03.07.2026

»Vorletzter im Ziel – und doch der größte Sieg meines Lebens«

Werner Möhrlein stand als Zahnarzt mitten im Leben, als ihm eine Entzündung im Rückenmark buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzog. Die Diagnose: partielle Querschnittslähmung, Rollstuhl. Doch statt aufzugeben, begann Möhrlein zu kämpfen. Nur sieben Jahre später überquerte der heute 66-Jährige die Ziellinie eines Triathlons.

Zur Person

Werner Möhrlein (Jahrgang 1959) lebt in Rimpar bei Würzburg. Jahrzehntelang führte er dort eine eigene Zahnarztpraxis. Schwerpunkt seiner Arbeit war die Kinderzahnmedizin. Bis heute engagiert er sich ehrenamtlich in der Prophylaxe für Kinder. Sein Motto: »Das höchste Ziel des Zahnarztes sollte es sein, seinen eigenen Beruf unnötig zu machen.« Anfang 2019 veränderte eine Rückenmarksentzündung sein Leben. Seither lebt er mit einer partiellen Querschnittslähmung. Aus gesundheitlichen Gründen musste er seine Praxis 2021 aufgeben. Schon vor seiner Erkrankung war Möhrlein ein passionierter Rad- und Ausdauersportler. Diese Leidenschaft hat er sich mit angepassten Mitteln zurückerobert. Heute dokumentiert er sein Training auf Instagram und setzt sich für mehr Aufmerksamkeit für unsichtbare Behinderungen ein. Möhrlein ist verheiratet, hat drei Kinder und zwei Enkelkinder.

Das erste Ziel: raus aus dem Rollstuhl. Möhrlein beim Rehatraining mit einem computergestützten Gangtrainer
Nach besten Kräften: Mit einer Ausnahmegenehmigung durfte Möhrlein den Triathlon mit Hilfsmitteln wie Stöcken bestreiten
Zeichen der Dankbarkeit: Mit seinem Trikot würdigt Möhrlein alle, die ihn unterstützt haben – darunter auch die Allianz

Der Traum auf der Intensivstation

Es ging alles scheinbar harmlos los. Anfang Januar 2019 hatte ich plötzlich Probleme, meine Blase zu entleeren. Mein Urologe vermutete Prostataprobleme, behandelte mich mit Antibiotika – eine völlige Fehldiagnose, wie sich schnell herausstellte. Innerhalb weniger Tage verschlechterte sich mein Zustand dramatisch. Die Kraft in meinen Beinen ließ nach, die Sensibilität schwand, mein Gang wurde unkontrolliert. Am 11. Januar 2019 wurde ich schließlich mit Verdacht auf einen Schlaganfall in die Neurologie des Universitätsklinikums Würzburg eingeliefert. Erst die MRT-Untersuchungen brachten Gewissheit: Eine schwere Entzündung im Rückenmark auf Höhe der Brustwirbelsäule, vermutlich ausgelöst durch einen seltenen Verlauf des Norovirus, hatte eine teilweise Querschnittslähmung verursacht.

Der Chefarzt erklärte mir offen, dass ich mich darauf einstellen müsse, dauerhaft im Rollstuhl zu sitzen. Das war ein brutaler Schock. In den ersten Tagen habe ich Todesängste ausgestanden. Ich wusste nicht, was da mit meinem Körper geschieht und ob ich es überleben würde. Der einzige Gedanke, der mich auf der Intensivstation ein wenig beruhigt hat, war, dass ich eine gute Risikolebensversicherung hatte und wenigstens meine Frau finanziell abgesichert war, falls ich es nicht schaffen sollte.

