05.08.2026

»Wir sind einfach eine Einheit«

Zu Besuch auf dem Gestüt Erlenhof: Dressurreiterin Semmieke Rothenberger über das Vertrauen zwischen Mensch und Pferd, den Druck vor großen Turnieren und warum Sicherheit das Fundament für Höchstleistung ist.

Zur Person

Semmieke Rothenberger (Jahrgang 1999) stammt aus einer der erfolgreichsten Reiterfamilien Deutschlands und wuchs auf dem Gestüt Erlenhof bei Bad Homburg auf. Schon als Nachwuchsreiterin zählte sie zur Weltspitze: Bei den Europameisterschaften der Ponys, Junioren und Jungen Reiter holte sie 16 Goldmedaillen, unter anderem Triple-Gold in ihrer Altersklasse. 2019 wurde sie mit dem Longines FEI Rising Star Award ausgezeichnet, der Athletinnen und Athleten zwischen 14 und 21 Jahren würdigt. 2021 gewann sie in Hagen ihr zweites Gold bei den U25-Europameisterschaften. Mit ihrem Erfolgspferd Farrington verteidigte sie 2024 den Titel der Deutschen U25-Meisterin. Parallel zum Spitzensport schloss sie ein Psychologiestudium an der Frankfurter Goethe-Universität ab. Als Athletin wird sie von der Allianz unterstützt.

Die vom Navi empfohlene Route zum Gestüt Erlenhof endet mitten im Wald. Erst mit persönlicher Anfahrtsbeschreibung finden wir das richtige Einfahrtstor. Dahinter öffnet sich eine ganz eigene Welt: ein 65 Hektar großes Gelände am Fuß des Taunus bei Bad Homburg mit großzügigen Weideflächen, gesäumt von Bäumen und Sträuchern, dazwischen Stallungen und Wohnhäuser im Fachwerkstil. Ein kleiner See mit Fontäne und Koikarpfen schimmert in der Sonne. Auf dem Feldweg kommen uns zwei Shetlandponys entgegen.

Die Geschichte dieses märchenhaft wirkenden Gestüts geht zurück auf das Jahr 1901. Damals hieß das Anwesen noch Fohlenweide. Erst 1922 nannte es sein neuer Besitzer in Erlenhof um und machte es zu einer der erfolgreichsten Adressen des deutschen Vollblut- und Rennsports. Als die Familie Rothenberger das Gut in den 1990er-Jahren übernahm, wurde aus der traditionsreichen Rennsport-Hochburg ein Zuhause für den Dressursport.

In der Bildergalerie: Zwischen Koppel und Stall

Eine Familie mit beeindruckender Erfolgsbilanz

Hier treffen wir Semmieke Rothenberger. Mit ihren 26 Jahren gehört die energiegeladene Frau, die sich fröhlich mit »Semmie« vorstellt, bereits zur internationalen Spitze im Dressursport. Aktuell steht sie als Reserve für die Weltmeisterschaft bereit, die dieses Jahr vom 11. bis 23. August im Allianz Park in Aachen ausgetragen wird. Dass sie eine hervorragende Reiterin ist, überrascht niemanden, der die Familie kennt: Ihr Großvater Günter erwarb einst das Gestüt, ihre Eltern Sven und Gonnelien gewannen 1996 gemeinsam mit der niederländischen Mannschaft olympisches Team-Silber. Beide Elternteile sind heute Semmies Trainer. Bruder Sönke holte 2016 mit der deutschen Mannschaft Olympia-Gold, Schwester Sanneke sammelte in ihren Altersklassen zahlreiche Medaillen. Für das Interview sitzen wir in der »Wolke 7«, einer Eventlocation, die 2020 am Kopfende der neuen Reithalle im Olympiaformat entstand und ihren Namen einem der Erlenhof-Pferde verdankt. Von hier oben schweift der Blick wahlweise über die Koppeln oder direkt hinunter in die Reithalle. Semmie hat sich in ihrem vollgepackten Arbeitstag drei Stunden Zeit genommen, um mit uns über ihren Alltag als Dressurreiterin zu sprechen.

