09.06.2026

Die Reise eines stillen Lebensretters

Gerade im Sommer werden Blutspenden dringender denn je gebraucht. Wir zeigen, wie sehr man mit dieser kleinen Geste Großes bewirken kann, und verfolgen den Weg eines Blutbeutels: vom Piks in den Arm bis ans Krankenbett.

Der Sommer lädt nach draußen ein – und bietet gleichzeitig die perfekte Gelegenheit, mit einem Piks Leben zu retten. Besonders in der Ferienzeit freuen sich die Entnahmezentren über alle, die kurz für eine Blutspende vorbeischauen. Denn dann wird es oft spürbar ruhiger. »In dieser Zeit konkurrieren wir mit dem Urlaub und vielen Freizeitaktivitäten«, erklärt der Pressesprecher des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), Patric Nohe, die Flaute. Ähnliches passiere an Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern.

Doch Krankheiten und Unfälle machen keine Ferien. Alle sieben Sekunden wird hierzulande eine Blutspende gebraucht – rund 15.000 Konserven am Tag. Diese Zahl lässt sich aktuell in Deutschland gerade so abdecken: Rund 3,7 Millionen Spenden verzeichnet das Paul-Ehrlich-Institut 2025. Das entspricht ungefähr dem jährlichen Bedarf an Erythrozytenkonzentraten. Allerdings ist die Spendenbereitschaft seit Mitte der 2010er-Jahre stetig gesunken. Von 2015 bis 2020 gingen die Blutspenden von rund vier Millionen auf die besagten 3,7 Millionen zurück und stagnieren seitdem auf diesem Niveau.

Entwarnung gibt es damit nicht: Der Blutspende droht ein massives Nachschubproblem. »Unsere treuesten Spender gehören aktuell der Babyboomer-Generation an«, erklärt Jürgen Burkhart, Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin des Blutspendedienstes des BRK in München. Doch die Babyboomer werden bald alters- oder krankheitsbedingt wegbrechen. Jährlich scheiden schon bundesweit etwa 100.000 Aktive aus. Zu wenige junge Menschen rücken nach. »Zwar ist das Bewusstsein da«, weiß Burkhart, »doch die Jungen spenden seltener und unregelmäßiger.« 

Dabei gibt es durchaus Hoffnung, wie Katherina Kleinert beweist. Die 35-Jährige aus München lässt sich schon seit drei Jahren regelmäßig Blut beim BRK abnehmen. Wir haben uns mit ihr und ihrer Blutspende auf die Reise begeben und verfolgt, was genau nach dem Piks passiert. 

Los geht’s: Am Empfang des BRK-Blutspendedienstes in München meldet sich Katherina Kleinert über ihre Handy-App an

1. Etappe: O’zapft is

»Angefangen hat alles aus Neugier«, erzählt Katherina Kleinert. Sie ballt lässig die Faust auf ihrer Liege im Münchner Blutspendezentrum des BRK. Damit kann das Blut schneller durch den Schlauch fließen. »Als Studentin habe ich mal eine Freundin zum Blutspenden begleitet.« Danach habe sie lange pausiert. Neuer Job, neue Stadt, neue Freunde. »Da waren andere Dinge erst mal wichtiger«, gesteht sie. Vor drei Jahren hat sie allerdings ein Zeitungsartikel über sinkende Spendenzahlen wachgerüttelt. »Ich habe mir gedacht: Warum machst du eigentlich nicht wieder mit?« 

Inzwischen spendet sie regelmäßig Blut. Dank der BRK-Handy-App fällt ihr das leicht. Hiermit kann sie selbst spontan Termine buchen. Das Blutspenden lässt sich so ganz einfach in ihren Arbeitsalltag als Grafikdesignerin integrieren. Außerdem bekommt sie so auch automatisch ein kleines Gesundheits-Update. Denn vor jeder Spende werden Blutdruck, Körpertemperatur, Puls und der Hämoglobinwert überprüft. Ab und zu nutzt sie auch den Service des BRK für einen kostenlosen Gesundheitscheck. Bei dem werden mit ihrer Spende auch Cholesterin-, Leber- und Nierenwerte analysiert. 

