Vorlesen ist mehr als Unterhaltung. Germanistin Mirjam Burkard erklärt, welche wichtigen Fähigkeiten Kinder dabei erlernen und warum es nicht immer (nur) die klassische Zubettgeh-Geschichte am Abend sein muss.
Zur Person

Dr. Mirjam Burkard ist Akademische Oberrätin am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit über 15 Jahren beschäftigt sie sich mit Kinder- und Jugendliteratur und geht der Frage nach, warum das Vorlesen schon im frühen Alter besonders wichtig ist.
In ihrem Spotify-Podcast »Bacher & Burkard über Bücher« spricht sie mit ihrer Podcast-Partnerin über Bücher, die sie in der Kindheit und Jugend geprägt haben und über persönliche Geschichten, die sie damit verbindet. Neben Folgen mit bestimmten Themenschwerpunkten, in denen aktuelle Kinder- und Jugendbücher vorgestellt werden, sind regelmäßig Gäste aus der Buchszene eingeladen, die von ihren Erinnerungen an die Zeit erzählen, in der das (Vor-)Lesen emotional prägend war.
Mehr Infos zum Podcast auch auf Instagram unter @bacherundburkard
Warum ist es wichtig, Kindern vorzulesen?
Das Vorlesen ist unter anderem wichtig, weil Kinder durch das Hören und (Mit-)Erleben von Geschichten sozioemotionale Kompetenzen erwerben. Wenn beispielsweise die Hauptfigur im Buch wütend ist, erkennen Kinder: »Die hat auch manchmal so Gefühle wie ich!« – und sie lernen, dass jegliche Gefühlsregungen normal sind. Sie schauen sich dann auch ganz genau an, wie die Figur damit umgeht und wie die Situation gelöst wird.
Neben den emotionalen werden auch soziale Kompetenzen gefördert, denn durch Geschichten lernen Kinder beispielsweise, was Freundschaft bedeutet: wie man miteinander umgeht, wenn man befreundet ist, was passiert, wenn es zu einem Streit kommt und wie sich dieser wieder auflösen kann. So finden Kinder in Geschichten Identifikationspunkte, die sie auf sich selbst und ihr eigenes Leben übertragen
»Durch Vorlesen erwerben Kinder wichtige sozioemotionale Kompetenzen.«
Mirjam Burkard
Was passiert beim Vorlesen zwischen Eltern und Kind?
Beim Vorlesen baut man eine persönliche Bindung auf und schafft einen Raum, in dem ein Elternteil dem Kind die volle Aufmerksamkeit schenkt: Wenn eine Familie zum Beispiel das Ritual hat, abends vor dem Schlafengehen etwas vorzulesen, dann sitzt das Kind meist auf dem Schoß oder neben der vorlesenden Person. Es entsteht eine gemütliche Atmosphäre und die beiden beschäftigen sich nur mit dem Buch, das vorgelesen wird. Gleichzeitig werden die Kinder beim Vorlesen motiviert, weitere Geschichten kennenlernen zu wollen. Und das führt dazu, dass das Kind später selbst Geschichten lesen möchte, was wiederum die Ausbildung der Lesekompetenz erleichtert.
Ab wann sollte man Kindern Geschichten vorlesen?
Am besten so früh wie möglich! Der erste Kontakt mit literarischen Formen beginnt schon bei ganz kleinen Kindern. Zum Beispiel, indem Kinder mit Fingerspielen wie »Zehn kleine Zappelmänner« groß werden und neben den haptischen Bewegungen auch erste Reime kennenlernen, die dazu gesprochen werden. So entsteht ein Bewusstsein für Sprache und literarische Ausdrucksweise, was dann mit dem Vorlesen von Bilderbüchern ausgeweitet wird. Daher sollte das Vorlesen im Idealfall schon früh beginnen, um die frühkindliche Förderung zu unterstützen und wichtige Grundlagen für spätere Lesefähigkeiten zu entwickeln. Die Familie ist der Ort und gleichzeitig auch der Akteur für die Vermittlung literarischer Kompetenzen.
Wie findet man ein geeignetes Buch zum Vorlesen?
Man sollte als Erstes schauen, welche Themenvorlieben das Kind hat und daran anknüpfen. Ansonsten empfehle ich klassischerweise, in eine Bücherei zu gehen und nach guten Kinderbüchern zu fragen. Auch in Kinderzeitschriften wie »Gecko« finden sich regelmäßig Buchempfehlungen. Zudem gibt es zahlreiche Plattformen im Internet, auf denen man sich informieren kann – etwa den Deutschlandfunk, der monatlich »Die besten 7« Kinder- und Jugendbücher vorstellt.
Gibt es beim Vorlesen Tabuthemen, mit denen ein Kind nicht in Berührung kommen sollte?
