Franziska van Almsick im Allianz Interview

12.10.2020

»Für Kinder ist Schwimmen ein Grundrecht«

Zur Person

Franziska van Almsick

Der Goldfisch der Nation ⊲ Als Franziska van Almsick bei den Olympischen Spielen 1992 die Herzen der Deutschen eroberte, war sie gerade 14 Jahre alt. Heute kämpft sie mit ihrer eigenen Stiftung für mehr und besseren Schwimmunterricht. Zudem engagiert sie sich als stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende in der Deutschen Sporthilfe. Die private Sportförderinitiative, für die sich auch die Allianz als Sponsor einsetzt, unterstützt seit 1967 Nachwuchs- und Spitzensportler: finanziell sowie bei der Karriereplanung und Persönlichkeitsentwicklung. Franziska van Almsick lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Heidelberg.

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Die vielen Badeunfälle in diesem Sommer zeigen, wie wichtig ihr Anliegen ist: Franziska van Almsick setzt sich mit ihrer Stiftung für mehr Schwimmunterricht ein. Im Interview erklärt die ehemalige Weltklassesportlerin, wie sie Kinder vor dem Ertrinken bewahren möchte – und warum Brustschwimmen der falsche Einstieg ist.

Frau van Almsick, die Welt lernte Sie 1992 als 14-jährige Ausnahmeschwimmerin bei den Olympischen Spielen kennen. Welches Verhältnis haben Sie heute zum Wasser? Ich persönlich fühle mich darin rundum wohl. Jedenfalls, wenn es warm ist, sonst friere ich schnell. Wasser ist mein Zufluchtsort, dort kann ich stundenlang Bahnen ziehen und bin ganz bei mir. Ich mag die Ruhe, das Eintönige, Einsame. Aber gerade als Schwimmerin weiß ich auch um die Gefahren des Wassers.

Sehen Sie im Video: das Making-of vom Fotoshooting 

Kennen Sie so etwas wie unbeschwerten Badespaß? Dafür gibt es leider zu viele Hiobsbotschaften. 2019 sind in Deutschland laut DLRG 25 Kinder im Vor- und Grundschulalter ertrunken. Insgesamt waren es 417 Menschen. Ich finde das zu viel. Und dass wegen der Corona-Pandemie Kurse und Unterricht ausgefallen sind, verursacht mir zusätzlich Unbehagen. Ich kann nur sagen: Passt auf eure Kinder auf! Und schaut auch nach links und rechts, was andere machen.

»Jeder zweite Drittklässler kann nicht sicher schwimmen«

Franziska van Almsick

Was nehmen Sie wahr, wenn Sie sich in einem durchschnittlichen Schwimmbad umblicken? Für mich ist es eine Zumutung, im Freibad zu sehen, wie dort viele nicht richtig schwimmen können, auch Erwachsene. Wahrscheinlich haben sie es nie richtig gelernt, aber die Missstände sieht man deutlich.

Droht Deutschland ein Land von Nichtschwimmern zu werden? Jeder zweite Drittklässler kann nicht sicher schwimmen. Es gibt gerade auf dem Land zu wenig Bäder und keinen guten Unterricht, denn mit 30 Schülern ist das unmöglich. Was mich so ärgert: Heute ist es wichtig, dass unsere Kinder Chinesisch oder ein Musikinstrument lernen, aber Schwimmen wird stiefmütterlich behandelt. Ich finde, für Kinder ist Schwimmen ein Grundrecht. Denn egal in welchem Alter: Irgendwann im Leben kommt man in Berührung mit Wasser. Und wer es dann nicht kann, läuft Gefahr, zu ertrinken.

Sind wir zu leichtsinnig? Viele überschätzen sich. Bei manchem denke ich: Das sieht nicht gut aus, wie der schwimmt, und dann traut er sich noch allein durch den See? Selbst ich schwimme längere Strecken nie allein. So etwas macht man nicht, denn jeder kann mal in Not geraten.

Waren Sie je in Gefahr? Nein, ich musste Gott sei Dank auch noch nie jemanden retten. Wobei: Wenn ich auf ein Boot komme, fühlen sich alle plötzlich so sicher. Ich sage dann: Liebe Leute, ich bin zwar schnell, aber keine Rettungsschwimmerin, fallen Sie mir jetzt bloß nicht da rein!