Prima Lage: Das Blutspende-Center des BRK befindet sich in einem Einkaufszentrum in der City – perfekt, um eine Spende mit einem Shoppingtrip zu verbinden

Angst vor dem Piks hat sie nicht. »Ich höre währenddessen immer einen Podcast. Das lenkt mich super ab«, verrät sie. Nach maximal zehn Minuten ist der Blutbeutel mit den obligatorischen 500 Millilitern voll. Länger darf das Blut nämlich nicht abgenommen werden. »Sonst steigt die Gefahr, dass es außerhalb des Körpers verklumpt«, erklärt Silvia Priesett, die an diesem Tag als Teamleiterin Mobile Blutspende die freiwilligen Spenderinnen und Spender ehrenamtlich betreut. Damit wäre das Blut unbrauchbar. Außerdem dürfe man nie mehr als den halben Liter abnehmen. Andernfalls könne der Körper den höheren Blutverlust nicht so schnell kompensieren, und man riskiere einen Kreislaufkollaps.

Während Kleinert sich nach ihrem Piks erholt und genüsslich in eine Breze beißt, packt Ärztin Beckmann den Blutbeutel in eine der Kühlboxen. Die Spenden des Tages werden im Lager gesammelt und am Abend mit dem Auto abtransportiert. Dafür fahren Kurierdienste die Blutbeutel quer durch Bayern. Ihr Ziel: Wiesentheid bei Würzburg.  

Alles stabil: Vor der Spende prüft ein Arzt Kleinerts Vitalwerte wie Blutdruck, Puls und Körpertemperatur
Lässig auf der Liege: Als erfahrene Spenderin kann Kleinert nach dem Piks entspannen und hört am liebsten einen Podcast
Abgefüllt: Nach rund zehn Minuten ist der Blutbeutel mit den 500 Millilitern voll und bereit für den Abtransport
Echt cool: Die Vollblutspenden lagern im Kühlschrank, bis sie ins Produktions- und Logistikzentrum abtransportiert werden

2. Etappe: Einmal durchdrehen, bitte!

Hier im Produktions- und Logistikzentrum des BRK-Blutspendedienstes trifft mitten in der Nacht das Blut des ganzen Freistaates ein. Nacht für Nacht sind das rund 2000 Beutel. Um sechs Uhr morgens beginnen die 70 Mitarbeitenden ihre Arbeit: Denn bevor das kostbare Gut die Empfänger:innen erreicht, muss es geprüft und verarbeitet werden. 

Zuerst werden noch einmal die exakte Blutgruppe sowie der Rhesusfaktor bestimmt. Parallel  suchen die Mitarbeitenden potenzielle Krankheitserreger. Mithilfe von PCR-Verfahren fahnden sie direkt nach der DNA oder RNA von Erregern wie HIV, Syphilis oder Hepatitis A bis E. »Wir können so Infektionen schon in einem frühen Stadium erkennen«, erklärt Burkhart, »also lange bevor der Körper der Spenderin oder des Spenders überhaupt Antikörper gebildet hat.« Diese Qualitätskontrolle ist streng, aber erfolgreich: Weniger als fünf Prozent der Spenden müssen aussortiert werden.

Danach geht es an das Herzstück der Produktion: die Aufteilung des Blutes in seine wertvollen Einzelteile. Denn reines Vollblut wird in der modernen Medizin kaum noch als Ganzes verabreicht. »Noch bis Ende der 1940er-Jahre hat man Blut direkt von der spendenden zur empfangenden Person übertragen«, weiß Burkhart. In den Fünfzigerjahren sei dann Blut zum ersten Mal in Flaschen abgefüllt worden. Ab 1975 schließlich in Beutel. Jede Patient:in bekam das Blut nach kurzer Prüfung so, wie es dem Spender entnommen wurde. Erst ab Anfang der Achtzigerjahre wurde es in seine Komponenten zerlegt. Um Ressourcen zu schonen und, wie Burkhart betont, »um mit einer einzigen Spende gleich drei Menschen zu helfen.« 

Gut abgehangen: Im sogenannten Paternoster werden die Leukozyten (weiße Blutkörperchen) herausgefiltert, damit keine Immunreaktionen bei den Empfänger:innen entstehen

Dafür wandern die Beutel in eine Batterie von 18 computergesteuerten Großzentrifugen, in Wiesentheid liebevoll »Salatschleudern« genannt. Bei rund 4000 Umdrehungen pro Minute trennen sich die Bestandteile aufgrund ihrer unterschiedlichen Dichte exakt auf. Es entsteht ein therapeutisches Dreigespann: Erythrozyten, Plasma und Thrombozyten. 

