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21.06.2022

»Ich will den Alltag mit den Leuten teilen«

Stephan Orth (42), Reporter und Buchautor übernachtet auf seinen Reisen nicht im Hotel, sondern auf den Schlafsofas oder in den Betten privater Gastgeber. Das Couchsurfing hat ihm Stoff für mehrere Bücher geliefert. Zurzeit ist der Wahl-Hamburger wieder unterwegs und daher nur per Videotelefon für 1890 digital erreichbar.

Zur Person

Couchsurfing

Stephan Orth (42), Reporter und Buchautor, war schon überall auf der Welt unterwegs – übernachtet hat er nicht einfach in Hotels oder Ferienwohnungen. Seine bevorzugte Form des Reisens ist das »Couchsurfing«.

Herr Orth, wo erreichen wir Sie?

Ich bin gerade in Kiew, um eine Reportage zu schreiben. Allerdings mache ich dort kein Couchsurfing, das ist nicht die richtige Zeit, um den Menschen privat auf die Pelle zu rücken. Diesmal habe ich ein kleines Apartment in der Stadt gemietet.

Ein Apartment bzw. ein Hotel sind auch die üblicheren Unterkünfte. Wann haben Sie sich fürs Couchsurfing entschieden?

Ich habe damit vor knapp 20 Jahren in Vancouver angefangen. Das war eine so tolle Erfahrung, dass ich seitdem ständig so gereist bin. Für mich wurde es so normal, dass ich erst spät auf die Idee gekommen bin, übers Couchsurfing auch zu schreiben.

Für alle, die es noch nie gemacht haben: Wie funktioniert Couchsurfing?

Die Mitglieder stellen sich in Profilen mit Fotos und Infos vor, in jeder Stadt der Erde findet man Leute. Im Gegensatz zu Buchungsplattformen wie zum Beispiel AirBnB erhält der Gastgeber kein Geld, man zahlt als Gast lediglich eine kleine jährliche Gebühr, um die Plattform nutzen zu dürfen.

»Ich habe eine Vorliebe für Länder mit einem schlechten Ruf.«

Stephan Orth

Sie haben mehr als 200 Gastgeber in mehr als 25 Ländern besucht. Über Iran, Russland, China und Saudi-Arabien haben Sie Couchsurfing-Bücher verfasst. Warum gerade diese Reiseziele?  

Ich habe eine Vorliebe für Länder mit einem schlechten Ruf. Ich suche nicht das Abenteuer und die Gefahr, ich will vielmehr den Alltag mit den Leuten teilen. Wenn man über das tägliche Leben in einer Diktatur schreibt, kann man etwas wirklich Neues erzählen und den Leser überraschen – mehr, als wenn man durch Italien oder Spanien reist.

Wie haben Sie Gastfreundschaft in Ländern wie Iran oder Saudi-Arabien erlebt? 

Iran und Saudi-Arabien sind, obwohl Nachbarländer, sehr verschieden. Beide sind extrem gastfreundlich. Im Iran aber gibt es sehr viele geheime, verbotene Freiheiten. Sobald die Tür zu ist, machen die Leute alles, was verboten ist: Sie feiern Partys, lästern über die Regierung oder über die Religion. In Saudi-Arabien sind die Leute weniger kritisch gegenüber ihrer Regierung. Oder sie trauen sich nicht, etwas gegen das Königshaus zu sagen.

Welche Gastgeber haben Sie nachhaltig überrascht? 

In Teheran wohnte ich bei einer Frau, die als Domina tätig war. Sie hat mich sogar mitgenommen auf ein Networking-Event, wo Mitglieder der Szene sich illegal in Parks getroffen haben. In Russland habe ich bei einer Weltuntergangssekte übernachtet, im Nordosten Chinas wohnte ein Gastgeber in einem Haus am Fluss mit direktem Blick nach Nordkorea.

Entstehen durch die Art des Reisens Freundschaften? 

Ich habe eine sehr gute Freundin aus Japan, die zuerst bei mir in Hamburg wohnte. Später dann habe ich sie bei ihrer Familie in Tokio und in München besucht. So konnten wir uns in verschiedenen Kulturen und verschiedenen Rollen begegnen, was sehr interessant ist.

Sie sind also auch selbst Gastgeber?

Ja, und ich genieße es sehr, wenn ich dank der Besucher meine eigene Stadt mit frischen Augen sehe. Man denkt nicht: »Was habe ich davon«, sondern es geht darum, dass man als Gastgeber jemand anderem etwas anbietet und sieht, was daraus wird. Meistens entsteht daraus etwas sehr Positives. 

Welche Schlafstätten waren besonders speziell?  

