Gleitschirmflieger Peter Horn im HundsrückGleitschirmflieger Peter Horn im Hundsrück

06.10.2023

Dem Himmel so nah

Gleitschirmfliegen ist traumhaft schön, kann aber auch gefährlich werden. Daher ist die Allianz auch die einzige Versicherung, die Gleitschirmflieger:innen trotzdem eine Unfallversicherung abschließen lässt. Warum das so ist und wie Peter Horn die Risiken minimiert.

Gleitschirmflieger Peter Horn im Hundsrück

Peter Horn, Ingenieur aus Mainz, hat im März seine Ausbildung zum Piloten abgeschlossen. 

Safety first: Peter Horn frischt sein Wissen über das Fliegen bei regelmäßigen Sicherheitstrainings auf

Es geht ganz schnell: Das Seil spannt sich. Der Schirm füllt sich mit Luft. Peter Horn tritt an und läuft in den Himmel. Es dauert nur Sekunden, und der Mann gleitet als kleiner Punkt unter einer bunten Sichel über den Hunsrück. »Es gibt keine einfachere Art zu fliegen«, meinte er vor dem Start. Aufgeregt war er und klatschte vor Freude einmal in die Hände. Jetzt ist er tatsächlich oben. 

Unten sitzen zwölf Gleitschirmflieger:innen und warten auf ihren Einsatz. Sie genießen die Spätsommerhitze auf der Wiese, direkt neben den Weinstöcken. Es wird gepicknickt, geplauscht, gelacht. Die Stimmung ist entspannt. An einem solchen Wochenende ist Hochbetrieb auf dem Gelände bei Roxheim. Hier hat der Drachen- und Gleitsegelclub Nahetal e.V. »DGCN« eine Winde aufgebaut, mit der die Flieger nach oben gezogen werden. 1000 Meter lang ist die Leine. Bis man an die Reihe kommt, kann es dauern. Fliegen heißt auch: ziemlich lange am Boden bleiben – was hier im Winzerparadies mehr als erträglich ist. Es fühlt sich an wie Urlaub.

»Das ist kein Hobby, das man nur gelegentlich ausübt.«

Peter Horn

Peter Horn fährt so oft es geht hierher. Der Ingenieur aus Mainz hat gerade erst im März seine Ausbildung zum Piloten abgeschlossen. 40 Höhenflüge braucht es für den A-Schein. Die hat er in den Alpen absolviert. Luftrecht, Meteorologie und Technik musste er außerdem büffeln. »Und danach muss man dranbleiben«, sagt er. »Das ist kein Hobby, das man nur gelegentlich ausübt.« Ein Pilot muss in Übung bleiben, um mit den Risiken umzugehen. Und Risiken gibt es. »Deshalb ist dieser Sport auch nichts für Draufgänger.«

Risiko Gleitschirmfliegen

Der relativ junge Sport ist in der Tat nicht ungefährlich. Erfunden in den 80er-Jahren, machte er damals noch mit zahlreichen Unfällen auf sich aufmerksam. Seither hat sich viel verändert: Ausbildung und Ausrüstung sind nicht mehr vergleichbar. Passieren kann aber immer etwas. Der Deutsche Gleitschirm- und Drachenflugverband e.V. erfasst seit 1997 Unfälle. Nicht alles, was schiefläuft, wird gemeldet. Die tödlichen Unfälle sind jedoch lückenlos registriert. Der Verband zählt rund 37.000 Mitglieder; 13 Menschen kamen 2021 ums Leben. 

Peter Horn hat nicht unrecht, wenn er angesichts der Statistik entgegnet, dass die Autofahrt zum Flugplatz auch nicht ungefährlich sei. Damit will er die Herausforderungen nicht schmälern, es geht ihm nur um die Abwägung. »Man kann zu Hause bleiben und nichts tun«, man könne aber auch rausgehen, etwas erleben und einfach vorsichtig sein. Denn ursächlich für die meisten Unfälle beim Gleitschirmfliegen heutzutage sei Selbstüberschätzung. Etwa der Irrglaube, auch Wetterkapriolen schon irgendwie beherrschen zu können. Seine Kolleginnen und Kollegen nicken energisch, als er das betont. Wer besonnen an die Sache geht, hat wenig zu befürchten. 

Unfälle sind standardmäßig versichert

Unfälle, die beim Gleitschirmfliegen passieren, sind in der aktuellen Unfallversicherung der Allianz immer mitversichert. Eine gesonderte Prämie müssen Piloten wie Peter Horn nicht zahlen. Dies gilt allerdings nicht bei älteren Unfallverträgen, hier sind Unfälle als z. B. Pilot oder Gleitschirmflieger ausgeschlossen. Eine Umstellung auf den aktuellen Tarif kann sich also durchaus lohnen. »Ob jemand gerne Motorrad fährt, regelmäßig Joggen geht oder gar kein Hobby hat und nur zum Glühbirnenwechseln auf die Leiter steigt: All dies sind Risiken des täglichen Lebens, die wir im Versicherungsschutz bedacht haben«, sagt Michaela Dlouhy von der Allianz. Diese Risiken sind entsprechend in den Versicherungsbeiträgen einkalkuliert und können deshalb standardmäßig abgedeckt werden. »Das gilt auch für das Segment Gleitschirmfliegen. Die daraus entstehenden Unfallfolgen sind demnach ebenso berücksichtigt wie Folgen durch Verletzungen beim Fußballspielen oder Skifahren.« Anders sieht es hingegen für Profisportler:innen aus, also für Menschen, die mit dem Sport Geld verdienen. »Da sind die Unfallrisiken viel höher, sodass es hier einer individuellen Risikoprüfung und Beitragskalkulation bedarf.« 