Erstere, auch rote Blutkörperchen genannt, werden dann bei kühlen 2°C bis 6°C gelagert und sind maximal 42 Tage haltbar. Das Blutplasma dagegen wird bei -30°C bis -40°C schockgefroren und bleibt so bis zu drei Jahre lang einsatzbereit. Die Thrombozyten sind für die Blutgerinnung unverzichtbar. Diese Blutplättchen müssen bei konstanten 22°C gelagert und permanent in Bewegung gehalten werden, damit sie nicht verklumpen. Ihre Haltbarkeit ist extrem kurz: Nach gerade einmal vier Tagen läuft ihre Uhr ab. Burkhart nennt sie deswegen auch scherzhaft »unsere kleinen Sensibelchen«.

Lange Zeit bleiben alle drei Blutprodukte nicht in Wiesentheid: Kuriere transportieren die meisten Präparate innerhalb von nur drei bis vier Tagen an Kliniken und andere Standorte des DRK weiter. Nur ein kleiner Teil lagert für Notfälle vor Ort.

Tasche über Theke: In Kühlboxen werden die Blutspenden noch am selben Tag ins Labor gefahren
Treppe runter, Motor an: Ein Fahrer des BRK trägt die Blutspenden in seinen Lieferwagen
Flinke Flotte: Beim BRK sind inklusive der Blutspendemobile 100 Fahrzeuge im Einsatz, die täglich Spenden ins Labor transportieren
Hüter des roten Schatzes: Andreas Humpe leitet das immunhämatologische Labor und Blutdepot der LMU-Kliniken in München

3. Etappe: Und noch ein Härtetest

Weiter geht es zurück nach München. Unter den vielen Krankenhäusern der Republik zählen die Kliniken der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) zu den größten medizinischen Maximalversorgern Europas. Jährlich betreuen hier rund 11.000 Mitarbeitende über 100.000 Patientinnen und Patienten. Kein Wunder, dass der Bedarf an Blutspenden besonders hoch ist. Pro Jahr werden fast 30.000 Erythrozytenkonzentrate, rund 8000 Thrombozytenpräparate und bis zu 12.000 Plasmaeinheiten transfundiert. Dafür betreibt die Klinik am Campus Großhadern ein eigenes immunhämatologisches Labor und Blutdepot. Bei hellem Neonlicht prüfen rund 30 Spezialist:innen noch einmal jede flüssige Lebensversicherung, die ins Haus kommt.

»Damit wollen wir wirklich alle Fehler ausschließen«, erklärt der Direktor der Abteilung für Transfusionsmedizin, Andreas Humpe. Zum Beispiel führt sein Team jährlich rund 70.000 Kreuzproben durch. Erst wenn im Reagenzglas bewiesen ist, dass sich Spender- und Patientenblut vertragen, wird die Konserve freigegeben. »Außerdem lagern im Depot permanent rund 950 Konserven, sortiert nach Blutgruppen«, sagt Humpe. »So sind wir für Krisen oder Großschadenslagen gewappnet.« Das Klinikum könnte damit zwei Tage komplett autark überstehen.

Im kühlen Keller: 30 Spezialist:innen arbeiten im Untergeschoss der Klinik, um die über 100.000 Patient:innen im Jahr mit rund 50.000 Blutpräparaten zu versorgen

Besonders die Blutgruppe Null ist im Hause als Universal-Joker gefragt – für den Einsatz in der Notaufnahme. »Bei Schwerverletzten bleibt keine Zeit für eine Blutgruppenbestimmung. Da substituieren wir immer mit Null«, erklärt Humpe. Sie ist die einzige Blutgruppe, die bedenkenlos jedem Menschen gegeben werden kann, ohne eine Abwehrreaktion zu befürchten. Somit benötigt das Klinikum rund sieben Prozent mehr Null-Konserven, als es der normalen Verteilung in der Bevölkerung entspricht. Bedeutet: Rund 2000 Konserven extra müssen über externe Spendedienste wie das BRK beschafft werden. Spenderin Kleinert ist demnach mit ihrer Blutgruppe Null herzlich willkommen. 

