26.09.2023

So heben wir den Datenschatz

Der EU Data Act revolutioniert die digitale Welt: Nutzer:innen entscheiden künftig selbst über ihre Daten. Damit bricht auch für die Autoversicherung ein neues Zeitalter an. Für die Allianz ist das Gesetz nur ein erster Schritt auf dem Weg zu echter Innovation.

Illustration_weißes Zukunftsauto_KFZ-Teaser

Marius Bolik aus Montabaur macht im Grundrauschen der Welt wie von Zauberhand Muster sichtbar – und jeder mit einem Auto kann sie für sich nutzen. Mittels künstlicher Intelligenz und Big Data Science sucht seine App »LiveParking« für die Nutzer:innen nach Straßen und Straßenabschnitten, in denen ein freier Parkplatz gerade besonders wahrscheinlich ist. Dabei zieht das Programm einen bunten Strauß an Daten heran: die Informationen von Taxikameras, Wetterdaten, die sich ebenfalls auf das Parkverhalten auswirken, die Informationen von Parkhäusern über deren Belegung – und die Nutzer:innen selbst werden per Google Maps getrackt. »Alles fließt hinein in die App – mithilfe von künstlicher Intelligenz ermittelt sie dann, wo ein Parkplatz wahrscheinlich frei ist und bringt Nutzer:innen dorthin«, erklärt Bolik.

Trotzdem sind es bislang meist nur Wahrscheinlichkeiten, die »LiveParking« bieten kann. In Zukunft könnten sich für die App von Bolik ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Und nicht nur für seine, sondern für Tausende Apps – von Versicherern bis hin zu zahlreichen anderen Unternehmen; für alle, die etwas herauslesen wollen aus den von Sensoren gesammelten Daten – seien es die Häufigkeiten der jeweiligen Spülgänge einer Spülmaschine, die Zahl der Stopps von bestimmten Produktionsmaschinen oder eben die zahllosen Daten, über die digital vernetzte Fahrzeuge heutzutage verfügen. Denn die Regeln für das Verwenden und Verteilen dieser Daten werden in Europa derzeit grundlegend neu geschrieben.

Die Regulierungsbehörden der Europäischen Union sind sonst eher bekannt dafür, Grenzen zu setzen, etwa den Fluss von Daten zu beschränken und den Zugang zu ihnen einzuschränken. Beim EU Data Act aber, einer vor Kurzem verabschiedeten EU-Verordnung, die demnächst in die Tat umgesetzt werden soll, ist es ausnahmsweise einmal umgekehrt: Der EU Data Act schafft Chancen, indem er Datenfluss erzwingt. Was verändert er? Aktuell ist es meist noch so, dass zum Beispiel der Hersteller eines Autos die Daten sammelt, die während der Nutzung anfallen – und sie überwiegend behält. Nach Angaben der EU-Kommission werden 80 Prozent der generierten Industriedaten heute nicht genutzt. Was auch daran liegt, dass es eben auf die Willkür der Hersteller ankommt, ob sie die Daten herausgeben oder nicht. Fahrerinnen und Fahrer, durch deren Aktivität die Daten erst entstehen, haben darauf vielfach weder Zugriff noch können sie darüber bestimmen. »Wir werden das mit dem EU Data Act ändern«, bemerkt Benjamin Brake, Abteilungsleiter Digital- und Datenpolitik im Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV).

»Alle Nutzer erhalten Souveränität über ihre Daten«


Benjamin Brake, Bundesministerium

So besagt der EU Data Act, dass über Daten, die ein Hersteller beispielsweise während der Nutzung eines Autos, eines Kühlschranks oder einer Industriemaschine durch eingebaute Sensoren erfasst, künftig die Nutzer:innen entscheiden dürfen. Sie können grundsätzlich bestimmen, welche Firma beziehungsweise welche App die Daten erhält und welche nicht. Alle Nutzerinnen und Nutzer erhalten damit die Souveränität über ihre Daten, betont Brake, der nicht nur die Perspektive der Nutzer:innen aus eigener Erfahrung kennt, sondern auch die der Datenwirtschaft – vor seinem Wechsel ins Ministerium war er Director Government and Regulatory Affairs von IBM Deutschland.

Die Hersteller werden dazu verpflichtet, neue Produkte im Sinne des Prinzips »Accessibility by Design« künftig von vornherein so zu konzipieren, dass die Daten auf einfache und direkte Weise ausgelesen werden können. Laut Damian Boeselager, Digitalexperte der Fraktion der Grünen im EU-Parlament, sind einige Hersteller davon nur mäßig begeistert: Die haben ein riesiges Interesse daran, den After-Sales-Market, also die nach dem Verkauf – etwa eines Autos – durch die Nutzung erhobenen Daten für sich zu behalten. Einerseits können die Hersteller so verhindern, dass sie im eigenen Auto Konkurrenz bekommen, zum Beispiel durch einen Anbieter eines neuen Fahrassistenzsystems, das anhand der Daten vieler Automarken eine bessere Performance entwickelt. Andererseits bietet für die Hersteller natürlich auch der Datenhandel selbst zunehmend große Chancen.

