15.12.2025

»Die gesunde Abkürzung zur Wunschfigur gibt’s nicht«

Neues Jahr, neue Figur? Viele Menschen hoffen auf die »Abnehmspritze« als schnellen Weg. Ernährungsmedizinerin Marina Rippl warnt vor falschen Hoffnungen und sagt, wie Sie Ihre Vorsätze dauerhaft und gesund umsetzen.

Zur Person

Porträt Ernährungsmedizinerin Dr. Martina Rippl in Arztkittel

Dr. med. Martina Rippl ist Expertin für Diabetes und Ernährungsmedizin. Sie arbeitet als Oberärztin am Marienkrankenhaus Kassel und betreut zusätzlich Patientinnen und Patienten in einer Diabetes-Praxis. Einer ihrer Schwerpunkte: Sie hilft Menschen mit Stoffwechselerkrankungen und Übergewicht dabei, medizinische Behandlung und einen gesunden Lebensstil zu verbinden.

Pünktlich zum Jahreswechsel nehmen sich viele Menschen vor, abzunehmen. Seit einiger Zeit scheint es dafür eine vermeintlich einfache Lösung zu geben: die sogenannte Abnehmspritze. Begegnet Ihnen das Thema häufig in der Praxis?
Absolut. Seit diese medikamentöse Unterstützung bekannt geworden ist, kommen jede Woche Menschen mit Beratungsbedarf zu mir. Das Thema ist durch soziale Medien und Prominente extrem präsent geworden. Viele haben dort Erfolgsgeschichten gesehen und wünschen sich das nun auch für sich.

Es kursieren Namen wie Ozempic, Wegovy und Mounjaro. Auf Social Media werden die Präparate manchmal wie Lifestyle-Tools präsentiert, um schnell ein paar Pfunde zu verlieren. Wie sehen Sie das als Fachärztin?
Man muss hier ganz klar unterscheiden. Ozempic ist in Deutschland ausschließlich zur Behandlung von Diabetes Typ 2 zugelassen. Wenn es massenhaft zur Gewichtsreduktion bei Gesunden genutzt wird, führt das zu Lieferengpässen für Diabetiker, die das Medikament dringend brauchen. Für die Behandlung von Adipositas, also starkem Übergewicht, sind die Präparate Wegovy und Mounjaro zugelassen. Aber: Das sind verschreibungspflichtige Medikamente mit Risiken und Nebenwirkungen, keine Lifestyle-Produkte für jemanden, der aus optischen Gründen ein bisschen abnehmen möchte. Aus diesen Gründen zahlen Menschen, die nicht zu den beiden genannten Gruppen gehören, die Kosten selbst. 

»Gewichtsabnahme ist in der Evolution nicht vorgesehen. Wenn man das Medikament absetzt und keine wirksame Strategie für Ernährung und Bewegung hat, kommt es mit großer Wahrscheinlichkeit zum Jojo-Effekt.«

Marina Rippl, Ernährungsmedizinerin

Allianz Service »Mein GewichtsCoach«
Das Programm richtet sich an Menschen mit einer Allianz Krankenvollversicherung und einem Body-Mass-Index (BMI) über 30. Im Mittelpunkt steht eine einjährige individuelle Telefonbegleitung durch einen Coach des Kooperationspartners Thieme TeleCare. Basis der kostenfreien Unterstützung bildet eine ausführliche Analyse der persönlichen Alltagsroutinen, um die Ursachen des Übergewichts zu identifizieren. Davon ausgehend wird gemeinsam mit dem Coach ein langfristiges Konzept zur Verhaltensänderung erarbeitet. Ziel ist die nachhaltige Gewichtsreduktion und die Vermeidung von Folgeerkrankungen durch eine dauerhafte Anpassung des Lebensstils.

Wie wirken diese Medikamente denn genau im Körper?
Vereinfacht gesagt imitieren sie unsere Darmhormone. Präparate wie Ozempic und Wegovy wirken über das Hormon GLP-1 direkt im Gehirn und signalisieren: Ich bin satt. Mounjaro geht noch einen Schritt weiter: Es ahmt zusätzlich ein zweites Hormon nach, das auch direkt die Fetteinlagerung im Gewebe beeinflussen kann. Zusätzlich verlangsamen alle diese Mittel gerade in der Gewöhnungsphase die Magenentleerung. Das führt dazu, dass Patientinnen und Patienten deutlich weniger essen, häufig auch ein Völlegefühl oder Übelkeit verspüren. Wichtig zu wissen: Das Medikament erhöht nicht den Kalorienverbrauch, es hilft dabei, die Kalorienzufuhr zu drosseln.