Skurril war meine Nacht neben dem Kernkraftwerk Buschehr im Iran. Das Atomprogramm ist ja ein riesiges Thema dort und die Sicherheitsbedenken sind groß. In Nadschran in Saudi-Arabien hörte ich die Geräusche des Krieges, denn es waren nur zwei Kilometer Luftlinie bis zur Grenze zum Jemen, und da flogen im Zehn-Minuten-Takt die Panzergranaten. Das waren nicht die besten Nächte meines Lebens.

aus China
Auf Samt gebettet: Orth schläft auf einem Sofa in Dalian, China
aus Russland
Auf dem Boden geblieben: Übernachtung bei Renat in Machatschkala, Russland
Credit: Gulliver_Theis
Nah am Wasser gebaut: die zweite Unterkunft von Orth in Machatschkala, Russland

Zum Nachlesen

In seinem aktuellen Buch »Couchsurfing in Saudi-Arabien« berichtet Stefan Orth ausführlich über seine Couchsurfing-Abenteuer in einem Land zwischen »Mittelalter und Zukunft«.

Gehört in jedes Handgepäck: der Allianz Reise-Krankenschutz

Egal ob Kurztrip, Fernreise oder Couchsurfing-Abenteuer  – eine Reiseversicherung sollten alle im Gepäck haben. Denn Arztbesuche oder Krankenhausaufenthalte im Ausland müssen Reisende in der Regel selbst zahlen. Und das kann ganz schön teuer werden. Weltweiten Schutz und Kostenübernahme für medizinische Versorgung bei Krankheit oder Unfall übernimmt deshalb der Allianz Reise-Krankenschutz. Schon ab 13,90 Euro pro Jahr zahlt die Versicherung nicht nur alle Behandlungskosten, sondern unter anderem auch den Krankenrücktransport ins Heimatland. Ganz neu im Service ist die Übernahme von Bergungs- und Rettungskosten, zum Beispiel bei Wanderungen oder Expeditionen. Und sogar für die Angehörigen wird gesorgt. Wenn Eltern erkranken, wird die Kinderbetreuung bezahlt und organisiert. Außerdem übernimmt die Allianz die An- und Rückreise einer nahestehenden Person. Mehr Infos zu Tarifen und Leistungen erhalten Sie bei Ihrer Allianz Agentur!

Und der Rücken hat sich über Ihre Art des Reisens noch nie beschwert?

Doch! Rückenschmerzen zählen tatsächlich zu meinen häufigsten Beschwerden auf Reisen. Manchmal buche ich zwischendurch zwei oder drei Nächte ein Hotel – auch, um eine Pause von den Menschen zu haben und die Recherche zu sortieren. 

Sind Sie schon einmal richtig krank geworden, brauchten Hilfe?

Schlimm erwischt hat es mich noch nicht. Aber in Griechenland bin ich auf einer Wanderung gestürzt und habe mir die Hand verletzt. Ich ging also zu einem Arzt in einer nicht sehr vertrauenerweckenden Praxis. Seine Therapie bestand darin, mir eine Spritze mit Betäubungsmittel in die Hand zu jagen. Drei Stunden später waren die Schmerzen wieder da. Da habe ich die deutsche Schulmedizin etwas vermisst.

Sind Sie gegen Krankheiten oder für Notfälle abgesichert?

Ich habe eine weltweit gültige Auslandskrankenversicherung, die – ganz wichtig – auch für Länder mit Reisewarnung gilt. Das ist eine Preisfrage. 

Und sonst brauchen Sie nichts? 

Für eine Expedition auf das grönländische Inlandeis auf Skiern habe ich eine Expeditionsversicherung abgeschlossen. Tatsächlich mussten wir sie auch in Anspruch nehmen, weil zwei unserer Pulkaschlitten brachen und wir das Eis nicht komplett durchqueren konnten. Wir mussten umkehren und den letzten Teil der Strecke mit dem Hubschrauber zurücklegen, was etwa 5000 Euro gekostet hat. Da war es wertvoll, gut versichert zu sein.

Andere Länder, andere Haushalte. Wo gibt es die größten Herausforderungen?

Im Badezimmer! Ich hatte schon öfter Angst, was kaputt zu machen oder die Wohnung unter Wasser zu setzen. Und manchmal lauern dort auch echte Gefahren: In China hatte ich ein Bad, in dem lauter offene Kabel in Knäueln in der Dusche hingen. 

Gibt es denn nichts, was Sie nicht aushalten?

Ich bin schon ziemlich schmerzfrei. Die Leute stellen mir kostenlos einen Schlafplatz zur Verfügung. Dafür bin ich erst mal dankbar, insbesondere, wenn es Menschen sind, die sehr einfach leben. Was Unordnung, Sauberkeit oder mangelnden Komfort angeht, halte ich schon einiges aus. Außerdem habe ich immer meinen eigenen Jugendherbergsschlafsack dabei.