Durchblick auf dem Dashboard: Nutzer:innen sollen zukünftig ihre Daten besser kontrollieren dürfen

Diese Möglichkeiten zu nutzen, liegt maßgeblich im Interesse der EU. Deshalb ist es nötig, dass Dienstleister auf Kundenwunsch all die Daten nutzen können, die in Autosoftware, Sensoren, Kameras und Steuergeräten generiert werden – und deren Potenzial bisher brachliegt. So gesehen dient der EU Data Act dazu, die Interessen der Autofahrer:innen zu stärken, die Verkehrssicherheit auszubauen und die ins Hintertreffen geratene europäische Digitalwirtschaft anzukurbeln.

Kreatives und unternehmerisches Potenzial erhoffen sich diejenigen, die dank des EU Data Act künftig eine deutlich bessere Chance haben, an Daten zu kommen, um daraus neue Informationen und Angebote zu schaffen. So dürften in den nächsten Jahren auch viele kleinere Unternehmen gegründet werden und Apps auf den Markt kommen, die anhand der analysierten Daten wertvolle Erkenntnisse und praktischen Nutzen bieten – ähnlich, wie es Marius Bolik schon heute mit »LiveParking« bietet.

Aber auch für andere große Wirtschaftszweige sind Echtzeitdaten interessant: Im Verkehrs-, Gebäude- und Industriesektor zum Beispiel könnten bis zum Jahr 2025 durch die Echtzeitanalyse von Daten finanzielle Einsparungen von 10 bis 20 Prozent erreicht werden – so prognostiziert es die EU-Kommission.

Auch Versicherungen können mithilfe der Daten wichtige Erkenntnisse gewinnen und ihren Kund:innen neue Angebote machen. Die Allianz hat bereits ein Produkt am Markt eingeführt, das den EU Data Act elegant vorwegnimmt: »BonusDrive«. Der Service richtet sich an Kund:innen mit einer Kfz-Versicherung: Per Smartphone-App und DriveDot können in Echtzeit individuelle Fahrdaten an die Allianz übertragen werden. Anhand von Daten, wie beispielsweise dem Fahrstil in Kurven, erstellt die App einen Score.

»Fällt man durch besonders umsichtiges Fahren auf, erhält der Versicherungsnehmer eine Rückerstattung von bis zu 30 Prozent seines Versicherungsbeitrags«, sagt Christoph Lauterwasser, Geschäftsführer des Allianz Zentrums für Technik, des Kompetenzzentrums der Allianz für Automobiltechnologie. Kann eine solche Analyse der Daten auch von Nachteil sein? »Nein, denn wer sicher und vorausschauend fährt, wird belohnt«, sagt Lauterwasser. Besonders junge Fahrer:innen, die erst seit Kurzem ihren Führerschein haben, können profitieren. Aufgrund ihres Alters und statistischer Erfahrungen bezahlen sie höhere Prämien. Dank des individuellen Scores aus der »BonusDrive«-App können aber auch sie erreichen, dass sie deutlich unter dem in ihrem Alter eher hohen Tarif eingestuft werden. Aktuell hat die Allianz einen Gesamtbestand von rund 500.000 Verträgen mit dem Baustein »BonusDrive«. Wenn der EU Data Act greift, ist womöglich nicht einmal eine eigene App für derartige Angebote mehr nötig, sondern nur noch ein Haken im Menü des Autos, dass die Fahrdaten an bestimmte Vertragspartner übertragen werden können. »Und da die Nutzer:innen über die Weitergabe der Daten entscheiden, werden ihnen verschiedene Anbieter attraktive Angebote machen: von innovativen Fahrzeugservices über Rabatte bei Versicherungen bis hin zu verknüpften Mobilitätsangeboten«, erklärt Lauterwasser.

Außenspiegel kaputt: Durch direkten Datentransfer könnten Autos künftig Schäden der Versicherung selbst melden

Häufig dürfte es auch ein Bereitstellen der eigenen Daten für eine bestimmte Anwendung sein – und als Gegenleistung kann man dieselbe Anwendung kostenlos nutzen. Auch das ist ein Geben und Nehmen: »Wenn die Nutzerinnen und Nutzer ihre Daten zur Verfügung stellen, können sie die App kostenlos nutzen – so etwas kann ich mir gut vorstellen«, sagt auch Bolik von »LiveParking«. Für die App würde dies bedeuten, dass sie viele Livedaten von vernetzten Fahrzeugen in ihre Algorithmen integrieren könnte – die Kameras der Autos erfassen freie Parkplätze, und die Bewegungsdaten zeigen, wer wann wo einen Parkplatz gefunden hat. Neben Wahrscheinlichkeiten könnten zunehmend auch tatsächlich freie Parkplätze in der App angezeigt werden.