»Den Tod durch Ertrinken hört man nicht«

Franziska van Almsick

Wie ist es zu erklären, dass Menschen auch verunglücken, wenn sie direkt neben anderen baden? Das Gefährliche ist: Den Tod durch Ertrinken hört man nicht. Der Mund ist unter Wasser, dann plätschert es ein bisschen. Aber das bemerkt bei Vogelgezwitscher und anderen Geräuschen niemand. Gerade Kinder gehen unter wie Steine.

Was leistet Ihre Stiftung? Wir kooperieren im Moment mit 29 Städten. Dort beraten wir Schulen und Lehrer, optimieren die Belegung von Bädern, organisieren Busfahrten. Und wir stellen qualifizierte Schwimmtrainer zur Verfügung, damit Lehrer und Trainer große Klassen in kleinere Gruppen aufteilen können. Nur dann hat der Schwimmunterricht Sinn.

Viele Schulen verlangen, dass Kinder bereits zur Einschulung schwimmen können. Und was ist der Nachweis? Das Seepferdchen? Das wiegt viele Eltern in Sicherheit, aber es reicht nicht. Schwimmen können und sich über Wasser halten ist nicht das Gleiche.

Sind Sie gegen Abzeichen? Nein, im Gegenteil, es müsste viel mehr davon geben, damit die Kinder motiviert bleiben. Das Seepferdchen ist ein guter Anfang, der bedeutet, dass man sich irgendwie 25 Meter lang über Wasser halten kann. Dann kommt Bronze, viel später Silber – und Gold vielleicht erst mit 14, weil man 800 Meter erst mal schaffen muss. Die Abstände sind zu groß.

Franziska van Almsick will den Schwimmunterricht in Deutschland fördern. Um den steht es schlecht
Franziska van Almsick will den Schwimmunterricht in Deutschland fördern. Um den steht es schlecht

Wir müssen zugeben, dass wir selbst nicht die besten Schwimmer sind … Das ist schade. Und ich empfehle Ihnen, einen Kurs zu machen und zumindest eine Schwimmart richtig zu lernen. Das lohnt sich, Sie haben später so viel davon!

Ihnen geht es also nicht nur darum, Badeunfälle zu vermeiden, sondern um Lebensqualität? Es geht mir um beides. Schwimmen ist der Gesundheitssport Nummer eins – das muss man sich immer wieder vor Augen führen. In einer Gesellschaft, die immer älter wird, ist Schwimmen extrem wichtig. Fußball, Tennis, Jogging, auch Golf – im Alter wird das alles schwierig. Sich im Wasser zu bewegen, tut dagegen immer gut, auch mit Arthrose oder Rückenleiden.

»Ich weiß nicht mal, ob ich das Seepferdchen gemacht habe«

Franziska van Almsick

Wenn man es einmal richtig gelernt hat? Ja, im Tennis bekomme ich mit schlechter Technik Schmerzen im Arm, und bald macht es keinen Spaß mehr. So ist es beim Schwimmen auch. Aber erklären Sie das mal achtjährigen Kindern, dass die Technik wichtig ist, damit sie sich in 70 Jahren als Rentner noch anständig bewegen können. Mein kleiner Sohn ist sieben, er hält sich gut über Wasser und bewegt sich sicher, aber er kann noch nicht schwimmen. Er wird so lange zum Training gehen, bis er eine Technik sauber beherrscht. Dann kann er damit aufhören.

Wie haben Sie Schwimmen gelernt? Ich erinnere mich leider nicht mehr. Aber es gibt die Legende, dass ich mit fünf Jahren ins Wasser gesprungen bin und es einfach konnte. Ich weiß nicht mal, ob ich das Seepferdchen gemacht habe.

In der DDR hieß es »Schwimmstufe«, oder? Stimmt, wahrscheinlich hatte ich die, das war straff organisiert.

»Ich kann es eigentlich gar nicht«

Franziska van Almsick über Brustschwimmen

Mit welcher Disziplin haben Sie angefangen? Ich fürchte ja, dass es doch das Brustschwimmen war.

