06.05.2026

»Cortisol ist kein Gift, sondern ein lebenswichtiges Hormon«

Was steckt hinter dem Trend »Cortisol-Detox« und lässt sich unser Körper überhaupt von Stress »entgiften«? Ein Gespräch mit dem Neurowissenschaftler und Arzt Volker Busch über Stress, Hormone und verbreitete Irrtümer dazu.

Zur Person

Dr. Volker Busch ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie einer der renommiertesten Experten für Stress, mentale Gesundheit und Gehirnforschung im deutschsprachigen Raum. Er arbeitet als Wissenschaftler an der Universität Regensburg und verbindet in seiner Arbeit fundierte neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit alltagsnaher Vermittlung.

Als Bestsellerautor und gefragter Keynote-Speaker beschäftigt er sich intensiv mit der Frage, wie Menschen in einer zunehmend komplexen und beschleunigten Welt gesund und leistungsfähig bleiben können.

Sein aktuelles Buch »Gute Nacht, Gehirn« ist ein praxisnaher Leitfaden, um Gedanken zu ordnen, Stress abzubauen und besser zur Ruhe zu kommen.

In seinem Podcast »Gehirn gehört« gibt Dr. Volker Busch regelmäßig Einblicke in aktuelle Forschung rund um Gehirn, Stress und mentale Gesundheit – verständlich erklärt und mit konkreten Impulsen für den Alltag.

Was ist Cortisol?
Cortisol ist ein lebenswichtiges Hormon, das in der Nebennierenrinde gebildet wird. Es gehört zu den sogenannten Stresshormonen, ist aber keineswegs schädlich – im Gegenteil: Cortisol reguliert zentrale Prozesse im Körper und folgt dem natürlichen Tagesrhythmus: m
orgens hoch (für Energie und Wachheit) und abends niedrig (für Erholung und Schlaf).

Seine wichtigsten Funktionen:

  • Aktiviert die Energiebereitstellung (z. B. Glukose im Blut)
  • Unterstützt das Immunsystem
  • Fördert Konzentration und Gedächtnis
  • Hilft dem Körper, auf Belastungen und Stress zu reagieren

Aktuell trendet in sozialen Medien das Schlagwort »Cortisol-Detox«. Viele Menschen glauben, sie könnten ihren Körper gezielt von Stresshormonen »entgiften«. Wie bewerten Sie diesen Hype?
Dieses Thema treibt mich schon länger um. Der Begriff »Cortisol-Detox« basiert auf einer stark vereinfachten Vorstellung davon, wie unser Körper funktioniert. Cortisol ist kein Gift, sondern ein lebenswichtiges Hormon. Es erfüllt zentrale Funktionen. Ohne Cortisol könnten wir nicht überleben.

Warum sind solche vermeintlich schnellen Lösungen – wie Supplements oder angebliche Detox-Kuren – aus Ihrer Sicht so attraktiv für viele Menschen?
Das ist ein typisches Phänomen unserer Zeit: Viele Menschen erhoffen sich bei Stress und Erschöpfung schnelle und einfache Lösungen. Statt sich mit den oft komplexen Ursachen auseinanderzusetzen, greifen sie lieber zu vermeintlich wirksamen Mitteln – Tabletten, Pulver oder kurzfristigen Radikalmaßnahmen. Dahinter steht die Vorstellung, man könne durch das gezielte Senken eines einzelnen Hormons innerhalb kürzester Zeit wieder leistungsfähig oder sogar glücklich werden. Aus medizinischer Sicht ist das jedoch eine stark vereinfachte und häufig irreführende Annahme. 

»Cortisol ist kein Schadstoff. Es erfüllt zahlreiche lebenswichtige Aufgaben.«

Volker Busch, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie

Welche Funktion erfüllt Cortisol denn tatsächlich im Körper – und warum ist es so wichtig?
Um das einzuordnen, lohnt sich ein genauer Blick auf das Hormon, um das es dabei meist geht: Cortisol ist kein Schadstoff, sondern ein essenzielles Regulationshormon. Es erfüllt zahlreiche lebenswichtige Aufgaben: So unterstützt es beispielsweise das Immunsystem und hilft, Infektionen abzuwehren. Dass wir uns nicht bei jeder Begegnung mit einer erkälteten Person sofort anstecken, ist auch dem Cortisol zu verdanken. Gleichzeitig sorgt es dafür, dass dem Körper ausreichend Energie zur Verfügung steht – etwa in Form von Glukose im Blut –, wenn wir uns körperlich anstrengen, beispielsweise beim Sport. Ohne diese Funktion könnten unsere Muskeln nicht effektiv arbeiten.

