Collage aus drei emotionalen Porträts von Menschen und ihren Haustieren: Links ein lächelndes Paar im Freien, wobei eine Siamkatze auf der Schulter des Mannes thront. In der Mitte der Blick aus einer Küche auf ein Pferd und eine Frau, die von draußen neugierig durch das Fenster schauen. Rechts eine Seniorin, die glücklich mit ihrem Hund auf einer rustikalen Holzbank neben einem Kachelofen sitzt.Collage aus drei emotionalen Porträts von Menschen und ihren Haustieren: Links ein lächelndes Paar im Freien, wobei eine Siamkatze auf der Schulter des Mannes thront. In der Mitte der Blick aus einer Küche auf ein Pferd und eine Frau, die von draußen neugierig durch das Fenster schauen. Rechts eine Seniorin, die glücklich mit ihrem Hund auf einer rustikalen Holzbank neben einem Kachelofen sitzt.

08.04.2026

Tierisch gut drauf

Mit dem Hund tanzen, der Katze wandern oder dem Pferd wohnen – wir porträtieren drei Menschen, die zu ihren Tieren eine ganz besondere Beziehung pflegen und dadurch viel glücklicher leben. 

Die mit dem Hund tanzt

Von Beruf Bankerin, auf der Bühne Waldfee: Barbara Feldbauer betreibt Dog Dancing auf Spitzenniveau. Wie sie mit Collie Winston komplexe Choreografien meistert und das Hobby ihr Leben bereichert.

Im Einklang: Barbara und ihr Winston sind auch abseits der Tanzfläche zwei fröhliche Energiebündel

Name: Barbara Feldbauer, Jahrgang 1962

Haustier: Winston (Border-Collie-Rüde), Jahrgang 2020 

Wohnort: Neudorf

Darum liebe ich Hunde: »Hunde geben mir diese unglaubliche Resonanz. Sie spüren sofort meine Emotionen, oft bevor ich es tue, und reagieren darauf. Sie spiegeln meine Fehler, aber auch meine Stärken.«

Wenn Barbara Feldbauer die Turnierfläche eines Dog Dancing-Wettbewerbs betritt, verwandelt sie sich. Aus der Vermögensberaterin wird eine Waldfee. In tannengrünem Kleid, einen Blumenkranz tief ins graue Haar gedrückt, tanzt die 64-Jährige mit ihrem Hund Winston. Ein Border Collie, braun-weißes Fell, der Blick wacher als ein doppelter Espresso. Sobald die Musik startet, tänzelt der quirlige Rüde um ihre Beine. Dreht sich im Kreis, macht Platz oder springt wie ein Flummi in die Luft.  

Was für Außenstehende wie spielerische Leichtigkeit und pure Intuition wirkt, ist in Wahrheit das Ergebnis jahrelanger Disziplin, akribischer Planung und einer tiefen emotionalen Verbindung. Barbara betreibt Dog Dancing auf Spitzenniveau – ein Sport, der für sie weit mehr ist als nur ein paar Kunststückchen zur Musik. »Für mich und den Hund bietet das Hobby viel Abwechslung«, erklärt die amtierende Deutsche Meisterin in der Disziplin »Heelwork to Music« und Vizemeisterin im »Freestyle«. Sei es körperliche Fitness, Taktgefühl, Kreativität, Spaß beim Ausprobieren neuer Elemente oder auch geistige Herausforderung durch die Choreografie.

Dabei endete ihr erster Versuch vor 14 Jahren in einer Sackgasse. Ihre damalige Sheltie-Hündin Daphne langweilte sich schnell. Die beiden probierten es mit der Hundesportart Agility. »Aber wenn wir den Parcours zweimal wiederholt hatten, hatte sie keine Lust mehr«, erinnert sich Barbara. Auf der Suche nach Auslastung entdeckte sie durch Zufall im Fernsehen das Dog Dancing. Barbara versuchte es in Eigenregie und Daphne machte freudig mit. Seit ihrem ersten Turnierstart im Jahr 2012 hat Feldbauer das Tanzfieber gepackt. 