Auch die Elektromobilität könnte durch den EU Data Act eine weitere Beschleunigung erfahren. Denn aktuell sind Elektrofahrzeuge als Neuwagen zwar beliebt, der Gebrauchtwagenmarkt für Elektroautos aber kommt nicht gut ins Rollen, der Preisverfall ist schon nach kurzer Zeit recht hoch. Das liegt auch daran, dass aktuell vor allem der Kilometerstand zur Ermittlung des Werts herangezogen wird. Bei einem Elektroauto aber ist die Zahl der gefahrenen Kilometer nur wenig aussagekräftig. Hier geht es besonders um die Batteriealterung.

Wenn ein Auto meist in der Garage stand und als Stromspeicher für die häusliche Solaranlage genutzt wurde, dann hat es eine niedrige Kilometerzahl – aber trotzdem eine recht verbrauchte Batterie. »Es gibt im Auto eine Reihe von Sensoren, die anhand der Nutzung des Fahrzeugs über den aktuellen Zustand der Batterie informieren können. Wenn ich einen Gebrauchtwagen kaufe, könnte ich zur Bedingung machen, dass die Daten über die Batterienutzung ausgelesen, analysiert und als weitere Dienstleistung eines App-Anbieters anonym mit dem anderer Fahrzeuge verglichen werden. Das würde es ermöglichen, den Wert eines gebrauchten Elektrofahrzeugs viel besser einzuschätzen«, erklärt Lauterwasser. Man müsste nicht mehr die Katze im Sack kaufen. Und als Verkäufer:in könnte man für Autos, deren Batterie noch in einem guten Zustand ist, mehr Geld verlangen. Insgesamt entstünde ein fairerer Gebrauchtwagenmarkt.

»Es muss wirklich Datentransparenz herrschen«

Christoph Lauterwasser, Allianz

Aber die Vorteile gingen noch viel weiter. Ebenfalls interessant für Versicherungen sind die Möglichkeiten, die sich bei der Unfallerkennung und -analyse ergeben. »Während die Versicherung bisher eigene nachträglich eingebaute Sensoren an der Frontscheibe nutzt, um einen Unfall zu erkennen, können zukünftig direkt die entsprechenden Sensordaten aus dem Fahrzeug herangezogen werden«, weiß Lauterwasser. Durch den EU Data Act ließen sich noch mehr Echtzeitdaten nutzen. Das könnte die Servicelandschaft rund um die Mobilität weiter verbessern. »Schon bisher meldet das Auto, wenn es einen Unfall hatte, und kann die Rettungskräfte schnell benachrichtigen. Künftig wird es bei weniger schweren Unfällen sofortige Hilfe geben. Diese kann mittels der Fahrzeugdaten sehr gezielt erfolgen. Ein sehr wichtiger Touchpoint für uns als Versicherer«, hofft Lauterwasser.

Um all die möglichen Innovationen Wirklichkeit werden zu lassen, reicht der EU Data Act allein jedoch nicht aus. »Mit Blick auf Fahrzeugdaten ist das Gesetz ein wichtiger erster Schritt«, sagt Lauterwasser, »das aber durch eine spezielle Regulierung für Fahrzeuge ergänzt werden muss.« Auf dem 11. Allianz Autotag wurde deshalb gefordert, in vier Punkten nachzuschärfen. Lauterwasser fasst zusammen: »Es muss wirklich Datentransparenz für jedes einzelne Fahrzeug herrschen. Betroffene müssen wissen, welche Informationen übermittelt werden. Zweitens muss Serviceanbietern ein standardisierter Mindestdatensatz zur Verfügung gestellt werden, damit die Kosten für die Entwicklung von Services überschaubar bleiben, auch über verschiedene Marken und Modelle hinweg. Drittens muss der Marktplatz reguliert werden, um den sicheren Datenaustausch und das Einverständnis der Kundinnen und Kunden zu gewährleisten. Und viertens benötigen wir faire Preise für die Datenübertragung, um Wettbewerb zu ermöglichen.«

Trotzdem steht jetzt schon fest: Mit dem EU Data Act nimmt die Europäische Union eine Vorreiterrolle ein. Auch für die Autoversicherung kann damit ein neues Zeitalter anbrechen. Die bessere Datennutzung könnte sowohl Versicherern als auch Kund:innen beispielsweise die Abwicklung von Schäden enorm erleichtern. Denkbares Szenario: Einem parkenden Auto wird durch ein vorbeifahrendes Fahrzeug ein Außenspiegel abgebrochen. Die Versicherung des Geschädigten erhält auf dessen Wunsch die Fahrzeugdaten in Echtzeit – und stößt automatisch die Bestellung des passenden Ersatzteils an, bucht einen Werkstatttermin in der Nähe und reserviert einen Mietwagen. Noch bevor der Kunde oder die Kundin den Schaden melden muss, bekommt er oder sie einen Anruf mit den besten Wünschen sowie einem Komplettvorschlag zur Regulierung. Wenn der EU Data Act greift, könnte der Service in der Autoversicherung auf die Überholspur wechseln.

Text Christian Heinrich
Illustration Timo Lenzen

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