Kann man merken, wenn Cortisol aus dem Gleichgewicht gerät?
Indirekt ja. Typisch sind Schlafstörungen, nächtliche Unruhe, Grübeln oder ein Gefühl von innerem Getriebensein. Konzentrationsprobleme oder Reizbarkeit können Hinweise sein. Auch Rückenschmerzen, Reizdarmsyndrom und Wundheilungsstörungen können auftreten. Jeder Mensch drückt das auf körperlicher Ebene anders aus. 

Wann wird Cortisol problematisch?
Problematisch wird Cortisol bei dauerhaft erhöhten Spiegeln, etwa durch chronischen Stress. Dann kann es negative Effekte auf Stoffwechsel, Schlaf und Herz-Kreislauf-System haben. Wichtig: Cortisol ist dabei nicht die Ursache, sondern die Folge von Stress – und Teil der körperlichen Anpassung.

Jetzt kommt dieser Trend ja aus den sozialen Medien, die in unserer modernen Welt eine große Rolle spielen. Beeinflusst diese Lebensweise den Cortisolspiegel?
Nicht die Bildschirmzeit allein ist entscheidend, sondern vor allem die Inhalte und die Art, wie wir sie konsumieren. Soziale Medien können Stress verstärken – etwa durch ständige Vergleiche mit anderen, durch negative Nachrichten oder Inhalte, die emotional aufwühlen und uns gedanklich nicht mehr loslassen.

Hinzu kommt die hohe Geschwindigkeit, mit der Inhalte dort konsumiert werden: kurze Videos, schnelle Reizwechsel, permanente neue Impulse. Unser Gehirn hat kaum Zeit, das Gesehene zu verarbeiten oder einzuordnen. Dadurch entsteht ein Zustand dauerhafter Aktivierung – wir kommen innerlich nicht mehr richtig zur Ruhe.

Auch Multitasking verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Wer zwischen E-Mails, Nachrichten und verschiedenen Aufgaben hin- und herspringt, überfordert das Gehirn kognitiv. Das erzeugt Druck, Unruhe und letztlich Stress.

Kurz gesagt: Nicht das Smartphone an sich ist das Problem, sondern die Kombination aus emotional aufgeladenen Inhalten, hoher Geschwindigkeit und fehlenden Pausen – und genau das kann sich langfristig auch auf unser Stresssystem und damit auf den Cortisolhaushalt auswirken.

»Für das Stresssystem – und damit auch für die Ausschüttung von Cortisol – ist entscheidend, wie wir eine Situation subjektiv bewerten.«

Unser Stresssystem hat sich evolutionsbiologisch entwickelt, um uns in akuten Gefahrensituationen – etwa in der Steinzeit – das Überleben zu sichern. Kann unser Körper eigentlich unterscheiden, ob wir einer realen Bedrohung ausgesetzt sind oder »nur« Alltagsstress erleben?
Das ist eine sehr wichtige Frage – und tatsächlich können wir sie heute recht klar beantworten: Unser Körper kann nicht zuverlässig unterscheiden, ob es sich um eine reale, existenzielle Bedrohung handelt oder um eine Alltagssituation. Für das Stresssystem – und damit auch für die Ausschüttung von Cortisol – ist entscheidend, wie wir eine Situation subjektiv bewerten.

Können Sie das etwas genauer ausführen?
Ein bekanntes Zitat des Philosophen Epiktet bringt es gut auf den Punkt: Nicht die Dinge selbst, sondern unsere Vorstellungen von ihnen lösen Stressreaktionen aus. Das bedeutet: Ob wir zum Beispiel einen verpassten Bus als Katastrophe erleben oder gelassen damit umgehen, hängt nicht von der Situation selbst ab, sondern von unserer inneren Bewertung.

Biologisch betrachtet reagiert der Körper in beiden Fällen ähnlich: Er aktiviert das Stresssystem, als würde eine echte Gefahr bestehen. Unser Organismus unterscheidet nicht, ob wir vor einem wilden Tier fliehen oder versuchen, einen wichtigen Termin zu erreichen. Für den Körper ist zunächst beides eine Herausforderung, auf die er mit erhöhter Wachsamkeit und Energiebereitstellung reagiert.