Tanzeinlage vor der Scheune: Frauchen lebt mit Mann, Winston und weiteren Tieren auf einem alten Hof am Chiemsee

Heute trainiert sie täglich mit ihrem Hund Winston, dessen von der Züchterin vergebene Zwingername eigentlich »Wagging Tail of Silent Storm« ist. Zu deutsch: »Wedelnder Schwanz des stillen Sturms«. Mindestens eine Stunde geht es dafür auf den Dachstuhl der Scheune. Die gebürtige Wattenscheiderin lebt mit ihrem Mann auf einem alten Hof am Chiemsee. Neben Winston gehören zur Familie auch zwei weitere Hunde, fünf Katzen, ein Esel und ein Ziegenbock. Den Speicher hat sie zu einer Tanzfläche umgebaut. Dafür wurden viele Sachen zur Seite gerückt und ein grüner Teppichboden ausgerollt. Dort hinauf steigt sie selbst dann noch, wenn sie nach einem anstrengenden Tag im Büro lieber auf der Couch liegen würde. »Sobald ich sehe, wie sich Winston wedelnd über jeden Trick freut, bin ich wieder munter«, erzählt Barbara.

Hinter einer vierminütigen Kür steckt mindestens ein Jahr Training. Feldbauer ist Perfektionistin: Für jede Übungseinheit analysiert sie die körperliche Verfassung ihres Hundes und stimmt ihre Pläne darauf ab. Auch die Musik wählt sie mit Sorgfalt aus. Und nach ihrem Geschmack: »Immerhin muss ich mir das Stück 1000-mal anhören.« Barbara schmunzelt. Für den Auftritt als Waldfee hat sie sich die melodischen Klänge des Songs »Planetarium« aus dem Film »La La Land« ausgesucht.  

Trotz sportlichem Ehrgeiz hat das Wohl des Tieres oberste Priorität. »Wenn Winston eine Übung nicht versteht oder die Energie nicht passt, schmeiß ich meine Pläne über den Haufen«, sagt sie. So geschehen bei der EM-Qualifikation in Karlsruhe Ende 2025. Feldbauer wollte gerade auf die Tanzfläche, da schien sich der fünfjährige Rüde plötzlich unwohl zu fühlen. »Er schaute ängstlich und wollte nicht weitergehen«, erzählt sie. Also hat sie den Wettkampf abgeblasen. Kein Zwang, keine Strafe, keine große Enttäuschung. Die beiden spazierten dafür ausgiebig über das Gelände und hatten an dem Wochenende auch außerhalb des Rampenlichts ihre Freude.  

Denn Dog Dancing ist für beide in erster Linie ein mentaler Ausgleich. Sobald Mensch und Hund im Takt tanzen, verblassen für Barbara die Sorgen des Alltags. Auch Winston saugt diese Herausforderungen auf. Für den Collie heißt Tanzen vor allem eins: Spaß.

Der Sport bereichert Barbara weit über die intensive Zeit mit dem Tier hinaus. Sie trifft Gleichgesinnte aus aller Welt und erweitert stetig ihren Horizont. Seit sieben Jahren tanzt sie nicht mehr nur selbst um Titel, sondern bewertet als Richterin die Performance internationaler Teams. Diese Aufgabe führte sie bereits bis nach Japan.

Im Juni 2026 will das Duo zur Weltmeisterschaft nach Bologna reisen. Wenn die Musik losgeht, werden sie wieder verschmelzen. Sechs Beine im gleichen Rhythmus, ein subtiler Dialog aus Blicken und Bewegungen. Und wenn Winston an diesem Tag plötzlich wieder keine Lust hat? Dann wäre sie schon ein bisschen traurig, gesteht Barbara. Aber sie verspricht: »Natürlich wird die Waldfee in diesem Fall ihre Leckerlis wieder einpacken und mit ihrem Hund draußen über die echte Wiese springen.«

Die mit der Katze wandert

Katzen sind Einzelgänger? Von wegen. Suphattra Wadthaporn aus München spaziert mit Mieze Mula regelmäßig durch die Natur, vom Park bis in die Alpen. Seitdem hat sich ihr Leben enorm entschleunigt.