Doch dann kam diese eine Nacht, die alles verändert hat. Ich hatte im Halbschlaf einen unheimlich intensiven Traum von meinem verstorbenen Vater. Ich spürte, wie er meine Beine, die ja neurologisch mehr oder weniger tot waren, berührte und mich zu sich rüber ins Jenseits ziehen wollte. Ich stand sozusagen mit einem Bein schon drüben. In genau diesem Moment habe ich eine klare Entscheidung getroffen: Ich will weiterleben. Ich will kämpfen. Dieser Traum hat einen unbändigen Kampfgeist in mir geweckt, von dem ich bis heute profitiere. Seither lautet mein Motto: »Das Leben beginnt hier.«

Mein Körper als Projekt

Weil ich mein Leben lang leidenschaftlich gern Sport gemacht habe und viel mit dem Fahrrad unterwegs war, war für mich sofort klar: Ich muss mich bewegen. Als Arzt weiß ich: Muskelabbau passiert dreimal so schnell wie der Aufbau. Ich habe mir noch auf der Intensivstation ein sogenanntes MOTOmed-Fahrrad ans Bett bringen lassen. Meine Beine konnten sich zwar nicht selbst halten und kippten ständig weg, aber in diesem Gerät konnte ich sie passiv in einer Fahrradbewegung halten. 

Als ich dann in die Reha kam, ging das Training erst richtig los. Wegen der hochdosierten Kortisontherapie konnte ich nachts oft nicht schlafen. Also habe ich mich um 2 oder 3 Uhr in den Rollstuhl hinüber gehoben, mein iPad an das MOTOmed geklemmt und mir Videos von Rennradtouren am Gotthardpass angeschaut. Ich habe mir fest eingebildet, dass ich gerade diesen Pass fahre. Das hat mich wahnsinnig motiviert. Wenn ich diesen Willen nicht gehabt hätte, wäre ich nie wieder aus dem Rollstuhl herausgekommen.

Sicher kam mir auch mein Beruf zugute. Ich war Zahnarzt aus Leidenschaft und habe jahrelang ehrenamtlich in der Prophylaxe für Kinder gearbeitet. Mein Credo war immer: Das höchste Ziel des Zahnarztes sollte es sein, seinen eigenen Beruf unnötig zu machen. Genau dieses Denken in Richtung Prävention und Selbstverantwortung habe ich auf meine eigene Krankheit übertragen: Nicht auf Hilfe von anderen warten, sondern selbst aktiv werden und den eigenen Körper als Projekt sehen. Ich habe im Lauf der vergangenen Jahre meine Ernährung radikal umgestellt und mithilfe einer App 30 Kilo abgenommen – ganz ohne Abnehmspritze, nur mit eiserner Disziplin.

Der Tag, an dem ich mein Leben zurückgewann

Dass ich beim Würzburg Triathlon 2026 überhaupt an der Startlinie stehen durfte, war für mich der eigentliche Sieg. 2019 saß ich noch im Rollstuhl, und sieben Jahre später wagte ich mich an so einen Wettkampf – das muss man sich mal vorstellen! Natürlich konnte ich den Triathlon nicht unter normalen Bedingungen schaffen. Ich hatte eine offizielle Ausnahmegenehmigung vom Triathlonverband: Ich durfte mit Flossen schwimmen, mit dem E-Bike fahren und die fünf Kilometer mit Stöcken und Musik im Ohr laufen. Ich hatte im Vorfeld zwar hart daran gearbeitet, es vielleicht doch ohne Hilfsmittel zu schaffen, aber ich musste einsehen: Ich brauche sie, um überhaupt eine Chance zu haben, im Ziel anzukommen. Man muss seine Grenzen eben auch akzeptieren.

Für den Wettkampftag habe ich mir ein ganz besonderes Trikot anfertigen lassen. Es war bedruckt mit einem Foto meiner Frau, den Namen meiner Kinder sowie den Logos all derer, die mich auf meinem Weg zurück ins Leben unterstützt haben: von meinen Physiotherapeuten über die Hilfsmittelhersteller bis zu meinem Krankenversicherer Allianz. Dieses Trikot zu tragen, war für mich eine Zeremonie der Dankbarkeit. Wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen, aber es löst sich auch etwas in mir auf. Ich merke einfach: Dankbarkeit hat ein enormes Heilungspotenzial.