Der entscheidende Unterschied entsteht also im Kopf. Wenn ein Ereignis für uns subjektiv eine große Bedeutung hat, etwa weil wir hohe Erwartungen oder starke emotionale Verknüpfungen damit verbinden, wird es auch als entsprechend belastend erlebt. Genau hier liegt jedoch auch ein wichtiger Ansatzpunkt: Wir können unsere Bewertungen beeinflussen. Die damit verbundenen Reaktionen – wie Anspannung, Aufregung oder erhöhte Aktivierung – müssen nicht zwangsläufig negativ sein. Sie können ebenso als hilfreiche Energie verstanden werden, die uns unterstützt, fokussierter zu arbeiten, aufmerksam zu bleiben oder Herausforderungen zu bewältigen.

Welche Möglichkeiten haben wir konkret, um mit diesen Bewertungen bewusster umzugehen?
Zwar können wir viele äußere Umstände nicht kontrollieren – Dinge passieren, wie sie passieren. Aber wir haben die Möglichkeit, unsere Perspektive darauf zu verändern. Indem wir Situationen neu einordnen, relativieren oder bewusster annehmen, können wir ihre emotionale Wirkung reduzieren.

Ein gutes Beispiel ist eine Präsentation oder ein wichtiges Meeting: Viele Menschen erleben vorher starke Anspannung und interpretieren diese als etwas Negatives – als Zeichen von Überforderung oder Angst. Tatsächlich reagiert der Körper hier jedoch mit einer erhöhten Aktivierung: Das Herz schlägt schneller, die Aufmerksamkeit steigt, Energie wird bereitgestellt. Genau diese Reaktion kann man bewusst umdeuten – nicht als »Stress«, sondern als hilfreiche Vorbereitung auf eine Herausforderung.

»Wir können nicht verhindern, dass Stressauslöser im Alltag auftreten – aber wir können lernen, anders damit umzugehen.«

Das bedeutet auch, eigene Ansprüche und Erwartungen kritisch zu hinterfragen. Wer dauerhaft unter hohem Druck steht, profitiert oft davon, Perfektionismus zu reduzieren und den Fokus stärker auf Lebensqualität und Wohlbefinden zu legen.

Kurz gesagt: Wir können nicht verhindern, dass Stressauslöser im Alltag auftreten – aber wir können lernen, anders damit umzugehen. Und genau darin liegt ein zentraler Schlüssel zur Stressregulation.

Bedeutet das, wir sollten die Ursache, den Stress, und nicht das Symptom, einen erhöhten Cortisolspiegel, bekämpfen?
Richtig. Wichtige Maßnahmen sind: guter Schlaf, regelmäßige Bewegung, weniger Multitasking, feste Pausen im Alltag und bewusste Reflexion der eigenen Stressquellen. Besonders Bewegung hilft, Stresshormone schneller abzubauen.

Ihr wichtigster Rat?
Mein wichtigster Rat ist, den Mut zu haben, sich ehrlich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Wer dauerhaft gestresst ist, schlecht schläft oder sich emotional verändert, sollte diese Signale ernst nehmen und hinterfragen, was die eigentlichen Ursachen sind.

»Chronischer Stress lässt sich nicht in wenigen Minuten wegoptimieren.«

Dabei geht es nicht um tiefgehende Analyse, sondern um eine ehrliche Bestandsaufnahme: Was belastet mich aktuell – im Job, in Beziehungen oder durch eigene Ansprüche? Genau dieser Schritt erfordert Zeit, Geduld und vor allem Mut. Denn er kann auch bedeuten, unbequeme Erkenntnisse zuzulassen und Veränderungen anzustoßen.

Schnelle Lösungen, wie sie oft in sozialen Medien oder durch vermeintliche Wundermittel versprochen werden, greifen hier zu kurz. Chronischer Stress lässt sich nicht in wenigen Minuten wegoptimieren.

Nachhaltige Veränderung entsteht erst dann, wenn wir bereit sind, genauer hinzusehen und auch unbequeme Erkenntnisse anzunehmen. Statt nach schnellen Lösungen zu suchen, sollten wir den Blick nach innen richten – denn genau dort liegt der Schlüssel zu mehr Gesundheit und Ausgeglichenheit.

Interview Jennifer Hartl
Foto Volker Busch

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