Collage aus drei emotionalen Porträts von Menschen und ihren Haustieren: Links ein lächelndes Paar im Freien, wobei eine Siamkatze auf der Schulter des Mannes thront. In der Mitte der Blick aus einer Küche auf ein Pferd und eine Frau, die von draußen neugierig durch das Fenster schauen. Rechts eine Seniorin, die glücklich mit ihrem Hund auf einer rustikalen Holzbank neben einem Kachelofen sitzt.

Jeden Morgen ab sieben im Stall

Ausschlafen oder mal ein paar Tage abhängen? Das gibt es in ihrem Alltag nicht. Gegen sieben geht es morgens in den Stall, egal welches Wetter, egal welcher Wochentag. Das erste Pferd, das sie reitet, ist immer Farrington, genannt Farrie. »Er ist meine Nummer eins«, sagt sie. »Ich mag es, mit freiem Kopf und guter Laune direkt aufzusteigen. Farrie und ich sind uns da sehr ähnlich, er ist charakterlich auch ein absolutes Gewohnheitstier. Wir haben immer den gleichen Ablauf, das passt perfekt.« Gerade frühmorgens, wenn über dem Hof noch absolute Ruhe liegt, sei der Erlenhof für sie ein Paradies – der schönste Start in den Tag. Danach kümmert sie sich um die Nachwuchspferde, ein paar junge Talente, die sie sich, wie sie lachend erzählt, von ihrem Vater »geklaut« habe und die hoffentlich irgendwann in Farries Fußstapfen treten. Anschließend kommen die Kundenpferde an die Reihe.

Denn neben dem eigenen Sport hat Semmie sich ein zweites Standbein aufgebaut. Sie betreut Schülerinnen und Schüler, die denselben Weg im Jugendsport gehen wollen, den sie selbst einmal gegangen ist – von den Ponys über Junioren, Junge Reiter und U25 bis zu den Senioren, zu denen sie nun gehört. Dazu kommt klassischer Beritt, wenn die Kinder Schule haben, krank oder im Urlaub sind. Fünf bis sieben Pferde stehen so pro Tag auf ihrem eigenen Reitplan. Ihre kleine Firma läuft parallel mit: Zwei Mitarbeiterinnen kümmern sich um die Kundenbetreuung, ihre persönliche Pflegerin Alex um die eigenen Pferde. Ohne dieses Team, sagt Semmie, wäre das Pensum nicht zu schaffen. Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen, gibt sie bis in den Abend Unterricht; gegen 21 Uhr macht sie die letzte Runde im Stall.

»Von meinen Pferden kann ich keine Höchstleistung erwarten, wenn ich selbst nicht topfit bin«

Semmieke Rothenberger, Dressurreiterin

Dass bei so viel Zeit im Sattel der eigene Körper nicht auf der Strecke bleiben darf, hat sie früh gelernt. Sie trainiert regelmäßig im hofeigenen Fitnessstudio, einmal in der Woche kommt zusätzlich eine Fitnesstrainerin auf den Erlenhof – dann stehen gezielt Kraft, Ausdauer und Flexibilität auf dem Programm. »Wer jeden Tag fünf Stunden im Sattel sitzt, überlastet bestimmte Muskelgruppen und vernachlässigt andere. Das muss man ausgleichen«, erklärt sie. »Von meinen Pferden kann ich schließlich keine Höchstleistung erwarten, wenn ich selbst nicht topfit bin. Da gehören immer zwei dazu.« 

In der Bildergalerie: Wellness unter der Wärmelampe

Fünf-Sterne-Komfort für heiß geliebte Pferde

Semmie nimmt uns mit auf eine Führung über den Hof. Die Stallungen sind technisch hochmodern und gleichzeitig im ländlichen Stil gestaltet. Es gibt ein Pferde-Spa mit Aquatrainer, Solebox und Kaltwasserbecken, dazu ein Solarium zum Aufwärmen der Muskulatur und eine Waage zur regelmäßigen Gewichtskontrolle. Schnell wird klar: Die Tiere bekommen hier die beste Behandlung, vom Fohlen über das Turnierpferd bis zum Pensionär. Platz ist für über 100 Pferde, darunter auch etliche Einstellpferde von Kunden.