Im Katzenparadies: Mula mit ihrem Frauchen beim Wandern im Münchner Bavariapark, ihrem Lieblingsort

Name: Suphattra Wadthaporn, Jahrgang 1990

Haustier: Mula (Siamkatze), Jahrgang 2017

Wohnort: München

Darum liebe ich Katzen: »Ich mag den interessanten Charakter der Tiere. Dass sie als eigenständige Raubtiere trotzdem so gesellig und verschmust sein können.«

Der Eibsee leuchtet in unwirklichem Türkis, im Hintergrund thront majestätisch das Zugspitzmassiv. Überall zücken Touristen ihre Smartphones für das perfekte Bergpanorama made in Bavaria. Doch Mula hat für dieses Postkartenidyll keinen Blick übrig. Die neunjährige Siamkatze ignoriert die monumentale Kulisse – genau wie ihr Frauchen Suphattra Wadthaporn, die von allen nur Supi genannt wird. Für die beiden lauern die wahren Sensationen im kniehohen Gras.

Ein Grashüpfer schnellt in die Höhe. Mula springt. Die Pfoten rudern durch die Luft. Landung. Fehlversuch. Das Insekt hüpft weiter. Mula setzt nach. Ein Satz. Noch ein Satz. Sie visiert an. Zack! Erwischt. Kurz wird die zappelnde Beute verdutzt angestupst, am Ende aber verschmäht. Supi schmunzelt. »Früher wäre ich an dieser Wiese achtlos vorbeigegangen, den Blick stur auf den nächsten Gipfel gerichtet«, erklärt sie. 

Heute bleibt Supi stehen. Wer mit einer Katze wandert, lernt zwangsläufig, die Welt anders wahrzunehmen: winzige Blüten, das Knacken eines Astes oder die präzise Flugbahn eines Käfers rücken plötzlich in den Fokus – eine Welt aus kleinen Bewegungen und feinen Details, die Mula ihrer Begleiterin zeigt. Genau diese unscheinbaren Momente geben ihr Kraft. Denn für sie ist dieses tierisch gedrosselte Tempo der perfekte Ausgleich zur Großstadthektik. 

Auch auf Supis beruflichem Weg zur Psychotherapeutin im Heilpraktikerverfahren gewinnt genau diese Qualität an Bedeutung: präsent sein, ohne zu drängen, und Dinge wahrnehmen, ohne sie sofort zu bewerten. Gemeinsam bewegen sie sich durch die Natur – nicht, um anzukommen, sondern um den Moment zu genießen.

Die Idee zum Wandern mit Katze entsprang einem Gefühl der Enge. Als Supi für ihr BWL-Studium in die bayerische Landeshauptstadt zog, fand sie sich in einer Ein-Zimmer-Wohnung wieder. Ein Revier, das für ein neugieriges Tier wie eine Katze erschreckend reizarm ist. Mula, die sie von einem Züchter holte, sollte mehr vom Leben haben als vier Wände und einen Kratzbaum. »Mir war es wichtig, dass meine Katze wenigstens ein bisschen die Natur genießen kann«, sagt Supi. So kannte es die gebürtige Thailänderin aus ihrer eigenen Jugend in Ravensburg am Bodensee, wo die Hauskatzen frei durch die Gärten stromerten.

Einfach die Tür öffnen ging in München jedoch nicht. Da Mula weder sterilisiert noch gechippt ist, wäre ein Weglaufen in freier Wildbahn fatal. Den Weg in die Berge mussten sich die beiden deshalb mit viel Geduld erarbeiten. Supi baute Mulas Vertrauen in die Ausrüstung strategisch auf. Das Tragen des Katzengeschirrs übten sie wochenlang in der Wohnung, als Mula noch jung war. Nach rund einem Monat akzeptierte das Tier den Stoff wie eine zweite Haut. Zur Sicherheit verwebte Supi einen Apple AirTag in das Geschirr – sollte Mula doch einmal entwischen, lässt sie sich über das Smartphone genau orten. Als erste Teststrecke diente dann ein stillgelegter Friedhof in der Stadt. Das Gelände war ruhig und von einer hohen Mauer umringt: ein sicherer Übungsplatz für die ersten Schritte im Freien.

