
»Richtig vorsorgen«
3,7 Millionen Menschen in Deutschland sind ihre eigenen Chefs und Chefinnen. Was aber, wenn Aufträge ausbleiben oder Krankheit das selbst aufgebaute Business lähmt? In unserer Mini-Serie »Sicher selbstständig« erzählen drei Selbstständige, wie sie Freiheit und Absicherung unter einen Hut bringen.
Zur Person

Name: Can Tuncer
Jahrgang: 1987
Wohnort: München
Beruf: selbstständiger Wein- und Champagnerberater seit 2025
Mein Motto: »Keine Angst vor Veränderung!«
Nach über 16 Jahren verließ Can Tuncer seinen Top-Job für die Selbstständigkeit. Uns hat der Weinberater erzählt, welche Freiheiten er genießt, welche Lektionen er gelernt hat und wie er sich absichert.
»Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich das erste Mal Champagner getrunken habe: Ich bin in Kirchheim aufgewachsen, einem 14.000-Einwohner-Dorf bei München. Dort trinken alle nur Bier. Mir hat das noch nie geschmeckt, aber ich habe mich als Jugendlicher nie getraut, etwas zu sagen, weil ich dazugehören wollte. Als ich dann bei der Geburtstagsfeier eines Freundes losgeschickt wurde, um Biernachschub zu holen, kam ich mit einer Flasche Champagner zurück. Das Bier war aus. Ich wusste damals überhaupt nicht, was Champagner ist, aber der erste Schluck hat mich direkt umgehauen. Sobald ich mein erstes Auto hatte – einen Fiat Panda – , bin ich dann damit in die Champagne gefahren. Gute Weine haben mich seitdem nie mehr losgelassen. Sie sind mein größtes Hobby und glücklicherweise auch mein Beruf.
»Teilweise konnte ich mich gar nicht mehr zur Arbeit motivieren.«
Can Tuncer, selbständiger Wein- und Champagnerberater
Der Weg in meine heutige Selbstständigkeit war dabei alles andere als einfach. Ich bin ein Sicherheitsmensch und komme aus einer Arbeiterfamilie. Klare Strukturen, an die man sich hält, waren mir immer wichtig – ich kannte es schlicht nicht anders. In der Schule und später in meinem Job als Angestellter bei einem führenden Schaumweinhersteller, für den ich 16 Jahre lang tätig war. Dort hatte ich eine gute Position, ein gutes Gehalt, durfte viel reisen und habe mit den besten Winzern der Welt zusammengearbeitet.
Trotzdem wuchs in mir im Laufe der Zeit ein Gefühl der Unzufriedenheit. Teilweise konnte ich mich gar nicht mehr zur Arbeit motivieren. Die Branche ist hart, die Konkurrenz ist groß, und es ging immer nur um Zahlen – nicht um das Produkt, und schon gar nicht um die Menschen dahinter. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss und habe mich als Weinberater selbstständig gemacht. Heute unterstütze ich ausgewählte Winzer dabei, ihre Produkte auf dem deutschen Markt zu platzieren – vom Vertriebskonzept über die Marketingstrategie bis hin zur Skalierung ihres Gastronomieportfolios.
»Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich das auch durch.«
Dass ich meinen sicheren Job gekündigt habe, hat alle überrascht. Meine Kolleginnen und Kollegen, mein Freundeskreis und auch meine Familie sind aus allen Wolken gefallen. Aber wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich das auch durch.
Der Anfang meiner Selbstständigkeit war hart, nicht nur, weil meine Entscheidung bei allen auf Unverständnis gestoßen ist. Wie schwierig es sein kann, wenn man nicht mehr in der Komfortzone eines sicheren, gut bezahlten und bequemen Jobs ist, habe ich erst später gemerkt. Ich hatte mir zwar über die Jahre gute Kontakte zu Winzerinnen und Winzern aufgebaut. Aber wenn man nicht mehr den Namen einer bekannten Marke im Rücken hat, ist das Interesse bei manchen schnell weg.
»Die Menschen stehen bei mir heute endlich im Mittelpunkt.«
Heute bin ich für meine Kundinnen und Kunden viel mehr als ein Verkäufer. Mir geht es darum, genau zuzuhören, was sie brauchen. Und dann gemeinsam zu überlegen, wie wir ihre Produkte am besten auf den Markt bringen. Ich möchte für jeden die individuell beste Lösung finden. Daher auch der Name meiner Firma: Fine Wine Solutions. Das Menschliche war mir schon immer das Wichtigste im Job, und die Menschen stehen bei mir heute endlich im Mittelpunkt.
Ich liebe die Freiheiten, die ich als Selbstständiger habe. Mein Büro ist voller Post-its mit Plänen und Ideen. Manchmal fühle ich mich, als könnte ich die Welt erobern. Ich kann mich zum Beispiel entscheiden, auch unkonventionelle Projekte zu unterstützen. Zum Beispiel einen jungen, deutschen Winzer, der den traditionell italienischen Barolo in der Pfalz produziert und dafür oft belächelt wird. Aber ich finde seine Geschichte so stark, dass ich ihn gerne unterstütze. So ist das als Selbstständiger: Türen, die dir früher offen standen, sind plötzlich zu. Und neue Türen gehen auf. Genau dieses Abenteuer und das Gefühl, dass ich alles frei entscheiden kann, genieße ich am meisten.
