02.07.2026

»Der Mensch hat ein sehr schlechtes Durstgefühl«

Die Sommer werden immer heißer. Was wirklich bei Hitze hilft, erklärt Hanns-Christian Gunga, einer der renommiertesten Hitzeforscher des Landes. Der Physiologe verrät auch, was wir von Südeuropäern lernen können.

Zur Person

Hanns-Christian Gunga arbeitet als Seniorprofessor für Weltraummedizin und Extreme Umwelten an der Charité in Berlin. Seit etwa 40 Jahren erforscht der Physiologe, wie der menschliche Körper auf Hitze, Kälte und Belastung reagiert. Unter anderem hat er dafür bei Raumfahrtmissionen wie der ISS oder Mir die Körperfunktionen von Astronaut:innen untersucht. Gunga hat mehrere Bücher zum Thema Hitze geschrieben, darunter »Tödliche Hitze« (Quadriga Verlag), »Extrem – Was unser Körper zu leisten vermag« (S. Fischer) und »Am Tag zu heiß und nachts zu hell« (Rowohlt).

Herr Gunga, bereits im Juni haben wir in Deutschland wieder eine extreme Hitzewelle erlebt. Bei Rekordtemperaturen von über 41 Grad litten die Menschen unter den heißen Bedingungen. Viele stellen sich zur Abkühlung unter die Dusche. Eine sinnvolle Sache?
Eine kühle Dusche ist gut – besser und sicherer, als in einen kalten See oder Pool zu springen. Letzteres ist extrem gefährlich, weil es zu Herzrhythmusstörungen und akuter Bewusstlosigkeit kommen kann. Die Dusche dagegen lässt sich besser auf den Kältereiz hin regulieren. Wenn man es regelmäßig macht, ist eine kalte Dusche nach heißer Exposition sogar ein sehr gutes Training für die Gefäßmuskulatur.  

Auch beim Trinken hält sich ein Mythos: Helfen eiskalte Getränke?
Eher nicht. Eiskalte Flüssigkeit wird schon beim Trinken fast auf Körpertemperatur gebracht, eine echte Kühlung erreichen Sie damit nicht, höchstens ein kurzes Frischegefühl im Mund. Es entsteht ein gegenteiliger Effekt: Bei Hitze ist die Durchblutung des Magen-Darm-Trakts gedrosselt, und sehr kalte Getränke in großer Menge können ihn zusätzlich reizen. Sinnvoller ist lauwarmer Tee, etwa Pfefferminze. Das enthaltene Menthol stimuliert die Kälterezeptoren der Haut und sorgt für ein kleines Frischegefühl. 

Apropos Trinken: Wie viel Flüssigkeit sollte man zu sich nehmen?
Der Mensch hat ein sehr schlechtes Durstgefühl. Wir spüren Durst erst, wenn wir bereits etwa eineinhalb Liter Flüssigkeit verloren haben. Dabei sollten wir permanent und gleichmäßig trinken – idealerweise etwa 250 Milliliter pro Stunde. Wenn Sie stattdessen einen Liter auf einmal in sich hineinschütten, kann der Magen-Darm-Trakt das gar nicht so schnell aufnehmen. 

Sie empfehlen die Waage als Kontrolle. Wie soll das praktisch gehen, wo das Gewicht ohnehin schwankt?
Das Körpergewicht schwankt meist nur um rund ein Kilo. Dabei wiegt man meistens morgens weniger als abends. Ein Flüssigkeitsverlust dagegen schlägt mit rund zwei Kilo stärker zu Buche. Bei Hitzewetter verlieren Erwachsene gut zweieinhalb bis drei Liter am Tag, bei körperlicher Arbeit auch fünf. Wiegt man abends zwei Kilo weniger als morgens, hat man etwa zwei Liter zu wenig getrunken. Das Gefährliche dabei ist, dass man den Flüssigkeitsverlust in den nächsten Tag mitnimmt und er sich so potenzieren kann. Über mehrere Tage betrachtet zeigt die Waage, ob man das Defizit wirklich auffüllt. Das ist der einzige praktikable Selbsttest, den ich als Physiologe kenne.