Kurze Pause im Park: Zum Verschnaufen hockt sich Mula gern auf die Schultern von Gonzalo, dem Partner von Frauchen Supi. Von dort oben hat die Katze den besten Ausblick
Streifzüge mit viel Katzen-Zen 
Unterwegs: Eindrücke von Supis und Mulas entspannten Wanderungen rund um den bayerischen Eibsee und durch den Münchner Bavariapark

Heute wandern die beiden oft stundenlang, meist begleitet von Supis Partner Gonzalo – obwohl sie mittlerweile eine viel größere Wohnung haben. Mula läuft weite Etappen selbst, klettert über dicke Wurzeln und balanciert über Baumstämme. Ist die Samtpfote erschöpft, fordert sie ihren mobilen Baumersatz ein: Sie hockt sich dafür auf die Schultern ihrer menschlichen Begleiter. Am liebsten auf die von Gonzalo, der mit 1,85 Metern Körpergröße einen besseren Aussichtspunkt bietet. Von dort oben thront Mula sicher über dem Geschehen, lässt sich durch den Wald tragen und beobachtet die vorbeiziehende Landschaft.

So idyllisch sind die Touren des Trios aber nicht immer. Manchmal muss sich Supi rechtfertigen. »Einige Passanten meinen, es sei nicht artgerecht, eine Katze in ein Geschirr zu zwängen«, erzählt sie. Solche Vorwürfe sieht sie gelassen: »Auch Hunde gehen an der Leine, ohne dass es jemanden stört. Ihre Orientierung am Menschen wird seit langem als selbstverständlich erachtet.« Supi hat keine Zweifel, dass sich auch Katzen am Menschen orientieren, nur subtiler.  »Viele Leute unterschätzen deswegen ihre Bindungsfähigkeiten.« Trotzdem ist ihr bewusst, dass ihr Setup nicht dem eines echten Freigängers entspricht. Doch sie ist zutiefst überzeugt, dass sie Mula durch die gemeinsamen Abenteuer ein deutlich reicheres Leben ermöglicht als nur in Wohnungshaltung.

Angst, dass Mula in Panik geraten und für immer verschwinden könnte, hat Supi nicht. Selbst als einmal unangeleinte Hunde die Katze jagten, kletterte Mula lediglich blitzschnell auf den nächsten Baum und wartete ab. »Wirklich weggerannt ist sie noch nie«, erklärt Supi. Das liegt wohl auch an der Zuchtlinie: Siamkatzen gelten als extrem menschenbezogen und weichen ihren Besitzern ungern von der Seite. Die Entscheidung für diese Rasse war aber vor allem eine Rückbesinnung auf ihre asiatischen Wurzeln, ein lebendiges Stück Heimat im manchmal tristen deutschen Alltag. »Und natürlich sind Siamkatzen einfach die schönsten Tiere der Welt«, meint Supi lachend.

Wie innig ihre Beziehung ist, zeigt sich selbst nach kleineren Ausflügen in den nahen Park an der Münchner Bavaria. Es ist ihr Lieblingsort, wenn sie mal keine Zeit für einen Trip in die Alpen hat. Auf dem Rückweg lässt Supi die Leine locker auf dem Bürgersteig schleifen. Sobald sie sich dem vertrauten Viertel nähern, übernimmt die Katzendame das Kommando. Mit hoch erhobenem Schwanz stolziert Mula zielsicher den Weg bis zur Haustür voran. Es ist dieser Moment, der Supi beweist, dass ihre Katze nicht aus Zwang bei ihr bleibt, sondern aus freiem Willen. »Das stärkste Band zwischen uns ist eben nicht aus Nylon gewebt, sondern aus Vertrauen«, sagt sie und streichelt ihrer Mula zärtlich über den Kopf.

Die mit den Pferden wohnt

Und das Leben ist doch ein Ponyhof! Zumindest in Lonnig bei Koblenz. Dort lebt Stefanie Geisler mit ihrer Stute Queeny in einer Siedlung, die speziell für Pferdefans gebaut worden ist. 

Glücklich vereint: Steffi und ihre Queeny haben nach vielen Strapazen endlich ihr Traumdomizil in Lonnig gefunden

Name: Stefanie Geisler, Jahrgang 1986

Haustier: Queeny (Paint-Horse-Stute), Jahrgang 2019, Schnuppel (Kater), Jahrgang 2008

Wohnort: Lonnig

Darum liebe ich Pferde: »Ihre Stärke, Kraft, Anmut, Größe und Sanftmut, gepaart mit ihrem Vertrauen als Fluchttier in uns Menschen als Beutegreifer, machen Pferde für mich besonders.«