»Mein Sieg war nicht die Platzierung, sondern dass ich überhaupt an der Startlinie stehen durfte«

Werner Möhrlein, Zahnarzt mit partieller Querschnittslähmung

Der Wettkampf selbst war der absolute Hammer. Eine kleine Gruppe von fünf, sechs engen Freunden stand an der Strecke. Schon am Anfang wurde ich auf der Bühne offiziell vorgestellt, und das Publikum hat meine Geschichte mitbekommen. Was dann beim Laufen passierte, war einfach nur Wahnsinn: Wildfremde Menschen haben mich plötzlich am Streckenrand angefeuert und meinen Namen gerufen. Diese unglaubliche Energie hat mich am Ende förmlich ins Ziel getragen.

Nach zwei Stunden und neun Minuten bin ich über die Ziellinie gelaufen. Ich war der Vorletzte. Manchmal schäme ich mich ein bisschen vor den anderen Teilnehmenden, weil ich mit meinen Hilfsmitteln fast mehr gefeiert wurde als der tatsächliche Gewinner. Aber für mich war es ein unfassbarer emotionaler Triumph. Ich habe diesen Triathlon zwar nicht gewonnen, aber ich habe an diesem Tag mein Leben zurückgewonnen.

In der Bildergalerie: Eindrücke von der Triathlon-Strecke

Acht-Zentimeter-Absätze und Elton John

Die Erkrankung hat mich dazu gezwungen, mich verstärkt mit meinen Beinen zu beschäftigen, denen ich früher wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. Je weiter es von den Oberschenkeln Richtung Schienbeine geht, desto hölzerner fühlen sie sich an. Die Ansteuerung über die Nervenbahnen ist nach wie vor extrem verlangsamt, und mein Gleichgewichtssinn ist stark gestört. Wenn andere meine Beine ansehen, denken sie vermutlich: »Die sehen doch gut aus!« Aber sie funktionieren eben im Alltag nicht richtig.

Durch Herumprobieren habe ich für mich ein ganz spezielles Training entdeckt. Wissen Sie, was ich mache? Ich ziehe mir Tanzschuhe an – am besten mit Acht-Zentimeter-Absätzen –, das verändert die Körperaufrichtung im Becken. Dann setze ich mir Kopfhörer auf, mache coole Musik an und tanze einfach frei drauf los. Ich komme dann in eine regelrecht euphorische Stimmung – und meine Beine funktionieren plötzlich! Es ist einfach verrückt. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Signalweiterleitung in dem Moment nicht über die kaputten Nervenbahnen läuft, sondern auf anderem Weg eine Art Bewegungsgedächtnis aktiviert wird. Die Medizin weiß eben oft selbst noch nicht, wie viele Wunder im Körper möglich sind.

»Man darf sich Dinge erlauben, die anderen vielleicht ungewöhnlich erscheinen, die einem selbst aber Kraft geben«

Highheels als Reha-Maßnahme? Die Absätze verändern Möhrleins Körperhaltung so, dass er beim Tanzen seine Beine besser steuern kann

Die Musik zieht sich ohnehin durch mein ganzes Leben und gibt mir Kraft. In der Reha hatte ich Tag und Nacht Bachs »Brandenburgische Konzerte« im Ohr. Heute ist mein Geschmack viel breiter. Mein Hauptlied beim Triathlon, das ich in Dauerschleife gehört habe, war »Don’t Go Breaking My Heart« von Elton John. Das hat mich angetrieben.

Wenn ich heute mit meinen ultraleichten Stöcken durch die Weinberge hier in meiner Heimat Rimpar gehe, filme ich mich manchmal selbst für Instagram und sage mir: »So ein Glück, dass ich da hochlaufen kann!« Ich versuche einfach, die kleinen Dinge wie die Natur, das Wetter oder die Bewegung genauso intensiv zu genießen wie früher die großen Highlights. Das ist für mich Glück.

Ein Rückschlag, der meine Existenz bedrohte

Dass ich überhaupt so weit kommen konnte, war keine Selbstverständlichkeit. Denn der Weg dorthin hatte noch eine zweite, ganz andere Bewährungsprobe für mich bereitgehalten – eine, die man mir von außen nicht ansah.