»Bei Hitzewetter verlieren Erwachsene gut zweieinhalb bis drei Liter am Tag, bei körperlicher Arbeit auch fünf«

Die Hitzewelle kam bei uns in diesem Jahr schon im Juni und war ungewöhnlich lang. Macht der frühe Zeitpunkt einen Unterschied?
Einen großen sogar. Unser Körper braucht für eine echte Hitzeanpassung mindestens 10 bis 14 Tage, in denen sich Schweißproduktion und Kreislauf umstellen und das Blutvolumen steigt. Im Hochsommer sind wir akklimatisiert, im Juni noch nicht. Deshalb sind die ersten zwei, drei Tage einer Hitzewelle und frühe Hitzewellen im Mai oder Juni besonders riskant. Mein Tipp für alle, die wissen, dass ihnen Hitze zusetzt: schon im Frühjahr zwei- bis dreimal pro Woche in die Sauna. Dann ist der Körper vorbereitet, wenn es früh heiß wird.

Wer ist besonders gefährdet?
Klassischerweise denken wir an ältere Menschen und Kinder, das stimmt auch. Unterschätzt wird aber eine andere Gruppe: Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma oder COPD. Eine Auswertung des Deutschen Wetterdienstes hat gezeigt, dass die Sterblichkeit bei diesen Patient:innen während Hitzewellen um rund 20 Prozent steigt, doppelt so stark wie bei Herzkranken. 

Warum vertragen viele schwüle Hitze eigentlich so viel schlechter als trockene?
Weil unsere wichtigste Kühlung das Verdunsten von Schweiß auf der Haut ist. Je feuchter die Luft, desto schlechter verdunstet der Schweiß. Bei hoher Luftfeuchtigkeit sammelt er sich in Tropfen und läuft ab. Das kühlt vielleicht den Boden, aber nicht den Körper. Genau deshalb war diese Hitzewelle mit ihren hohen Taupunkten und den vielen Tropennächten so belastend. Trockene Hitze steckt der Körper deutlich besser weg.

»Hitzeschutz ist auch eine Frage der Gemeinschaft«

Was ist Ihr persönlicher Tipp gegen Hitze, den viele verkennen?
Das soziale Engagement. In Chicago hat man die Hitzewelle von 1995 genau untersucht. In manchen Vierteln starben deutlich mehr Menschen als in anderen. Der entscheidende Unterschied war der Zusammenhalt. Wo Nachbarn aufeinander achteten, überlebten mehr Menschen. Ein Anruf bei der älteren Nachbarin, ein kurzes Nachfragen, das rettet im Zweifel also Leben. Hitzeschutz ist nicht nur Medizin und Technik, sondern auch eine Frage der Gemeinschaft.

Reagieren wir denn alle gleich auf diese Belastung, oder gibt es biologische Unterschiede, etwa zwischen Männern und Frauen?
Pauschalisieren lässt sich das nie. Im Hochleistungssport oder bei extrem Trainierten gleichen sich die Geschlechter in Sachen Muskelmasse und Temperaturregulation stark an. In der Allgemeinbevölkerung sind Frauen in der Regel schneller und stärker von der Hitze belastet als Männer. Das hat anatomische Gründe: Frauen besitzen im Schnitt einen höheren Prozentsatz an Unterhautfettgewebe. Dieses Fett wirkt wie eine Isolationsschicht, die den effektiven Wärmeaustausch des Körpers mit der Umgebung vermindert. 

Und wie sieht es bei den Jüngsten aus? Stimmt es, dass Kinder viel schlechter schwitzen können?
Ja. Das ist ein faszinierendes physiologisches Rätsel, das die Wissenschaft noch nicht ganz gelöst hat. Kinder schwitzen tatsächlich nur etwa halb so viel wie ein Erwachsener. Man dachte deshalb lange Zeit, ihre Thermoregulation sei mangelhaft. Aber Studien zeigen, dass ihr Körpertemperaturanstieg bei Hitze dem von Erwachsenen verblüffend ähnelt. Warum? Weil Erwachsene zwar riesige Mengen Schweiß produzieren, davon aber sehr viel ungenutzt runterfällt, ohne den Körper zu kühlen. Bei Kindern hingegen verdunstet die fein dosierte, kleinere Schweißmenge fast komplett direkt auf der Hautoberfläche und erzeugt hocheffiziente Verdunstungskälte. Trotz dieser erstaunlichen Effizienz gehören Kinder – genau wie Seniorinnen und Senioren – zu den absolut vulnerablen Gruppen, auf die wir bei Hitze achten müssen.