Semmies Nummer-eins-Pferd Farrie hat nach dem Turnier heute Erholungsurlaub und grast entspannt auf der Weide. Dafür lernen wir Finest Prince kennen, einen siebenjährigen Wallach. Von den Anlagen bringe er alles mit, erzählt Semmie begeistert; er brauche nur noch mehr Erfahrung und Selbstbewusstsein, bis er reif für die großen Turniere sei und vielleicht eines Tages in Farries Fußstapfen treten könnte. Während Pflegerin Alex die pechschwarze Schönheit putzt und sattelt, poliert Semmie ihre Reitstiefel auf Hochglanz und setzt den strassbesetzten Helm auf.  

In der großen Reithalle hat inzwischen Gonnelien Rothenberger auf einer schmalen Bank am Kopfende Platz genommen. Von ihrer Position aus hat sie – auch dank der großen Spiegel auf der gegenüberliegenden Seite – den perfekten Überblick und gibt ihrer Tochter über ein Headset Hinweise. Während Semmie und Finest für das Fotoshooting elegant durch die Halle schweben, liefert Semmies Schwester eine ihrer beiden kleinen Töchter bei der Oma ab – mit einer Dose selbstgebackener Haferkekse als Proviant. Wächst da ein Pferdemädchen der vierten Generation heran? Gonnelien lächelt: »Wir haben den Kindern nie Druck gemacht, dass sie professionell reiten müssen. Nur sattelfest sollten sie sein.«

Die harte Arbeit hinter der Schwerelosigkeit

Für Außenstehende, das weiß Semmie, wirkt Dressur manchmal starr oder langweilig. Gerade das aber ist für sie der Reiz. »Das größte Kompliment war früher, wenn Schulfreunde gesagt haben: ›Du machst ja gar nichts da oben auf dem Pferd.‹ Dann antworte ich immer: ›Genau so soll es sein!‹ Wenn es aussieht, als würde es von allein passieren, ist es perfekt.« Das Faszinierende sei, wie viele kleine Zahnräder im Hintergrund ineinandergreifen müssten. Das Publikum sehe am Ende nur die wenigen Minuten im Viereck – nicht die Vorbereitung, nicht die Teamarbeit: das Vertrauen zu Alex, die so etwas wie die Nanny und der Lieblingsmensch ihrer Pferde sei, den Input der Eltern, die Arbeit von Physiotherapeuten, Hufschmieden und Tierärzten. »All das fließt in diesem einen Moment zusammen.« 

»Farrie spürt jede Gewichtsverlagerung, jeden Gedanken – er ist wie mein mentaler Spiegel«

Semmieke Rothenberger

Das Gefühl im Sattel vergleicht sie mit dem Film »Avatar«: wenn sich diese Fühler verbinden und man komplett mit dem Tier verschmilzt. Farrie sei hochsensibel. »Wir nennen ihn im Stall auch Ferrari, weil man das Gaspedal nur antippen muss und er sofort da ist. Er spürt jede Gewichtsverlagerung, jeden Gedanken – er ist wie mein mentaler Spiegel.« Sobald sie ins Turnierviereck einreite, sei es, als hätte sie Noise-Cancelling-Kopfhörer auf: »Ich bin im Tunnel, alles wird leise, und wir sind einfach eine Einheit.«

Alles perfekt? Pflegerin Alex kümmert sich liebevoll um Semmies Pferde
Kurzer Arbeitsweg: Von den Stallungen sind es nur wenige Meter bis in die Reithalle
Eleganz pur: Leichtfüßig tänzelt Semmie auf Finest Prince durch die Halle

Allianz x Reitsport 

Seit November 2025 trägt mit dem Allianz Park Aachen eines der bekanntesten Reitsportzentren weltweit den Namen der Allianz. Hier finden nicht nur der CHIO Aachen mit jährlich rund 350.000 Besucherinnen und Besuchern statt, sondern auch zahlreiche Trainings-, Bildungs- und Nachwuchsangebote rund um den Reitsport. 
Die Allianz unterstützt den CHIO Aachen bereits seit 2017. Gemeinsam setzen wir uns dafür ein, den Reitsport für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen. Dazu gehören die Förderung junger Talente, mehr Teilhabe im Sport sowie zusätzliche Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten für den Para-Reitsport. 
Mit Semmieke Rothenberger unterstützen wir eine Athletin, die zeigt, was möglich ist, wenn Leidenschaft, Disziplin und Vertrauen zusammenkommen. Gemeinsam wollen wir mehr Menschen für den Reitsport begeistern – und inspirieren, mutig ihren eigenen Weg zu gehen.