»Plötzlich für alles alleine verantwortlich zu sein, ist hart.«
Natürlich gibt es auch Schattenseiten. Plötzlich für alles alleine verantwortlich zu sein, ist hart. Früher hat sich die Firma um alles gekümmert. Heute stehe ich zum Beispiel selbst an der Tankstelle und bezahle meinen Sprit. Es gibt keine Spesen mehr und auch keine bezahlten Meetings. Als Selbstständiger bin ich Vertriebler, Kundenmanager, Social-Media-Manager und Buchhalter in einer Person. Und es gibt viele Tage, an denen ich keine Rechnung schreiben kann, aber trotzdem meine eigenen Rechnungen bezahlen muss.
Meistens merke ich gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht, wenn ich bis spätabends arbeite und meine Frau wieder einmal an die Tür klopft. Grenzen zu setzen und irgendwann mal Feierabend zu machen, muss ich noch lernen.
»Selbst wenn man Pläne macht, heißt das nicht, dass immer alles nach Plan läuft.«
Geschafft habe ich das alles nur durch mein gutes Netzwerk und die Unterstützung meines Umfelds. Außerdem musste ich lernen, wie wichtig es ist, als Selbstständiger einen guten Versicherungsberater zu haben – und zwar auf die harte Tour: Bei einer Mietstreitigkeit bei einer meiner Immobilien hat meine Rechtsschutzversicherung, die ich online und ohne Beratung abgeschlossen hatte, nicht gegriffen und ich bin auf den Anwaltskosten sitzen geblieben. Dadurch habe ich mein finanzielles Polster, das für schlechte Zeiten gedacht war, aufgebraucht. Das hat mich gelehrt: Selbst wenn man Pläne macht, heißt das nicht, dass immer alles nach Plan läuft. Es kann immer etwas Unerwartetes passieren.
»Beim Thema Altersvorsorge bin ich der aktive Typ.«
Seit diesem Vorfall habe ich keine Versicherung mehr über das Internet abgeschlossen, sondern vertraue auf einen guten Freund, der Versicherungsberater ist. Genauso wichtig wie die menschliche Beratung ist mir die Leistung, die ich für mein Geld bekomme.
Auch beim Thema Altersvorsorge bin ich der aktive Typ. Ich möchte selbst entscheiden, wo ich mein Geld investiere und habe verschiedene Anlageprodukte, in die ich monatlich einzahle, sowie zwei Immobilien. Mein Rat für alle Selbstständigen und solche, die mit dem Gedanken spielen, ist: Kümmert euch selbst rechtzeitig um eure Vorsorge.
Solange es weiter so gut läuft und auch meine Frau und meine kleine Tochter zufrieden sind mit der Situation, habe ich keinerlei Interesse, wieder in ein Angestelltendasein zurückzukehren. Dafür bin ich zu glücklich mit meinem neuen Arbeitsalltag, wobei der Begriff Alltag eigentlich gar nicht passt. Denn jeder Tag ist ein Abenteuer. Meine Freunde freuen sich immer über neue Geschichten darüber, wen ich bei meiner Arbeit so alles kennenlerne – von Norah Jones, die ihren eigenen Wein macht, bis hin zu Emmanuel Macron, dem ich einmal auf einer Weinmesse in Paris Champagner einschenken durfte.
Für die Zukunft hoffe ich, dass ich mir diese Energie für mein Business erhalten und weiter die fröhliche und freigeistige Person sein kann, als die mich mein Umfeld schätzt. Und natürlich, dass die Menschen weiterhin gerne guten Wein trinken. Denn letztlich sind das auch die Momente, an denen wir zusammenkommen und gute Gespräche und eine tolle gemeinsame Zeit haben.«
Auf einen Blick
Die wichtigsten Versicherungen für Selbstständige und Freiberufler:innen
Welche Versicherungen sind für Selbstständige und Freiberufliche Pflicht?
- In Deutschland ist der Abschluss einer Krankenversicherung gesetzlich vorgeschrieben. Diese Versicherungspflicht betrifft auch Selbstständige und Freiberufler:innen. Sie können sich entweder freiwillig bei einer gesetzlichen Krankenversicherung anmelden oder privat absichern.
- Je nach Beruf können zudem weitere Versicherungen verpflichtend sein. Häufig regeln das Kammern oder Berufsordnungen, beispielsweise bei Ärztinnen und Ärzten, Rechtsanwält:innen oder Architekt:innen. Welche zusätzlichen Policen sinnvoll sind, hängt vom Risiko der jeweiligen Tätigkeit ab.
- Folgende Versicherungen sichern Sie gegen gewerbliche Risiken ab:
- Berufshaftpflichtversicherung
- Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung (für beratende Tätigkeiten)
- Firmen-Rechtsschutzversicherung
- Zusätzlich können sich Freelancer:innen und Selbstständige mit diesen Versicherungen vor privaten Risiken schützen:
- Private Krankenversicherung (falls keine Versicherungspflicht, z. B. in der KSK besteht)
- Berufsunfähigkeitsversicherung
- Private Altersvorsorge
Durch die Reform der privaten Altersvorsorge erhalten Selbstständige und Freiberufler ab dem 1. Januar 2027 außerdem auch Zugang zur neuen Form der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge.
Protokoll Katharina Köck
Fotos Sebastian Krawczyk