Welcher Körperteil eignet sich am besten zur schnellen Kühlung?
Ganz klar: der Kopf. Im Gesicht und am Kopf sitzen besonders viele Thermorezeptoren. Kälte signalisiert dem Hypothalamus sofort: »Entwarnung, Kühlung läuft!«, wodurch der gesamte hormonelle Hitzestress des Organismus schlagartig gedrosselt wird.  

Außerdem ist der Kopf- und Nackenbereich massiv durchblutet. Die Blutgefäße liegen dort extrem dicht unter der dünnen Hautoberfläche. Wenn Sie diesen Bereich kühlen, senken Sie direkt die Temperatur des vorbeiströmenden Blutes. Da über die großen Halsschlagadern am Hals die gesamte Blutversorgung des Gehirns läuft, transportieren Sie die Abkühlung auf dem schnellsten Weg direkt in unser zentrales Nervensystem. Dazu kommt ein genialer biologischer Trick.

Welcher?
Im Gegensatz zu unseren Armen oder Beinen verengen sich die Blutgefäße am Kopf bei einem lokalen Kältereiz kaum. Wenn Sie sich ein Eispack auf die Wade legen, schaltet der Körper dagegen auf Schutzmodus, verengt die Gefäße sofort und blockiert den Wärmeaustausch. Am Kopf jedoch bleibt die Durchblutung auch bei Kälte konstant hoch. Ein nasses Tuch im Nacken oder das Pulsadern-Kühlen an den Schläfen wirkt deshalb wie eine direkte Klimaanlage für das Gehirn. 

Und wenn man der Hitze akut nicht entkommt, etwa wenn im liegen gebliebenen Zug die Klimaanlage ausfällt?
Wir müssen lernen, vorauszudenken. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass es im Bordbistro noch Wasser gibt. Nehmen Sie eine zusätzliche Wasserflasche mit, legen Sie unnötige Kleidungsstücke ab, bauen Sie keine zusätzliche Barriere zwischen Haut und Luft. Und dann sind wir wieder beim Sozialen: teilen, aufeinander achten.

»Wir sollten dringend von den Südeuropäern lernen«

Hitze trifft nicht nur die Gesundheit, auch die Wirtschaft. Eine aktuelle Analyse des Kreditversicherers Allianz Trade beziffert die möglichen Verluste für Deutschland bis 2030 auf bis zu 131 Milliarden US-Dollar, falls sich Hitzewellen wiederholen. Unter anderem, weil die Leistungsfähigkeit der Menschen schon ab 30 Grad sinkt und Energiekosten steigen. Können Sie das bestätigen?
Absolut. Wir sehen die Konsequenzen aber nicht nur bei Bürojobs, sondern auch global in der Landwirtschaft. Wir haben im Rahmen einer großen Forschergruppe eine Studie im Fachmagazin »The Lancet Planetary Health« veröffentlicht, für die wir ein Jahr die Arbeitsbelastung von Bäuerinnen und Bauern in Burkina Faso und Kenia untersucht haben. Dort herrschen teilweise drei Monate am Stück Temperaturen von über 35 Grad. Das schlägt sich massiv auf die Produktivität der Menschen nieder, die vom eigenen Anbau leben. In solchen extremen Hitzeperioden sinkt die Produktivität um bis zu 40 Prozent. Die reine effektive Arbeitszeit reduziert sich von acht auf fünf Stunden. 

Was muss hierzulande passieren, um sich besser und nachhaltiger auf Hitze einzustellen?
In Deutschland sind wir traditionell baulich auf Kälte ausgelegt: Wir haben unsere Häuser jahrhundertelang optimiert, Wärme zu halten. Im Zuge der aktuellen Klimakrise müssen wir nun komplett umdenken. Aber als Mediziner liegt mir vor allem das Thema Lebensweise am Herzen. Da sollten wir dringend von den Südeuropäern lernen. 

Zum Beispiel?
Die wohl einfachste Maßnahme ist: die Arbeitszeiten auf die Hitze abzustimmen. Das Siesta-Modell etwa ist keine Faulheit, sondern kluge biologische Anpassung.

Interview Sonja Hoogendoorn
Fotos IMAGO/Christian Ender; privat 

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