Seit den 1970er-Jahren haben sich die Kinderbücher für alle Themen geöffnet. Das damals im Rahmen der Enttabuisierung aufkommende Verständnis von Kindheit war, dass Kinder an der realen Welt teilhaben und auch schwierige Themen kennenlernen sollen – sei es der Tod eines Großelternteils oder Ausgrenzung im Kindergarten. Es ist wichtig, dass solche Themen schon in Bilderbüchern aufgegriffen werden, damit Kinder von den Hauptfiguren der Geschichten lernen können, wie man damit umgeht. Selbst wenn ein Kind nicht selbst von einer schwierigen Situation betroffen ist, kann das Vorlesen von Büchern mit solchen Themen Empathie vermitteln und dem Kind Anknüpfungspunkte für sein eigenes Handeln geben: Wie kann man helfen? Was sollte man lieber nicht tun, wenn jemand anderes eine schwierige Zeit durchmacht? Das ist eine zentrale Fähigkeit für die Entwicklung des Kindes.
»Geschichten bieten Kindern Anknüpfungspunkte, um Empathie zu entwickeln.«
Mirjam Burkard
Heutzutage leben wir in einem digitalen Zeitalter. Wie beeinflusst das die Kinderliteraturbranche und welche Auswirkungen hat das auf das klassische Buch bzw. das Vorlesen?
Ich denke, das Wichtige in der digital geprägten Welt ist, dass wir keinen Keil zwischen die verschiedenen Medien treiben und nicht sagen: Das Buch ist gut, digitale Medien sind schlecht. Kinder, die in der heutigen Welt aufwachsen, sollten Kompetenzen in beiden Bereichen erwerben. Beim Fernsehen fehlt oft das Geborgensein – Eltern sitzen meist nicht daneben –, während beim Vorlesen ein Elternteil aktiv beteiligt und körperlich nah ist. Auch der dialogische Austausch, der beim Vorlesen stattfindet, fehlt meist beim Film- oder Fernsehkonsum. Hingegen werden beim Nutzen digitaler Medien beispielsweise visuelle Kompetenzen ausgebildet, die das gedruckte Buch nicht vermitteln kann. Das alles sind Kompetenzen, die Kinder brauchen. Wichtig ist daher, keines der Medien völlig auszugrenzen, sondern allen ihren Platz einzuräumen.
Haben Sie Tipps an Familien, wie man Vorlesen in den Alltag einbauen kann, besonders wenn man nicht viel Zeit hat?
Am besten ist es, Rituale zu entwickeln – klassischerweise das Vorlesen beim Zubettgehen. Aber man kann auch prüfen: »Wo habe ich in meinem Alltag Lücken oder Möglichkeiten, das Vorlesen einzufügen?« Ich selbst bin berufstätig und habe eine siebenjährige Tochter und wollte das Vorlesen noch stärker in unseren Alltag integrieren. Dann kam von ihr in der Straßenbahn die Idee, auf dem Weg zur Schule vorzulesen, weil ich ein Buch dabeihatte. Jetzt ist es zu unserem Ritual geworden, dass ich ihr morgens auf dem Weg zur Schule und nachmittags, wenn ich sie abhole, vorlese. Es geht also darum, die Zeitfenster, die man mit dem Kind verbringt, bewusst zu nutzen.
Sollten Eltern auch dann weiter vorlesen, wenn Kinder bereits selbst lesen können?
Das Vorlesen sollte nicht aufhören, sobald Kinder selbst lesen lernen. Denn für die Kinder ist das Lesen am Anfang kognitiv extrem anstrengend: Sie müssen die Buchstaben erkennen, diese zu Wörtern zusammensetzen und das Gelesene inhaltlich verstehen. Viele Eltern hören dann leider auf, vorzulesen, weil das Kind ja »selbst lesen kann.«. Aber gerade dann freuen sich Kinder auf die gewohnten Vorlese-Rituale, weil sie so den Geschichten folgen können, ohne sie mühsam erlesen zu müssen. Um die Lesemotivation aufrechtzuerhalten, sollte man so lange vorlesen, bis das Kind selbst sagt, dass es nicht mehr vorgelesen bekommen möchte.
Was halten Sie von Aktionen wie dem bundesweiten Vorlesetag, der jedes Jahr im November stattfindet?
Solche leseanimatorischen Projekte sind ganz wichtig, um die literarische Sozialisation zu stärken – sei es, um diese aufzufangen, wenn sie gar nicht stattgefunden hat, oder um sie zu erweitern. Mit dem Vorlesetag gibt es ein deutschlandweit flächendeckendes leseanimatorisches Projekt, dem man gar nicht genug Bedeutung beimessen kann, weil es alle Kinder abholt und Erwachsene dazu animiert, selbst vorzulesen.
Text Darien Uch
Fotos Florian Ullbrich; privat