Sie haben also noch nie vor einer Haustür wieder umgedreht?

Bis ich davonrenne muss viel passieren. Einmal, in Wladiwostok, wäre ich abgereist, wenn ich nicht für mein Buch dort gewesen wäre: Der Mitbewohner meines Gastgebers war ein Rassist und Verschwörungstheoretiker. Wir haben viel gestritten, aber da war mit Argumenten oder Fakten nichts zu machen. Immerhin profitiere ich als Autor davon, dass sich negative Reiseerfahrungen in gute Geschichten umwandeln lassen. 

Wie lernt man, gute von schlechten Gastgebern zu unterscheiden?

Wichtig ist das Bauchgefühl. Wenn sich die Konversation mit dem Gastgeber im Vorfeld komisch anfühlt oder das Profil seltsam aussieht, sollte man einen Rückzieher machen. Und man sollte auf die Referenzen bzw. Gästebewertungen achten. Sind dort viele gute Erfahrungen geschildert, gibt das Sicherheit.

Wie klappt es mit der Verständigung, wenn Englisch keine Option ist?

Die Mitglieder bei Couchsurfing können meistens recht gut Englisch. Grundlagen der Sprache versuche ich aber im Vorfeld immer zu lernen, damit ich zumindest nach dem Weg fragen kann. Aber auch Google Translate wird immer besser. Dann klappt auch die Kommunikation mit Taxifahrern, die nur Arabisch sprechen.

Wie kann man sich als Gast einbringen?

Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Ich mache oft den Abwasch, weil das gern angenommen wird. Oder wir kochen zusammen.

Credit: Foto_Christoph_Jorda
Mensch ärgere dich nicht: Stephan Orth beim Brettspiel mit Einheimischen in Nadschran, Saudi-Arabien – im Hintergrund waren Detonationen von Panzergranaten zu hören

»Es geht um einen Austausch von Neugier und Zeit, das ist das Tolle daran.«

Stephan Orth

Trotzdem erhält der Gastgeber kein Geld. Was bekommt er dann?

Es geht um einen Austausch von Neugier und Zeit ohne kommerzielle Hintergedanken, das ist das Tolle daran. Die Gäste »bezahlen« mit den Geschichten von ihren Reisen. Im besten Fall genießt man die Zeit miteinander und unternimmt etwas zusammen. Aber natürlich ist es eine nette Geste, den Gastgeber ins Restaurant einzuladen oder ihm oder ihr ein kleines Geschenk zu übergeben. 

Ihr Lieblings-Mitbringsel ist …?

… Lübecker Marzipan. Das hält einige Reisestrapazen aus. In muslimischen Ländern muss man damit aber vorsichtig sein, weil es einen ganz kleinen Anteil Alkohol enthält. 

Wie viele Wochen am Stück sind Sie für Ihre Bücher unterwegs?

Im Durchschnitt sind es neun bis zwölf Wochen. Das ist schon sehr intensiv, besonders wenn man im Drei-Tage-Takt von einem Gastgeber zum nächsten wechselt.  

Credit: Stefen.Chow
Groß gewachsen: Stephan Orth sticht aus der Menschenmenge in Peking heraus

Welche Ihrer Ziele würde ein normaler Tourist nie bereisen?

Dagestan oder Tschetschenien in Russland, vermute ich. Oder die Uiguren-Provinz Xinjiang in China. Auch Kiew ist in diesen Tagen sicher kein Urlaubsziel.  

Welche Ihrer vielen Begegnungen bleiben Ihnen am stärksten in Erinnerung?

Es gibt so viele, und oft sind es Kleinigkeiten. Im Iran lernte ich »Funman« kennen, dessen Lebensmotto es war, so viel Spaß wie möglich zu haben. Erst mit der Zeit habe ich verstanden, dass dieser Spaßtrieb keine Oberflächlichkeit war, sondern eine Überlebensstrategie, um mit den vielen Verboten in seinem Land klarzukommen. Wenn man erlebt, wie Menschen sich in Diktaturen zurechtfinden, wie sie ihre eigenen Freiheiten finden – da wird einem bewusst, was wirklich ernste Probleme sind.

Könnten Sie Urlaub in einem Luxushotel überhaupt genießen?

Ein bisschen Luxus zwischendurch ist schon fantastisch. Aber in einem zweiwöchigen Pauschalurlaub werden Sie mich wohl nie antreffen.

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie nach Hause kommen?

Auf meine Freunde, auf guten Käse und Franzbrötchen.

Text: Katja Fastrich
Fotos: Stephan Orth, Gulliver Theis, Christoph Jorda, Stefen Chow, Privat

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