21.05.2026

Sicher zurück nach Hause

Wenn der Traumurlaub plötzlich zum medizinischen Notfall wird, zählt schnelle Hilfe. Flug- und Notärztin Julia Greipel erklärt, wie medizinische Rücktransporte organisiert werden – und worauf es im Ernstfall ankommt.

Zur Person

Julia Greipel ist seit 2011 für Allianz Partners tätig und betreut weltweit medizinische Rücktransporte sowie Notfälle im Ausland. Parallel arbeitet sie als klinische Akut- und Notfallmedizinerin in den Notaufnahmen der München Kliniken. Die Fachärztin für Unfallchirurgie und Orthopädie verbindet medizinische Expertise mit internationaler Erfahrung und sorgt dafür, dass Patientinnen und Patienten sicher nach Hause kommen.

Ein Moment kann alles verändern: Der lang geplante Traumurlaub kippt plötzlich in eine Ausnahmesituation. Ein medizinischer Notfall im Ausland bringt nicht nur gesundheitliche Sorgen mit sich, sondern auch Unsicherheit: Wohin wende ich mich? Wer kann mir helfen? »Wenn so etwas im Ausland passiert, ist das für viele eine absolute Ausnahmesituation«, sagt Julia Greipel, Flug und Notärztin bei Allianz Partners. »Man kennt das Gesundheitssystem vor Ort nicht, spricht vielleicht die Sprache nicht und die Familie ist weit weg.«

Dieses Bedürfnis nach Sicherheit bei Auslandsreisen wächst und spiegelt sich auch in Zahlen des Allianz Partners International Travel Confidence Index 2025 wider: 54 Prozent der Reisewilligen haben bereits eine Reiseversicherung abgeschlossen oder planen dies fest ein. 88 Prozent fühlen sich dadurch sicherer – schon bevor die Reise beginnt.

Greipel kennt diese Situationen und die damit verbundene Unsicherheit. Seit 2011 betreut sie für Allianz Partners medizinische Rücktransporte und steht Menschen in Notfällen zur Seite. Dabei trifft sie auf Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen: »Du hast die ganze Welt vor dir mit unterschiedlichen Gesundheitssystemen und Umständen. Ob Kreuzfahrt oder Fernreise – wenn etwas passiert, stehen viele vor denselben Herausforderungen: Sie brauchen Hilfe.«

Wenn der Notruf eingeht

Häufig beginnt alles mit einem Anruf. Vor kurzem meldete sich eine Frau: Ihr Ehemann hatte während einer Kreuzfahrt in Asien plötzlich einen Krampfanfall erlitten. Er wurde von Bord in ein Krankenhaus gebracht, auf der Intensivstation behandelt und beatmet.

Hinter jedem Notruf steht ein klar geregelter Ablauf: Zunächst landet der Fall in einer internationalen Notrufzentrale und wird an das zuständige Team weitergeleitet – für den deutschsprachigen Raum nach München. Dort nehmen Assisteur:innen die Erstinformationen auf und prüfen die Rahmenbedingungen.

Dann folgt die medizinische Einschätzung: »Wir sprechen direkt mit der Patientin oder dem Patienten, mit Angehörigen und vor allem mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten vor Ort«, erklärt Greipel. »Wir prüfen: Wie ist der Zustand? Wie ist die Versorgung im Land? Was ist der beste nächste Schritt?« Genau hier wird es komplex, denn es gibt keine Standardlösung.

»Es hängt immer davon ab, wo sich die Person befindet, wie schwer sie erkrankt ist und welche Infrastruktur es vor Ort gibt«, sagt Greipel. Während ein Krankenhaus in Tokio hochmodern ausgestattet ist, kann die Versorgung auf einer abgelegenen griechischen Insel ganz anders aussehen. Hinzu kommen kulturelle Unterschiede, Sprachbarrieren oder organisatorische Herausforderungen. »Manchmal schicken wir sogar jemanden vor Ort, um sich selbst ein Bild zu machen«, berichtet sie. »Ich war selbst vergangene Woche in Tokio, habe dort im Krankenhaus übersetzt, mit der Familie gesprochen und den Patienten untersucht.«

Gut vorbereitet auf Reisen

Eine gute Vorbereitung kann im Notfall entscheidend sein. Diese Punkte sollten Reisende im Blick haben:

  • Gesundheit realistisch einschätzen: Passt das Reiseziel zur eigenen körperlichen Verfassung? Wer z. B. Atemprobleme hat, sollte keine Reise in große Höhen planen. Auch abgelegene Regionen können schwierig sein, wenn regelmäßige ärztliche Versorgung nötig ist.
  • Ausreichend Medikamente einpacken: Wichtige Medikamente sollten in ausreichender Menge mitgeführt werden – auch für den Fall, dass sich die Rückreise verzögert.
  • Unterlagen bereithalten: Aktuelle Arztberichte oder Diagnosen am besten digital sichern (z.B. als Foto im Handy). Das hilft Ärztinnen und Ärzten vor Ort und beschleunigt Entscheidungen.
  • Versicherung und Notfallkontakte griffbereit haben:Versicherungsnummer, Notrufnummern und wichtige Kontaktpersonen sollten jederzeit leicht zugänglich sein.

Erreichbar bleiben: Ein funktionierendes Handy ist zentral, um Hilfe zu organisieren – idealerweise mit aktivierter internationaler Nutzung oder lokaler SIM-Karte.

Die Entscheidung: Rücktransport – ja oder nein?

Hierbei geht es um die zentrale Frage: Ist ein Rücktransport medizinisch sinnvoll und notwendig? Diese Entscheidung trifft nie eine einzelne Person. Komplexe Fälle werden täglich im Team mit 13 Ärztinnen und Ärzten besprochen. Gemeinsam analysieren sie die Situation, wägen Risiken ab und planen das weitere Vorgehen. Dabei geht es nicht nur um medizinische Faktoren, sondern auch um Sicherheit, Machbarkeit und vor allem Timing. 

Ist die Entscheidung für einen Rücktransport gefallen, beginnt die organisatorische Umsetzung. Die passende Transportform muss gewählt werden, die medizinische Begleitung eingeplant und alle Beteiligten miteinander koordiniert werden. Dazu gehört auch die Abstimmung mit der Fluggesellschaft ebenso wie die enge Kommunikation mit den behandelnden Kliniken vor Ort und in Deutschland. 

Im Fall des Urlaubers mit dem Krampfanfall stabilisierte sich sein Zustand mit der Zeit, sodass ein aufwendiger Ambulanzflug nicht mehr notwendig war. Stattdessen plante das Team einen Rücktransport mit einem Linienflug plus zusätzlicher Sauerstoffversorgung. »Wenn jemand per Linienflug transportiert wird, melden wir die Patientin oder den Patienten vorher bei der Airline an, klären alle medizinischen Details und begleiten sie oder ihn über den gesamten Flug«, sagt Greipel. »Auf Langstreckenflügen wie in diesem Fall aus Asien sind das zwölf bis 14 Stunden.«

Am Zielflughafen geht es nahtlos weiter: Der Transport per Krankenwagen, die Aufnahme in eine geeignete Klinik sowie die Übergabe an die behandelnden Ärztinnen und Ärzte werden ebenfalls organisiert. Für den Patienten aus Tokio bedeutete das: Nach dem langen Rückflug wurde er direkt weiter in ein deutsches Krankenhaus gebracht, wo die Behandlung fortgesetzt werden konnte – in vertrauter Umgebung und in der Nähe seiner Familie. 

Neben aller Organisation bleibt ein Faktor für die Unfallchirurgin zentral: das menschliche Feingefühl. Ein medizinischer Notfall im Ausland bedeutet nicht nur körperliche Belastung, sondern auch enorme emotionale Anspannung – nicht nur für die Erkrankten. »Für Angehörige ist die Situation oft noch belastender als für die Patientinnen und Patienten selbst«, sagt Greipel. »Sie haben das Gefühl, sie müssen etwas tun – wissen aber nicht wie.«

Genau hier setzt die Arbeit des Teams an: strukturieren, koordinieren, erklären und Halt geben. Schritt für Schritt entsteht so Orientierung in einer Situation, die für viele zunächst unübersichtlich und belastend ist.

Denn am Ende zählt in ihrem Job vor allem eines: »Wir müssen in chaotischen Situationen Struktur schaffen und den Menschen das Gefühl geben: Ihr seid nicht allein.«

Text Darien Uch
Bilder iStock/Wirestock; privat

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