Im Jahr 2020 hatte ich mich so weit zurückgekämpft, dass ich tatsächlich wieder in meiner Praxis stehen und als Zahnarzt arbeiten konnte. Auch das grenzt an ein Wunder. Doch Ende 2020 kam der nächste harte Schlag: Ich erlitt schwere Sehstörungen am rechten Auge. Bis heute ist unklar, ob es Augeninfarkte waren oder ein Multiple-Sklerose-Schub. Zurück blieb ein massiver Gesichtsfeldausfall. Damit war klar: Ich kann meinen Beruf nie wieder ausüben.

Die Aufgabe meiner Praxis im Jahr 2021 war emotional und wirtschaftlich eine absolute Zerreißprobe. Eine Nachfolgerin sprang kurz vor der Übergabe ab, als ich meinen Angestellten schon gekündigt hatte. Ich stand vor dem Nichts und hatte nackte Existenzangst. In dieser Phase war meine Krankentagegeldversicherung bei der Allianz unsere Rettung. Ohne diese finanzielle Unterstützung hätte ich schlichtweg Insolvenz anmelden müssen. Am Ende fand ich zum Glück doch noch eine Nachfolgerin. Zwar zu deutlich schlechteren Konditionen, aber ich konnte die Praxis zumindest ohne größere Verluste weitergeben.

Die absolute Schlüsselfigur in all diesen schweren Jahren war meine Frau. Unsere Beziehung war in dieser extremen Belastungsphase wahrlich nicht immer einfach, aber sie hat Unglaubliches geleistet, die Praxisverwaltung gemanagt und mich getragen, wenn ich selbst nicht mehr konnte. Finanzielle Sicherheit durch eine verlässliche Versicherung ist das eine: Das Wissen, dass man abgesichert ist, hält einem den Rücken frei, damit man seine Energie überhaupt in die Genesung stecken kann. Aber die Unterstützung durch Menschen aus dem Umfeld ist durch nichts zu ersetzen.

Erkennungszeichen: Das grüne Band mit Sonnenblumen weist auf Behinderungen hin, die man Betroffenen nicht auf den ersten Blick ansieht

Mein Nordstern und das grüne Band

Wenn man eine so schwere Diagnose erhält, darf man nicht in der Opferrolle verharren. Meine Startnummer beim Triathlon war die 836. Ich habe spaßeshalber mal in der Numerologie nachgeschaut: Diese Zahl steht für das Loslassen. Und genau darum geht es: Man muss die alte Identität, das Hadern mit dem Schicksal loslassen, um Platz für Neues zu machen. Man muss sich Ziele setzen – und die dürfen für Außenstehende ruhig völlig utopisch wirken.

Mein nächster großer Orientierungspunkt, mein Nordstern-Projekt, ist die Besteigung des Langkofels in Südtirol. Das ist mein absoluter Herzensberg. Ob ich das jemals schaffe, weiß ich nicht. Aber das Ziel gibt mir eine Richtung. Ein befreundeter Bergführer hat mir schon zugesagt, und mein 89-jähriger Freund von dort will mich zumindest bis zum Einstieg in die Scharte begleiten. Solche Träume halten mich lebendig.

»Es gibt im Leben fast immer mehr Möglichkeiten, als man am Anfang glaubt. Man darf nur nicht in den negativen Gefühlen steckenbleiben«

Werner Möhrleins großer Traum: Wieder so fit werden, dass er seinen Herzensberg, den Langkofel, besteigen kann

Heute möchte ich meine Geschichte nutzen, um anderen Mut zu machen, aber auch, um Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema zu lenken: unsichtbare Behinderungen. Von meiner Tochter habe ich ein grünes Band mit Sonnenblumen geschenkt bekommen: die »Hidden Disabilities Sunflower«. Man sieht mir meine Einschränkungen im Alltag oft nicht an. Wenn ich dann zum Beispiel dumm angemacht werde, weil ich die Behindertentoilette benutze, ist das verletzend. Ich wünsche mir, dass dieses Symbol und auch Hilfsmittel wie der Euroschlüssel für barrierefreie Toiletten endlich bekannter werden – nicht für Sonderrechte, sondern für mehr Verständnis im Umgang miteinander.

Interview Katja Hertin
Fotos privat; Ronald Beier

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