür verbringen Menschen wie Olli und Ayla ihre Freizeit beim Hundetraining im Wald.
Text Katja Hertin
Video und Foto Erik Schütz