Ein weiterer Teil der vorrätigen Konserven wird für Organtransplantationen gebraucht. Das Klinikum gehört zu den 43 Transplantationszentren in Deutschland. Jährlich werden hier 240 Organe transplantiert. Der Blutbedarf schwankt allerdings bei diesen Operationen enorm. Nierentransplantationen kommen beispielsweise heutzutage oft ganz ohne Fremdblut aus. Dagegen können bei komplizierten Leber- oder Lungenoperationen bis zu 60 Blutkonserven für eine einzige Person erforderlich sein. 

Den Großteil der Blutpräparate benötigen allerdings chronisch kranke Patientinnen und Patienten, wie unsere letzte Etappe zeigt.

Gegenlicht-Check: Das gelbe Blutplättchenkonzentrat muss bei 22°C gelagert werden und darf nicht klumpen
Universal-Joker: In der Notaufnahme ist die Blutgruppe 0 gefragt. Sie lässt sich in allen Fällen bedenkenlos transfundieren
Doppelt gemoppelt: Um Fehler auszuschließen, werden selbst gelieferte Blutpräparate noch mal durch Kreuzproben geprüft

4. Etappe: Stille Lebensretter

Leises Gemurmel erfüllt den lichtdurchfluteten Raum der onkologischen Tagesklinik am LMU-Klinikum. Patientinnen und Patienten kommen in bequemen Sesseln zur Ruhe. Das regelmäßige, sanfte Ticken der Infusionspumpen gibt den Rhythmus vor. Hier schlägt das wahre Herz für Bluttransfusionen – im ruhigen Alltag der Krebsheilkunde. Neben moderner Systemtherapie zählen hierzu vor allem die klassische Chemotherapie und moderne Immuntherapien. Denn anders als viele glauben, wird der größte Teil der Blutspenden nach DRK-Zahlen in der Hämatologie und internistischen Onkologie gebraucht (19 Prozent). Der Anteil der Notaufnahmen liegt bei zwölf Prozent. 

»An normalen Tagen betreuen wir circa 50 Patientinnen und Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen«, erklärt Julian Holch, der seit 14 Jahren an der Klinik als Onkologe arbeitet. Die Häufigkeit der benötigten Infusionen variiert dabei stark: von ein paar Monaten bis zu extremen Fällen chronischer Anämie, bei denen Patient:innen wöchentlich auf neues Blut angewiesen sind. Besonders oft brauchen die flüssige Unterstützung hier Menschen mit Bluterkrankungen. 

Die Transfusion ähnelt im Vergleich zur schnellen Blutspende einem gemächlichen Ritual: Zunächst wird nur ein Teil des gespendeten Blutes verabreicht, um eine gute Verträglichkeit sicherzustellen. Während der Transfusion, die rund eine Stunde dauert, wird die Patient:in vom Pflegepersonal im Hinblick auf Puls, Blutdruck und Temperatur engmaschig überwacht. Inklusive der administrativen Aufnahme und der obligatorischen Nachbeobachtungszeit verbringen die Patientinnen und Patienten oft mehrere Stunden auf der Station. Und obwohl alle hier die Last einer schweren Krankheit tragen, herrscht auf den Gängen eine spürbare Zuversicht. Am Ende ist es genau dieses Zusammenspiel aus einfühlsamer Pflege, moderner Medizin und den überlebenswichtigen Blutspenden, das den Patientinnen und Patienten im Alltag ein großes Stück Lebensqualität zurückgibt. 

Blutspende: Wofür wird sie benötigt?

Da geht’s hin: Die häufigsten Einsatzbereiche von Blutspenden in Deutschland. Primär sind das Krebserkrankungen, gefolgt von Magen-, Darm- und Herzkrankheiten

Text Sonja Hoogendoorn
Fotos Oliver Fiegel

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