Was wäre daran schlimm? Ich glaube, dass es völlig falsch ist, obwohl es bis heute oft so gemacht wird. Schwimmen ist koordinativ anspruchsvoll – die Beine machen etwas anderes als die Arme –, und Brustschwimmen ist die schwierigste Schwimmart. Brustschwimmen ist auch meine schlechteste Disziplin. Ich kann es eigentlich gar nicht.

Was wäre die Alternative für Anfänger? Rückenschwimmen. Der Kopf guckt raus, man kann atmen, wie man will, und sich ganz auf die Beinarbeit und die Arme konzentrieren.

Für unsere Fotos haben wir Ihnen Schwimmflügel mitgebracht. Sind die noch zeitgemäß? Schwimmen lernt man damit nicht, aber davor geben sie Sicherheit. Und sie sind ein Zeichen an alle, dass da jemand noch nicht schwimmen kann.

Seit 2000 hat jedes zehnte Schwimmbad in Deutschland zugemacht. Wie wollen Sie Kommunen davon überzeugen, die Kosten als Investition in die Gesundheit ihrer Bürger zu betrachten? Der Betrieb ist teuer, aber es gibt Dinge, bei denen der Staat entscheidet, dass sie trotzdem nötig sind. Ich würde mir eine Förderung von Bund und Ländern für kommunale Bäder und so etwas wie eine Schwimmbadquote wünschen: Flächendeckend müsste sichergestellt werden, dass man nur eine halbe oder maximal eine Stunde ins nächste Bad fährt.

Beim Fototermin spielt Franziska van Almsick mit Schwimmflügeln und Rettungsringen. Unser Dankeschön: ein Goldregen
Beim Fototermin spielt Franziska van Almsick mit Schwimmflügeln und Rettungsringen. Unser Dankeschön: ein Goldregen

»Ich bin die Unvollendete«

Franziska van Almsick

Wegen Corona ist nicht nur viel Unterricht ausgefallen, auch die Olympischen Spiele wurden verschoben. Wie finden Sie das? Sehr schade, aber es war die absolut richtige Entscheidung. Sie hätte nur früher getroffen werden können, man hat die Sportler zu lange im Ungewissen gelassen. Als Schwimmer bereitet man sich jahrelang auf das Datum des Wettkampfs vor, da sind Änderungen nicht so einfach.

Wie blicken Sie auf Ihre Schwimmkarriere zurück? Ich bin die Unvollendete. Ich habe alles erreicht – außer olympisches Gold. Da bin ich 1992 und 1996 knapp vorbeigerauscht – ein Wimpernschlag! Mit zunehmendem Alter erkenne ich, was ich geleistet habe und wie knapp das war, aber es wird schwieriger, sich die alten Videos anzuschauen.

Trotzdem waren Sie eine der ersten Ostdeutschen, die auch Wessis begeisterte. Na ja, die DDR hatte auch andere große Sportlerinnen wie Heike Drechsler oder Katarina Witt. Viele waren da leider voreingenommen. Auch im Osten, weil es Spitzensportlerinnen in der DDR besser ergangen war als anderen. Ich hatte das Glück, dass ich neu war: die süße, putzige, unangepasste Franzi, die sagte, was sie dachte.

»Wie, da gab es mal eine Mauer und eine Wiedervereinigung?«

Franziska van Almsick

30 Jahre deutsche Einheit – sind Sie sich bewusst, dass Sie etwas zum Zusammenwachsen beigetragen haben? Nicht wirklich. Ich würde eher sagen, dass ich wahnsinniges Glück hatte, in dieser Zeit groß zu werden. Mein älterer Sohn ist 13. Er kennt die Fakten, aber für jeden, der es nicht miterlebt hat, ist es schwer zu begreifen: Wie, da gab es mal eine Mauer und eine Wiedervereinigung? Meine beiden Söhne sind Einheitskinder und profitieren davon. Mein Mann kommt aus dem Westen, ich aus dem Osten. Ich bin froh, nicht Zeitzeuge von etwas Schrecklichem zu sein, sondern von etwas Tollem.

Interview  Christian Gottwalt, Niclas Müller
Fotos          Maurice Kohl

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