Aber von dieser Extremsituation ist Peter Horn weit entfernt – und brenzlige Situationen hat er glücklicherweise noch nie erlebt. Sein Sicherheitscheck geht schon morgens mit der Frage los, wie es ihm selbst geht: »Hätte ich mich heute nicht wohlgefühlt, wäre ich nicht gekommen.« Läuft schon irgendwie – das sei nicht die richtige Einstellung. Eine körperliche Grundfitness sei außerdem von Vorteil. »Man schwebt nicht nur einfach. Auch wenn man in seiner Vorrichtung so überraschend bequem sitzt wie in einem Campingstuhl.« Man kann durch die Thermik auch ganz schön durchgeschüttelt werden. Wer fliegt, arbeitet die ganze Zeit. Es gibt Fliegerinnen und Flieger, die für Stunden oben bleiben. Das fordert. Peter Horns längstes Abenteuer in der Luft dauerte bislang 60 Minuten.

Klicken Sie sich durch die Bildergalerie: Völlig losgelöst von der Erde

Der nächste entscheidende Faktor ist das Wetter: Sind Turbulenzen angesagt, schenkt man sich den Ausflug. Um sicherzugehen, schaut der 41-Jährige auf diverse Apps, das »Tagesschau«-Wetter reicht da nicht. Ein Szenario, vor dem sich Flieger:innen besonders fürchten, ist das Einklappen des Schirms und der unkontrollierte Spiralsturz zum Boden. Was, wenn man von Winden überrascht wird? Was, wenn die Leinen nicht richtig sortiert sind? Wie bewahrt man Ruhe? Dieses Wissen wird in Sicherheitstrainings immer wieder aufgefrischt. Auch dafür fährt Peter Horn eigens in die Alpen. Diese Fortbildungen sind zwar freiwillig, aber für ihn ein Muss. »Es lohnt sich immer.«

Gut gewickelt: Peter Horn hat die Leinen fest im Griff
Das Material

Rund zehn Kilo wiegt die Ausrüstung, die Peter Horn als Paket auch heute wieder zum Startplatz geschultert hat. Sein Schirm ist mit einer Fläche von 28 Quadratmetern einer der größeren und wirkt, so ausgebreitet auf der Wiese, sehr beeindruckend. Eher verwirrend sehen die unzähligen bunten Strippen aus, die vor dem Start pingeligst sortiert werden müssen. »Jeder ist da für sich selbst verantwortlich«, so Horn. Aber der Startleiter vor Ort schaut ebenfalls, ob wirklich alles am richtigen Platz ist. Ein prüfender Blick fällt auch auf den Rettungsschirm, den jeder Gleitschirmflieger bei sich hat. »Ich gehe auch nie wieder ohne Brille in die Luft. Hatte mal eine Fliege im Auge…« Helm, Handschuhe und hier noch das Variometer, ein Messgerät, mit dem die Steig- oder Sinkgeschwindigkeit angezeigt wird. Ist alles parat, kann es losgehen. 

»Jeder Flug ist anders«, erzählt Peter Horn. Immer ist man den gerade herrschenden Bedingungen ausgeliefert. »Manchmal erlaubt mir die Natur keinen Flug und manchmal eben doch. Und dann ist es ein wie ein Geschenk.« Horn gerät ins Schwärmen. Von der Sicht. Von der Lautlosigkeit in der Höhe. Davon, unmittelbar Teil der Natur zu sein. Immer schon hatte er irgendwie nach oben gewollt. Eines Tages bekam er von seinen Freunden einen Probeflug am Übungshang geschenkt. Beim ersten Mal, als er im Hochgebirge alleine flog, ging ihm ganz schön die Pumpe. Aber es war klar: »Das will ich immer wieder tun.« Angst hatte er nie. Aber Respekt. Und wie teuer ist das Hobby? Die Kosten für die Lehrgänge fangen bei 1000 Euro an, die Ausrüstung bei rund 3000. Das war es ihm alles wert. 

An diesem Tag im Hunsrück dauert der Flug nicht lange. Peter Horn sinkt nach einer Viertelstunde wieder Richtung Wiese – und landet dort, wo er gestartet ist. Das ist so vorgeschrieben. Für Streckenflüge ist eine andere Lizenz notwendig. Auch die anderen Piloten kehren heute recht schnell wieder zurück. Aber jeder Augenblick über der Erde lohnt sich. »Man ist dann einfach woanders. Weit weg. Die Sicht auf die Welt ändert sich.« Wo er gerne eines Tages mal fliegen möchte? »Über den Grand Canyon.“ Vorerst reicht aber der Blick ins Nahetal. Peter Horn stellt sich wieder an. Er wird an diesem Tag noch einmal in den Abendhimmel fliegen. 

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Text Ina Henrichs
Fotos Victoria Jung

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