Eigentlich könnte Stefanie Geisler schlecht gelaunt sein. Es ist Montagmorgen. Am Himmel hängen graue Wolken. Und im Büro warten wieder viele Zahlen auf die Bilanzbuchhalterin. Doch Steffi schwingt gut gelaunt die Beine aus dem Bett. Der erste Blick des Tages aus dem Fenster gilt den Pferden. Nur ein paar Meter entfernt knabbert draußen ihre Paint-Horse-Stute Queeny entspannt die Rinde von einem Ast. Es sind diese kleinen Momente, die der 39-Jährigen selbst an tristen Tagen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Steffi lebt den Traum vieler Pferdefans: Sie wohnt mit ihrem Vierbeiner in einer Wohngemeinschaft. Tür an Stall. Ihr Haus mit dem rund 5500 Quadratmeter großen Grundstück steht im rheinland-pfälzischen Lonnig bei Koblenz. 1999 entwickelte dort der umtriebige Züchter Jens Rombelsheim die »Wohnen-mit-Pferden«-Siedlung rund um sein Gestüt Drachenhof. Mit 25 Grundstücken im ersten Bauabschnitt fing es an. Mittlerweile leben 90 Familien mit ihren Pferden im Gebiet, das eine Gesamtgröße von 150 Hektar hat. Die Infrastruktur wurde auf ein Leben mit den Vierbeinern ausgerichtet. Landwirte liefern Heu und Stroh, die Mistlagerung und der Abtransport sind organisiert. Und die Kommune wächst weiter – auch nach über 25 Jahren. 2025 wurde ein neuer Bauabschnitt mit 40 weiteren Grundstücken erschlossen. 

In Lonnig ist das eigentlich Unmögliche gelungen. Denn dem Zusammenleben von Mensch und Pferd setzt der Gesetzgeber Grenzen. Die Haltung von Großtieren wie Pferden in einem Wohngebiet ist grundsätzlich verboten. Selbst wer innerorts ein altes Gehöft mit Stall erwirbt, kann dort nicht einfach ein Pferd einquartieren. Auch in Lonnig beachten die Bewohner:innen selbstverständlich die strengen Auflagen, etwa für den Tierschutz.

Das Thema Tierwohl brachte Steffi hierher. Denn ihre Queeny fristete zuvor in verschiedenen Pensionsställen ein Dasein, das sie rückblickend als »Zumutung« beschreibt. »Sie wurde dort immer kränker und unglücklicher«, erinnert sie sich. Die Stute bekam unter anderem Probleme mit Hufen, Magen, Atemwegen und Übergewicht, wegen Unsauberkeit im Stall und durch ein Überangebot des Futters. Darüber hinaus gab es Gefahrenquellen wie marode Zäune, scharfe Ecken und Kanten im Auslauf, Giftpflanzen auf Weiden oder nicht gesicherte Wasserfässer. Außerdem war es leider gängige Praxis, zu viele Pferde auf zu wenig Raum zu halten. Deswegen zog sich Queeny viele Verletzungen zu, darunter sogar einen Kieferbruch, der wohl durch einen Sturz oder Tritt passiert war. 

In dieser Zeit wuchs ihre Skepsis am System »Reitstall«. Begonnen hat diese bereits in frühester Jugend, nachdem Steffi mit dem Reiten anfing. Schon damals fühlte sich die übliche Boxen- und Ständerhaltung von Pferden für sie falsch an. Die schlechte Erfahrung mit dem eigenen Pferd weckte eine starke Motivation: »Das muss besser gehen!« 

Neben ihrem Job bildete sie sich weiter. Sie las Fachbücher über Ernährung, Bewegung und Unterbringung von Pferden, hörte Podcasts, absolvierte Schulungen, studierte Tierpsychologie. Ihr wurde klar, dass die richtige Haltung der Schlüssel ist. In ihr reifte ein Entschluss: »Ich wollte eine Möglichkeit für Pferde schaffen, wie sie trotz Gefangenschaft naturnah und gesund leben können.«  

Hallo Pferd: Queeny schaut gern durchs Küchenfenster, was ihr Frauchen drinnen so anstellt