Wie aus einem Pferd ein Seelenpartner wurde

Dass Semmieke ausgerechnet mit Farrie einmal so erfolgreich werden würde, war anfangs alles andere als absehbar. Als er im Dezember 2022 zum Erlenhof kam, steckte Semmie mental in einem Tief. Eines ihrer Top-Pferde war verletzt, und der Übergang vom U25-Bereich zu den Senioren ist in Deutschland, einer der stärksten Reitsportnationen der Welt, eine harte Nummer. Farrie sollte ihr eigentlich nur ein schönes letztes U25-Jahr ermöglichen. Er galt als kompliziert. Sein vorheriger Besitzer hatte im Verkaufsstall einfach nicht die Zeit, sich stundenlang um ein einzelnes Pferd zu kümmern. »Als er bei uns einzog, habe ich mich an ihn angelehnt«, erinnert sich Semmie. »Wenn die Zeit es zulässt, liebe ich es, ihn stundenlang zu putzen, zu waschen und zu betüddeln.« Diese exklusive Aufmerksamkeit genieße Farrie in vollen Zügen – und danke es ihr mit einer unglaublichen Leistungsbereitschaft, indem er im Viereck jeden Tag den einen Schritt weiter gehe, der eigentlich unmöglich scheine. Die Zahlen geben ihr recht: Früher erzielte er im Grand Prix deutlich niedrigere Ergebnisse, heute läuft er konstant bei 74 bis 75 Prozent. »Er hat sich zu einer echten Rampensau entwickelt. Dass ich mit ihm jetzt Reserve für die Weltmeisterschaft bin, hätte ich damals nie für möglich gehalten.«

Was der Kopf mit dem Erfolg zu tun hat

Woher sie die Gelassenheit nimmt, mit dem Druck vor solchen Championaten umzugehen? Ihr abgeschlossenes Psychologiestudium helfe, sagt Semmie – vor allem aber eine Erfahrung, die alles verschoben hat. Früher sei sie extrem abergläubisch gewesen, mit richtigen Ticks: immer erst den rechten Stiefel anziehen, mentale Spielchen nach dem Motto »Wenn ich diesen Ball in den Eimer treffe, wird die Prüfung gut«. 

»Wenn du so eine Katastrophe wie diesen Brand hautnah miterlebst, relativiert sich plötzlich alles«

Semmieke Rothenberger

Der Wendepunkt kam 2019, mit dem Großbrand auf dem Gestüt. Ein technischer Defekt hatte ihn ausgelöst; fünf Pferde kamen ums Leben, darunter auch ein Herzenspferd von Semmie. Sie selbst war mit ihren Eltern auf einem Turnier, die Geschwister allein auf dem Hof, als das Unglück passierte. »Wenn du die Ausmaße einer Katastrophe wie bei diesen Brand hautnah miterlebst, relativiert sich plötzlich alles«, sagt sie leise. »Heute weiß ich: Ob ich im Viereck zwei Prozent mehr oder weniger bekomme, ob mir ein Fehler unterläuft – das Leben geht danach weiter.« In Drucksituationen ruft sie sich einen berühmten Satz der Tennislegende Billie Jean King in Erinnerung: »Pressure is a privilege.« Sie dürfe heute genau bei den Turnieren reiten, von denen sie als kleines Mädchen geträumt habe. »Dafür bin ich in erster Linie sehr dankbar. Das nimmt mir die Verbissenheit.«

Sicherheit als Fundament

Aus der Brandkatastrophe hat die Familie grundlegende Konsequenzen gezogen. Der Erlenhof war einst ein Galopper-Rennstall, in dem die großen Heu- und Strohlager traditionell direkt über den Stallgassen lagen. Wenn hier ein Feuer entsteht, brennt der Stall wie ein Kamin. Heute ist das Gestüt in viele kleine, autarke Einheiten aufgeteilt. In jedem Trakt stehen höchstens sieben, acht Pferde, baulich durch massive Brandschutztüren voneinander getrennt. »Selbst im schlimmsten Fall verliert man dann vielleicht ein Gebäude«, sagt Semmie, »aber man bringt die Tiere in den anderen Ställen nicht mehr in Gefahr.« Sicherheit ist auf dem Erlenhof kein Beiwerk. Sie ist die Grundlage, auf der hier alles ruht.