Wir haben es also mit einem kalorienfreien Sattmacher zu tun – das klingt verlockend einfach. Aber was passiert, wenn man das Medikament wieder absetzt?
Dann passiert das, was physiologisch passieren muss: Das Hungergefühl kehrt zurück. Und zwar oft stärker als vorher. Der Körper hat ein Gedächtnis für sein Höchstgewicht und versucht evolutionär bedingt, dort wieder hinzukommen. Plakativ gesagt: Gewichtsabnahme ist in der Evolution nicht vorgesehen. Wenn man das Medikament absetzt und keine Strategie für Ernährung und Bewegung hat, kommt es mit großer Wahrscheinlichkeit zum Jojo-Effekt.

Welche Nebenwirkungen sind häufig bei der Abnehmspritze?
In vielen Fällen kommt es gerade in der Anfangszeit zu Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung. Deshalb sollte die Dosis langsam gesteigert werden. Ein großes Thema bei rascher Gewichtsabnahme – egal ob mit Spritze oder Radikaldiät – ist zudem der Verlust von Muskelmasse. Wer schnell abnimmt, verliert oft Muskeln statt Fett. Das senkt den Grundumsatz, und man nimmt danach umso schneller wieder zu. Deswegen warne ich davor, solche Medikamente ohne ärztliche Begleitung zu nehmen oder gar Präparate im Internet zu bestellen, bei denen man nie genau weiß, was eigentlich drin ist.

Wenn die schnelle Abkürzung zum gesunden Wohlfühlgewicht trügerisch ist, was ist dann der Weg, um dauerhaft überflüssige Pfunde zu verlieren?
Adipositas ist eine chronische Erkrankung, keine Charakterschwäche. Es braucht ein langfristiges Konzept. Die wirksamste Strategie besteht aus drei Säulen: Ernährung, Bewegung und Psychologie. Wir wissen heute, dass Faktoren wie Stress und Schlafmangel das Abnehmen massiv erschweren. Stress erhöht den Cortisolspiegel, was wiederum Heißhunger und Fetteinlagerung am Bauch begünstigt. Auch wer zu wenig schläft, hat mehr Hunger.

»Wer nur Kalorien spart, aber die Muskeln nicht trainiert, verliert Kraft und senkt seinen Energiebedarf.«

Marina Rippl, Ernährungsmedizinerin

Welche Rolle spielt Sport beim Abnehmen? 
Um Gewicht zu verlieren, ist die Ernährung der wichtigste Hebel. Aber um das Gewicht zu halten und gesund zu bleiben, ist Bewegung entscheidend. Und hier empfehle ich neben moderatem Ausdauertraining für die Herz-Kreislaufgesundheit vor allem Krafttraining, um dem Muskelabbau entgegenzuwirken. Wer nur Kalorien spart, aber die Muskeln nicht trainiert, verliert Kraft und senkt seinen Energiebedarf.

Wir kennen es alle: Die meisten Neujahrsvorsätze scheitern spätestens im Februar. Was raten Sie unseren Leserinnen und Lesern, damit es diesmal klappt?
Setzen Sie sich realistische Ziele und seien Sie liebevoll zu sich selbst. Rückschläge gehören zum Leben dazu. Wer mal einen Tag über die Stränge schlägt, sollte nicht frustriert aufgeben, sondern am nächsten Tag einfach weitermachen. Statt radikaler Verbote empfehle ich kleine Schritte: Nutzen Sie kleinere Teller, bauen Sie Gemüse in jede Mahlzeit ein und vermeiden Sie hochverarbeitete Lebensmittel. Kochen Sie stattdessen lieber selbst aus frischen Zutaten. 

Zum Abschluss: Was ist der erste Schritt, den man heute tun kann – ganz ohne Arztbesuch und Rezept?
Werden Sie sich klar: Für wen mache ich das? Was ist mein konkretes Ziel? Und dann starten Sie mit einer kleinen Veränderung, die in Ihren Alltag passt. Zum Beispiel: Achten Sie beim Essen bewusst auf Ihr Sättigungsgefühl: Wenn der Teller leer ist, erst mal in sich hineinhorchen – bin ich satt? Meistens lautet die Antwort ja.

Text Katja Hertin
Foto Allianz; privat

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