2025 vollzog sie den großen Schritt. Eine Freundin erzählte ihr, dass in Lonnig, dem Utopia für Pferd und Reiter:innen, neue Baugrundstücke zu haben sind. Steffi verkaufte ihr Haus im Westerwald. Mit der Unterstützung ihres Mannes, der seine Frau endlich glücklich sehen wollte. Als Software-Architekt arbeitete er sowieso ausschließlich im Homeoffice und ist bis heute flexibel. »Außerdem kenne ich unsere Rangordnung«, sagt er und schmunzelt. »Erst kommt das Pferd, dann der Kater, dann kommt lange nichts, und dann komme ich.«

Mit dem Geld ließ das Ehepaar ein pferdegerechtes Traumanwesen bauen: einen sogenannten Paddock-Trail. Das befestigte Areal aus Laufwegen um die Weiden und ihr Wohnhaus imitiert heute das natürliche Habitat der Steppentiere. Ihre Queeny lebt dort rund um die Uhr. Bei Wind und Wetter. Zu jeder Jahreszeit. Nur für den Krankheitsfall gibt es im Offenstall eine Isolierbox, in der sich das Tier in Ruhe erholen kann. 

Zum Fressen serviert Steffi Raufutter in Form von Heu und Stroh in Slowfeedern. Bei ihr sind das unter anderem Lochplatten und Netze. Aus denen muss sich Queeny ihre Mahlzeit rupfen. Sie verlängern die Fressdauer und beugen so Langeweile und Verfettung vor. Ein Futterkarussell sorgt für mehr Bewegung. Daneben stehen Äste, Blätter und Rinde auf dem Speiseplan. Queeny nagt gern an Douglasie, Weide oder Birke. Eine Möhre oder Leckerlis gibt es nur zu besonderen Anlässen. »Zum Beispiel am Geburtstag oder zur Bestechung beim Tierarzt«, verrät Steffi.

Alles ist darauf ausgelegt, die eigentlichen Dauerfuttersucher zu beschäftigen. Steffi befüllt dafür Futterstationen unterschiedlich und lässt sie schon mal leer laufen. »In einer Box bewegen sich Pferde ungefähr 300 Meter am Tag im Kreis«, erklärt sie. »Hier können sie mehrere Kilometer täglich frei laufen – allein zur Nahrungsaufnahme und zum Trinken.« 

In kurzer Zeit hat sich ihre kleine Königin deshalb vom Sorgenkind zum gesunden Ross entwickelt. Ihr Körper ist drahtig, die Hufe sind belastbar, die Augen wach. Wenn es regnet, stellt sie sich mit Vorliebe mitten in den Guss statt unter das Dach. »Selbst bei Regen genießt sie die Freiheit«, ist Steffi überzeugt. Zu dieser zählt auch, dass das Pferd ihr mal den Rücken kehrt. »Zum Beispiel, wenn ich mit dem Halfter komme und sie andere Pläne hat.« Steffi nimmt das mit Humor. Das sei eben der Preis für mehr tierisches Wohlbefinden und Entscheidungsfreiheit – »und den zahle ich gern.«

Das Pferdeparadies möchte Steffi auch anderen ermöglichen. Ihr »Happy Horse Trail« bietet Platz für weitere acht Mitbewohner. Sie sucht nach Pensionstieren mit Stoffwechselleiden, Vorerkrankungen oder Übergewicht. »Ich will zeigen, dass artgerechte Haltung die beste Prävention ist«, sagt sie mit der Überzeugung einer Frau, die ihre eigene kranke Stute in ein Kraftpaket verwandelt hat. 

Momentan teilt sich Queeny das Gelände mit Lou, der Stute ihrer ersten »Einstellerin«. Die beiden sind schon als »Pat und Patachon« zusammengewachsen. Ob sie sich gegenseitig das Fell an schwer erreichbaren Stellen kraulen, synchron im Sand dösen oder sich zum nächsten Marsch Richtung Futterkarussell motivieren. Denn für Steffi gehört zum wahren Pferdewohl auch das soziale Gefüge in einer Gruppe. »Es wäre toll, jeden Morgen am Küchenfenster zu sehen, wie eine kleine, bunte Herde ihr eigenes Ding macht.«

Horse at Home
Impressionen aus Steffis Pferde-WG. Von ihrer Dachterrasse hat sie den perfekten Blick auf ihre vierbeinigen Mitbewohner. Weitere Baugrundstücke für Pferdefans sind verfügbar

Text Sonja Hoogendoorn
Fotos Oliver Fiegel; Marina Weigl
Videos privat

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