Dieselbe Verlässlichkeit prägt auch die Zusammenarbeit mit den Eltern. Dass das tägliche Training mit der eigenen Mutter als Trainerin funktioniert, ohne dass es kracht, sieht Semmie als Privileg. »Meine Eltern haben in diesem Sport das Maximum erreicht. Sie wissen haargenau, wie sich dieser Druck anfühlt und welche Fehler man vermeiden sollte.«

Großer Auftritt: Für Nachwuchspferd Finest Prince war das Fotoshooting eine Premiere
In der Bildergalerie: Eindrücke von Gestüt Erlenhof

 »Diese emotionale Sicherheit, die ich von meinem Umfeld bekomme, macht mich mental extrem stark«

Vor allem aber schätzt sie die bedingungslose Ehrlichkeit ihrer Eltern. »Ein externer Trainer neigt vielleicht eher dazu, einen zu schonen und zu sagen: Das war doch ganz ordentlich – weil er die Kundin nicht verprellen will. Meine Eltern verschönern nichts. Wenn sie sagen, es war gut, kann ich mich darauf verlassen. Wenn sie sagen, es war schlecht, dann war es schlecht.« Natürlich zicke man sich im Training auch mal an. »Aber am Ende schweißt uns das nur enger zusammen.« Egal, was auf einem Turnier passiere: Sie wisse, dass ihre Familie, ihre Pflegerin und ihr engster Kreis bedingungslos hinter ihr stünden. »Diese emotionale Sicherheit , die ich von meinem Umfeld bekomme, macht mich mental extrem stark.«

So sehr das nach Pferdehofidylle klingt – Semmie benennt auch die Kehrseiten. »Dahinter steckt verdammt harte Arbeit.« Als Kind war sie fast jedes Wochenende auf Turnieren. Irgendwann lädt einen niemand mehr zum Geburtstag ein, weil ohnehin klar ist, dass man absagt. Während die Unifreund:innen abends in die Clubs zogen und bis mittags ausschliefen, stand sie um halb sieben wieder im Stall. Drei oder vier Wochen am Stück Urlaub? Noch nie erlebt. Wenn andere Sommerferien haben, geht ihre Turniersaison erst richtig los. »Unsere Pferde sind keine Tennisschläger, die man nach dem Training in die Ecke stellt«, sagt sie. »Sie sind vollwertige Familienmitglieder, die jeden Tag versorgt und bewegt werden müssen.« Ihre Eltern hätten die Kinder immer mit allem unterstützt, was sie hatten, aber dafür auch Biss, Disziplin und volles Commitment eingefordert.

Ein bisschen wie in der Villa Kunterbunt

Und doch, sagt Semmie, würde sie mit niemandem tauschen wollen. Die Familie wohnt in separaten Häusern über das Gelände verteilt, alle haben ihre Privatsphäre, und trotzdem ist alles fußläufig erreichbar. So sieht sie ihre Neffen und Nichten jeden Tag aufwachsen. Nach einem großen Turnier bestellt man oft gemeinsam beim Lieblingsitaliener, setzt sich bei den Eltern an den großen Tisch und analysiert die Ritte. Ein bisschen wie in der Villa Kunterbunt sei es hier, findet sie – bis hin zum eigenen kleinen Kindergarten auf dem Hof, den ihre Tante betreibt. Die Kinder ihrer Schwester reiten morgens manchmal mit dem Shetlandpony hinunter, parken es dort und werden nachmittags mit dem Shetty wieder abgeholt. »Für Kinder ist das ein Paradies.«

Als wir uns am frühen Nachmittag verabschieden, wartet auf Semmie noch ein voller Arbeitstag in Halle und Stall. Schon bald nimmt sie mit Farrie am Lehrgang für die WM-Vorbereitung teil; die beiden stehen bereit, sollte es im Kader einen Ausfall geben. Doch ganz gleich, wie es mit Semmies Reitsportkarriere weitergeht: Hier, in dieser besonderen Welt am Fuß des Taunus, hat sie ein Umfeld, auf das sie sich uneingeschränkt verlassen kann. Und diese Sicherheit, das ist an diesem Tag immer wieder spürbar geworden, ist das eigentliche Fundament, auf dem ihre Höchstleistungen ruhen.

Text Katja Hertin
Fotos Ramon Haindl

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